Lokalsport

Und ewig lockt das Unentschieden

Die Einführung der Drei-Punkte-Regel hat sich nicht bewährt – Bezirksfunktionär Kuhn plädiert für ein Vier-Zähler-System

Vor 16 Jahren wurde im Fußball die Drei-Punkte-Regel eingeführt – eigentlich war sie für die Katz‘: Signifikante Änderungen in der Zahl der Unentschieden gab und gibt es bis heute nicht.

VfL Kirchheim - Bissingen 3:1TOOOR!, Display, Anzeige
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Kirchheim. Fußballfans, ganz gleich in welcher Liga, haben ein und dasselbe Feindbild: Es ist ein Spiel, in dem partout keine Tore fallen (wollen). Kein Wunder deshalb, dass der Weltfußballverband Fifa unter Federführung seines brasilianischen Präsidenten João Havelange schon vor 16 Jahren „Nullnummern“ und anderen Unentschieden den Kampf ansagte. Indem die Fifa die seit Jahrzehnten gültige Zwei-Punkte-Regelung ab der Saison 1995/96 außer Kraft setzte und stattdessen Siegerteams mit drei Zählern belohnte, wollte sie Trainer und Akteure zu mehr Risikofreude und Offensivspiel zwingen. Die größte Regeländerung in den Neunzigerjahren neben dem „Golden Goal“ (1996) polarisierte die Fachwelt extrem: Euphorische Bejaher witterten damals goldene Zeiten für den Angriffsfußball, eine konservative Skeptiker-Minorität kanzelte die Tabellenkosmetik aus Zürich als pure Augenwischerei ab.

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Glaubt man einschlägigen Statistiken, so haben die Reformgegner von einst Recht behalten: Eine signifikante Trendwende bei der Unentschieden-Zahl in Wettbewerbsspielen ist bis heute nicht nachzuweisen – weder in Profiligen noch auf Ama­teurebene. Beispiel 1. Bundesliga. Dort führten die Lizenzspieler aus München, Dortmund und Stuttgart die Drei-Punkte-Regel einmal sogar ad absurdum: Just in der Einführungssaison 1995/96 schnellte die Remis-Zahl in der Liga auf 35 Prozent. Das war ein Allzeithoch – keine Spielzeit davor und danach in der 48-jährigen Bundesligageschichte hat jemals einen höheren Wert aufgewiesen.

Erfahrungsgemäß kann man sagen, dass der Unentschieden-Anteil in Deutschlands Vorzeige-Liga sich auf konstantem Niveau bewegt: Jahr für Jahr irgendwo zwischen 20 und 30  Prozent. Zwar stellten die Ökonomen Dilger und Geyer 2007 fest, dass es in den ersten zehn Jahren nach Einführung der Drei-Punkte-Regel in der Summe zu weniger Unentschieden kam (29,23 Prozent) als in den zehn Jahren zuvor (25,23). Vor falschen Rückschlüssen warnten gleichwohl die ebenfalls aus der Fußball-Hochburg Nordrhein-Westfalen stammenden Sportpsychologen Strauß, Hagemann und Loffing zwei Jahre später in einer Analyse. Die Prozentzahlen veränderten sich je nachdem, welchen Zeitraum man betrachte, argumentierten sie. Mit der Saison 1977/78 als Berechnungsgrundlage sähe alles anders aus. Seinerzeit blieb lediglich jedes fünfte Spiel ohne Sieger (19,6 Prozent) – ärmer an Unentschieden war keine andere Erstliga-Saison. Wobei ja noch die Zählweise ohne Zusatzpunkt galt.

Hat die vor 16 Jahren von der Fifa durchgeboxte Drei-Punkte-Regelung ihre Wirkung verfehlt? „Ja“, antwortet Arnold Ardelmann, Bezirksliga-Staffelleiter Neckar/Fils, uneingeschränkt. Der Mann aus Schlierbach stellt der Zähler-Zäsur aus Zürich im Nachhinein ein schlechtes Zeugnis aus: „Sie hat nichts gebracht, auch nicht im regionalen Bereich.“ Wieso aber kommen auf den Sportplätzen so viele Unentschieden zustande, wo doch den Kontrahenten ein „Dreier“ winkt? Für Ardelmann, der als Schiedsrichter viel herumkommt, liegt die Antwort in der Natur der (Fußball-)Sache: „Es finden nun mal viele Spiele statt, in denen eine klare Favoritenstellung gegeben ist. Gerät ein Außenseiter im Verlaufe einer Partie nicht früh in Rückstand, versucht er natürlich mit aller Macht, den einen Punkt gegen den Favoriten bis zum Schlusspfiff zu verteidigen.“ Einfache Punktgewinne seien für viele Mannschaften weiterhin erstrebenswert, sagt Ardelmann. Und ewig lockt das Unentschieden.

Auch in der Bezirksliga Neckar/Fils hatten Tore­gleichstände nach 90 Spielminuten zuletzt wieder Hochkonjunktur. In der vergangenen Saison 2010/11 endeten 21,5 aller Rundenspiele unentschieden – ein Anstieg gegenüber der Vorsaison um fast zwei Prozent. Damit erreicht die Remis-Zahl im Bezirksoberhaus heutzutage fast wieder das Niveau der Saison 1994/95, der letzten Spielzeit vor der Regeländerung (22,2). In den zwei Spielzeiten nach der Reform war die Unentschieden-Zahl auf 20,0 und 19,1 Prozent abgesunken, doch ein nachhaltiger Effekt blieb aus.

Das gilt im Übrigen auch für die meisten anderen Spielklassen im Bezirk – eine spürbare Reduzierung der bei den Fans ungeliebten Unentschieden gab es seit der Regeländerung nicht. Statistisch gesehen geriet die Fifa-Regelung fast zum reinenn Flop. Eine Einschätzung, die auch Bezirks-Funktionät Harald Kuhn aus Neckartailfingen teilt. Für den Schiedsrichter-Obmann gehört die Drei-Punkte-Regelung eigentlich in die Mottenkiste. Deshalb plädiert er für eine Art Update bei der Punktevergabe. „Offenbar sind zwei Punkte Differenz zwischen einem Unentschieden und einem Sieg zu wenig“, sagt er und wünscht sich, dass die Verantwortlichen „vielleicht einmal überlegen sollten, vier Punkte für einen Sieg zu vergeben.“ Kuhn plädiert für einen nochmals erhöhten Sieganreiz.

Vier Punkte pro Matchgewinn: Derlei würde Kuhn als einmaliges Experiment durchaus begrüßen. An einen nachhaltigen Erfolg mag aber auch er nicht so recht glauben.