Lokalsport

Unger in der Warteschleife

Warum hat sich noch kein Club gemeldet?

Die Suche nach einem neuen Verein gerät für Tobias Unger immer mehr zur Hängepartie: Der 30-jährige Sprinter wartet immer noch auf Signale eines neuen Arbeitgebers. Derweil hat Micky Corucle bereits Alternativen ersonnen. Sollte sich bis Verstreichen der Wechselfrist Ende November nichts tun, will der Trainer ein eigenes Team aus dem Boden stampfen.

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Peter Eidemüller

Kirchheim. Keine Nachrichten sind gute Nachrichten – ob Tobias Unger die Binsenweisheit dieser Tage unterstreichen soll, ist fraglich. Über die Gründe, warum sich noch immer kein Verein beim erfolgreichsten deutschen Sprinter der vergangenen Jahre gemeldet hat, kann nur gemutmaßt werden.

Ist er zu alt? Mit seinen 30 Jahren zählt Unger sicherlich nicht mehr zu den jungen Wilden, aber immerhin hat ihn der Deutsche Leichtathletikverband ins sogenannte „Top Team 2012“ berufen – dort sind all jene Athleten vertreten, denen der DLV Chancen auf eine Olympiateilnahme in London zutraut. In Ungers Fall allerdings nicht im Einzel, sondern in der Staffel. Will er zu seinen dritten Spielen, müsste er sich in den nächsten drei Jahren gegen wesentlich jüngere Top-Teammitglieder wie Robert Hering oder Stefan Schwab durchsetzen, die im Olympiajahr 22 und 25 alt sein werden – Unger hingegen schon 33. Gut möglich, dass kein Club in Deutschland ihm den prestigeträchtigen Sprung nach London zutraut und daher nicht bei ihm anklopft.

Ist er zu teuer? Dass ihn noch kein Verein verpflichtet hat, muss nicht automatisch heißen, dass seine Gehaltsvorstellungen zu hoch sind. Viele Clubs haben angesichts der Wirtschaftskrise wenig finanziellen Spielraum. Wahrscheinlicher ist, dass potenzielle Interessenten ihn so lange zappeln lassen, bis er gezwungen ist, ein finanziell abgespecktes Angebot anzunehmen.

Ist er zu sehr an Kirchheim gebunden? Unger besitzt zwar ein Haus in Kirchheim, wäre laut eigenem Bekunden jedoch bereit, einen Zweitwohnsitz in der Stadt eines neuen Clubs zu beziehen. Dass es damit nicht getan sein wird, ist ihm jedoch klar: Ein zwischen Wohnort und Trainingsstätte pendelnder Athlet wäre kaum in der Lage, konkurrenzfähig zu bleiben.

Ist er zu sehr an seinen Trainer gebunden? Tobias Unger ohne Micky Corucle, das war bislang undenkbar. Allerdings signalisiert der Trainer, dass er seinen Schützling ziehen lassen würde, sollte ein neuer Verein einen eigenen Coach stellen wollen. „Ich werde ihm nicht im Wege stehen“, betont Corucle, der jedoch fest davon ausgeht, dass sich bis Ende der Wechselfrist am 30. November etwas tun wird. „Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass Tobias bei einem Verein unterkommt.“

Doch offenbar ist hunterprozentige Sicherheit für den 47-Jährigen kein Grund, nicht auch nach Alternativlösungen zu suchen. „Ich habe einige Notfallpläne in der Schublade“, versichert Corucle. Einer davon sieht vor, Unger zu einem reinen Meeting-Athleten zu machen. Soll heißen: Statt bei DLV-Veranstaltungen zu starten, würde Unger wie ein Großteil der amerikanischen Athleten von Meeting zu Meeting tingeln, um Geld zu verdienen. Voraussetzung dafür wäre jedoch, dass er einem Verein angehört. Für diesen Fall sieht Corucle die Gründung eines eigenen Clubs vor („Die Formalien dafür dauern nicht mal eine halbe Stunde“), der lediglich ein Mitglied haben würde: Tobias Unger. Um kostendeckend zu arbeiten, müsste er laut Corucle bei zehn bis 15 Wettkämpfen pro Freiluftsaison antreten. Allerdings ginge diese Rechnung nur auf, wenn Unger konstant gute Leistungen abliefern und verletzungsfrei bleiben würde. Andernfalls würde der finanzielle und sportliche K.o. drohen.

Auch wenn Micky Corucle zugibt, dass die Gründung eines eigenen Vereins die unwahrscheinlichste Variante wäre, zeigt es zumindest, wie sehr sich der Coach um eine Lösung bemüht. „Ich werde alles tun, damit Tobias nicht in Sportrente gehen muss. Dafür bin ich bereit, alle Register zu ziehen.“