Lokalsport

Unger und die Angst vor der Löwengrube

Da war es nur noch einer: Mit Tobias Unger geht bei den morgen beginnenden deutschen Meisterschaften in Karlsruhe nur ein Athlet aus der Kirchheimer Trainingsgruppe um Micky Corucle an den Start. Den Rest plagen Verletzungssorgen.

PETER EIDEMÜLLER

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KIRCHHEIM Die Enttäuschung schwingt mit in der Stimme von Lukas Erdmann: "Die Hallensaison kann ich abhaken." Der 22-jährige Hürdensprinter aus Weilheim wird den Coup aus dem Vorjahr, als er im Sindelfinger Glaspalast in den Endlauf über 60 m Hürden gestürmt und Siebter geworden war, in Karlsruhe nicht wiederholen können. Ein vor Wochen erlittener Ermüdungsbruch im rechten Fuß zwingt ihm trainings- und wettkampffreie Tage auf. "Ich war richtig gut drauf, die Zeiten waren top", klagt er. Seit drei Wochen kommt er auf Krücken daher, die Ursache für die Verletzung ist unklar, die Auswirkungen umso deutlicher: "Ich darf den Fuß momentan nicht belasten, kann nicht einmal joggen gehen." Mehr oder weniger willkommene Abwechslung bietet da der Uni-Lernstress. "Sieben, acht Stunden büffel' ich gerade täglich", sagt er, "das lenkt ein wenig ab."

Nicht minder genervt, dass sie in Karlsruhe nicht mitmischen kann, ist 60-m-Hürdensprinterin Stephanie Lichtl. Seit einem Trainingslager auf Lanzarote plagte die Kleinbettlingerin ein steifer Hals. Inzwischen strahlt der Schmerz durch den gesamten rechten Rumpf, als Ursache wird ein eingeklemmter Nerv vermutet dabei hatte die 20-Jährige zum erweiterten Favoritenkreis gezählt.

Über diesen Status ist Tobias Unger weit hinaus. Auf der 200-m-Strecke führt in Deutschland und auch Europa momentan kein Weg an ihm vorbei, er ist der unangefochtene Top-Favorit auf seiner Paradestrecke zumal er der Titelverteidiger der vergangenen beiden Jahre ist und er seine aktuelle Jahres-Hallenbestzeit (20,71 Sekunden) ebenfalls in Karlsruhe erzielt hat. "Über die 200 m kann eigentlich nichts passieren", ist Unger siegessicher. Sein Trainer Micky Corucle stößt ins selbe Horn: "Sein Sieg ist wenig gefährdet." Überheblichkeiten beim Erfolgs-Duo? Mitnichten, wenn man die Zeiten zu Grunde legt, die Ungers Konkurrenz über 200 m in der bisherigen Hallensaion abgeliefert hat: Sebastian Ernst (Wattenscheid/21,04) und Till Helmke (Friedberg/21,26) dürften in Karlsruhe über die Statistenrolle nicht herauskommen.

Ein Schicksal, das Unger nur zu genau kennt: Seit seinem verpatzten Auftritt bei der WM 2003 in Paris, als er sang- und klanglos ausschied, fürchten er und Corucle nichts mehr, als dass man ihn als "Tourist" bei Großveranstaltungen verhöhnt. Genau aus diesem Grund bestreitet Unger auch nur den Vorlauf über 60 m in Karlsruhe. "Warum soll ich ihn in die Löwengrube werfen?" fragt Corucle. Sollte Unger nämlich gewinnen und/oder die DLV-Norm für die Hallen-WM in Moskau knacken, würde ihn in Mütterchen Russland mit Sicherheit das Vorlauf-Aus ereilen. Zu stark sind da die Kurzstreckensprinter aus Übersee. Dass es dennoch zu einer Titelverteidigung über 60 m in Karlsruhe kommen könnte, mag Unger nicht ausschließen: "Wenn ich mit einem technisch sauberen Lauf überzeugen kann, laufe ich vielleicht auch im Zwischenlauf." Für Unger, der sich als interessierter Olympia-Gucker outet ("Die Biathlon-Staffel der Männer hat mich richtig beeindruckt"), sind die Titelkämpfe in Karlsruhe der vorletzte Wettkampf der diesjährigen Hallensaison. Bevor es am übernächsten Wochenende zum Meeting nach Chemnitz geht, hat er von Corucle eine Woche trainingsfrei bekommen.