Lokalsport

Unter vollen Segeln in schwerer See

Stefan Schumacher will ungeachtet aller Querelen im Radsport an die erfolgreiche Saison 2007 anknüpfen

Der größte Ärger ist inzwischen verraucht. Nach seiner Trunkenheitsfahrt im Oktober kehrt Stefan Schumacher als reuiger Sünder auf die Bühne zurück. Nach einer Aussprache mit Teamchef Hans Holczer will der Nürtinger 2008 wieder sportlich für Schlagzeilen sorgen.

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BERND KÖBLE

Nürtingen. Der Stachel saß tief. Als Gerolsteiner-Boss Hans Holczer bei der Teampräsentation für die neue Saison im Januar vor die versammelte Presse trat, erwähnte er den Namen Schumacher mit keiner Silbe. Der einstige Musterschüler von seinem Mentor zum Ausgestoßenen gestempelt, obwohl dieser 2007 die erfolgreichste Bilanz vorweisen konnte? Holczers Dünnhäutigkeit erschien verständlich: Die ungewisse Zukunft des Herrenberger Rennstalls, der in dieser Saison letztmals unter der Fahne des Gerolsteiner Mineralwasserkonzerns an den Start gehen wird, zerrt an den Nerven. Der Medienrummel um den Fehltritt seines Vorzeigeathleten brachte das Fass schließlich zum Überlaufen. Das Signal kam an. Schumacher zeigte sich reuig, wenngleich er die öffentliche Ohrfeige des Teamchefs nicht guthieß. „Wir haben uns ausgesprochen, die Sache ist bereinigt“, sagt der Nürtinger, der gestern in Richtung Lugano aufbrach, zum zweiten offiziellen Renntermin des Jahres.

Sauwetter, Erkältung, technischer Defekt beim Zeitfahren – der Saisonauftakt mit der Algarve-Rundfahrt vergangene Woche hat bei Stefan Schumacher inzwischen genauso Tradition wie die Begleitumstände. „Richtig kaputt“ sei er gewesen, als er am Sonntag spät in der Nacht vom Flughafen heimkehrte. Er nimmt‘s mit Galgenhumor: „Eigentlich fahre ich jedes Jahr nach Portugal, um mein Immunsystem aufzupeppen.“ Die Woche Rennpause im heimischen Nürtingen verlief daher zunächst anders als geplant. Training auf der Rolle, statt ausgedehnte Ausfahrten im Freien. Dafür Zeit, sich über die noch junge Saison Gedanken zu machen.

Die hat, noch ehe sie richtig begonnen hat, schon ihren ersten Knaller. Der seit langem schwelende Streit zwischen dem französischen Veranstalter ASO, der unter anderem die Rechte an der Tour de France besitzt, und dem Weltverband UCI schlägt seit Dienstag hohe Wellen, nachdem UCI-Chef Pat McQuaid den Teams finanzielle Sanktionen angedroht hatte, sollten sie am 9. März bei Paris - Nizza an den Start gehen. Das erste namhafte Etappenrennen der Saison wird ebenfalls von der ASO veranstaltet und gilt als ideale Vorbereitung auf die nachfolgenden Frühjahrsklassiker. Aus diesem Grund steht das Rennen auch im Kalender Stefan Schumachers, der im Falle eines Startverzichts von Gerolsteiner auf die Adria-Rundfahrt Tirreno Adriatico ausgewichen wäre. Eines von beiden Rennen, so sagt er, sollte man fahren, um bei den schweren Eintagesrennen ein Wörtchen mitreden zu können. Die Pro-Tour-Teams haben sich inzwischen in einer gemeinsamen Erklärung vom Mittwoch geeinigt, die UCI-Empfehlung zu ignorieren und bei Paris - Nizza zu starten. „Wir werden dabei sein“, bestätigte Gerolsteiner-Pressesprecher Jörg Grünefeld gestern auf Anfrage. „Uns bleibt nur zu hoffen, dass sich beide Parteien rasch einigen werden.“

Das hofft auch Stefan Schumacher, denn sollte der Streit eskalieren, könnte ein großer Traum des Nürtingers zerplatzen. Die Entscheidung zwischen einem Start bei den Olympischen Spielen in Peking oder einer Teilnahme an der Tour de France dürfte schnell gefällt sein. Einen freiwilligen Verzicht auf die prestigeträchtige Frankreich-Rundfahrt kann sich schon aus finanziellen Gründen keine Mannschaft erlauben. „Eine olympische Medaille ist für jeden Sportler eine ganz spezielle Geschichte, eine Art Bonus“, sagt Schumacher, der die Verbandsquerelen für eine üble Posse hält. „Ich will einfach nicht glauben, dass es so weit kommt.“

Während der Radsport weiter seine Krisen pflegt, hat der 26-Jährige seine Saisonziele gewohnt selbstbewusst gesteckt: Mindestens einen Sieg will er im Frühjahr bei einem Klassiker einstreichen. Ob beim Amstel Gold Race Mitte April, wo der Nürtinger als Titelverteidiger in der ersten Startreihe stehen wird, oder eine Woche später bei Lüttich - Bastogne - Lüttich. Ein traditionsreiches Rennen, das er einmal in seiner Karriere gewinnen will. „Je früher, desto besser“, sagt er. Auch bei der Frankreich-Rundfahrt, die am 5. Juli in der Bretagne beginnt, rechnet sich der Mann mit dem kahlen Haupt einiges aus. Einen Etappensieg und den einen oder anderen Tag im gelben Trikot. Das klingt ähnlich wie bei seinem Debüt im Vorjahr, als er sich nach einem völlig missratenen Prolog erkältungsgeschwächt durch die Tour quälte und als 87. immerhin dazu beitrug, dass Gerolsteiner als einzige Mannschaft alle Fahrer in Paris ins Ziel brachte.

Dieses Jahr soll alles anders werden, und die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Das geänderte Gesicht der Tour scheint wie geschaffen für den Allrounder aus dem Schwabenländle. Ein verkürztes Einzelzeitfahren gleich am vierten Tag, dazu mehrere Mittelgebirgs-

etappen während des ersten Drittels der Tour. Damit rückt besonders die erste Woche ins Visier des Nürtingers, der fest an seine Chance glaubt. Ohne Ansprüche aufs Gesamtklassement kann er sich ganz seinem Traum in Gelb widmen. Was danach kommt, ist die Kür, bei der viel davon abhängen wird, wie weit die Kraft reicht. Die Saison im olympischen Jahr ist hart und lang und wenn ein Großteil der Fahrer bereits vom Urlaub träumt, werden in Norditalien die WM-Medaillen verteilt. Anders als bei der letztjährigen Heim-WM in Stuttgart hat das Straßenrennen am 28. September in Varese bei Schumacher nicht höchste Priorität. Abhaken will er die Weltmeisterschaft trotzdem nicht. Wenn er am morgigen Sonntag in Lugano vom Rad steigt, bleibt vielleicht noch Zeit für eine Stippvisite. Der Kurs in Varese liegt schließlich gleich um die Ecke. Da dürfte es einem, der im Vorjahr zumindest am Titel schnuppern durfte, schwer fallen, nicht wenigstens einen Blick zu riskieren.