Lokalsport

Vereine pochen auf verlässlichen Rahmen

Für die einen ist es Ausdruck haushaltspolitischer Konsequenz, für die anderen langfristig eine Frage des Überlebens. Mitte Februar beraten die Fraktionen im Landtag erneut über weitere Einschnitte bei der Sportförderung. Der Teckbote bat Kirchheimer Vereinsvertreter und Landtagsabgeordnete zum Redaktionsgespräch an einen Tisch.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Der Aufschrei hat Wirkung gezeigt. Nach dem Dezemberboykott der Sportvereine zeigt sich die Landesregierung bei der Kürzung der Sportfördermittel kompromissbereit. Statt der geplanten 5,25 Millionen Euro sollen 2005 nur noch 2,6 Millionen bei der Sportförderung gestrichen werden. Weitere 1,6 Millionen sind für das kommende Jahr geplant. Auf diesen gemeinsamen Nenner einigte sich die CDU bei ihrer Klausurtagung im Januar. Doch für die Vereine ist das Thema damit nicht vom Tisch. Sie pochen auf Verlässlichkeit und machen einmal mehr deutlich, worum es geht: Um den Fortbestand der Sportvereine in ihrer jetzigen Form.

Die Probleme sind in Kirchheim nicht anders als sonstwo im Land. Der Boom der achtziger Jahre im Sportstättenbau, macht sich heute bei den Sanierungskosten bemerkbar. Hinzu kommt, dass durch die bereits im vergangenen Jahr ersatzlos gestrichene Sportgeräteförderung den Vereinen das Geld für dringend benötigte Neuanschaffungen fehlt. Während die Kommunen, in deren Obhut ein Großteil der Sportstätten liegt, inzwischen kaum mehr in der Lage sind, den Status quo zu halten, liegen auch in den Vereinen dringende Investitionen auf Eis. Selbst dort, wo Zuschüsse bereits bewilligt sind.

Beim TSV Ötlingen besteht seit Jahren dringender Sanierungsbedarf. "Wir haben Investitionsanträge, die längst durch sind", beschreibt dessen Vorsitzender Helmut Blasi das Dilemma. Denn bis heute fehlt jegliche Zusage, wann die Mittel fließen. "Wenn wir unsere Sportstätten jetzt herunter wirtschaften, bekommen wir früher oder später die Rechnung präsentiert", ist auch Hermann Schnizler, Vertreter des TSV Jesingen überzeugt. Den Vorwurf, die Vereine schöpften ihre eigenen Einnahmequellen nicht genügend aus, lässt Schnizler nicht gelten: Vereinssport müsse für Familien bezahlbar bleiben, andererseits hätten vor allem kleinere Vereine eine feste Mitgliederstruktur. "Diese Einnahmen lassen sich nicht beliebig mehren." Dass in vielen Vereinen längst auch die Mitgliedsbeiträge die prekäre Situation widerspiegeln, macht Vorstandsmitglied Horst Helfert am Beispiel des SV Nabern deutlich: Dort kletterte der Familienbeitrag von 75 Mark im Jahr 1998 auf inzwischen 95 Euro im laufenden Jahr. Jetzt fürchtet Helfert die ersten Austritte.

Die Lage ist vertrackt: Mit kommerziellen Anbietern wie Sport- und Fitnessstudios wollen sich die Vereine nicht messen, zumal mehr als ein Drittel ihrer Mitglieder in der Regel Kinder und Jugendliche sind, für die die Vereine ein wichtiges soziales Bindeglied darstellen. Doch ohne gewinnbringende Angebote, die denen der Sportstudios ähneln, ist heute kaum ein Verein mehr in der Lage, die finanziellen Einschnitte zu verkraften. Ein ungleiches Rennen, denn während lizensierte Trainer in Sportstudios ein veritables Entgelt erhalten, liegt die Übungsleiterpauschale in den Vereinen seit mehr als 30 Jahren bei 1,80 Euro die Stunde. Selbst dies wäre kaum haltbar, stünden den Vereinen weitere Kürzungen ins Haus. "Die Kuh ist noch lange nicht vom Eis", meint der Vorsitzende des Stadtverbands für Leibesübungen, Siegfried Hauff. Mit den jüngsten Zugeständnissen der CDU sei der Erhalt der Übungsleiterpauschale noch lange nicht gesichert. "Wir müssen dran bleiben", macht sich Hauff für die Fortführung der Proteste stark.

Für Doris Imrich, Vorsitzende des VfL Kirchheim, ist klar, dass ohne verlässliche Rahmenbedingungen durch Land und Kommunen Sportvereine in naher Zukunft nicht überlebensfähig sein werden. "Auch wir sind verpflichtet, einen Haushalt aufzustellen", hält sie politischen Argumenten entgegen. Was die Frau an der Spitze des größten Sportvereins im Kreis Esslingen besonders ärgert: In der Öffentlichkeit werde der Eindruck erweckt, die Vereine würden durch Steuermittel subventioniert. "Wir leben nicht von Subventionen, wir tragen das System über den Wettmittelfonds mit", macht Imrich deutlich. Nur: Die Zuschüsse aus dem Totto-Lotto-Topf haben sich inzwischen halbiert, weil die Erlöse zum Stopfen von Haushaltslöchern verwendet werden. "Wir können nicht jedes Jahr neu verhandeln", pocht die VfL-Vorsitzende darauf, die Sportförderung gesetzlich zu verankern.

Eine gesetzliche Grundlage, meint der Kirchheimer CDU-Landtagsabgeordnete Karl Zimmermann, kann es trotz des Verfassungsauftrags nicht geben. Auch die Landesregierung müsse ihre Finanzen ständig auf den Prüfstand stellen. "Nennen sie mir einen Bereich, wo es noch etwas zu holen gibt", warf der Politiker in die Runde. Entsprechend wenig Verständnis zeigt der CDU-Mann für Protestaktionen wie im Dezember, als Sporthallen geschlossen und Fußballstadien leer blieben. Eine Form des zivilen Ungehorsams, die Zimmermann nachdenklich macht: "Wenn demnächst der Notdienst in den Kliniken oder das Personal in den Pflegeheimen streikt, haben wir ein Problem in diesem Land."

Das jüngste Einlenken seiner Fraktion hält er für einen fairen Kompromiss. Auf lange Sicht müsse sich jedoch auch an den Strukturen der großen Sportverbände im Land etwas ändern. Der einstige Südweststaat leistet sich im Sportbereich bis heute den Luxus dreier unabhängiger Organisationen für die Regionen Württemberg, Baden und Südbaden. Eine Zusammenlegung hält die Kirchheimer SPD-Landtagsabgeordnete Carla Bregenzer zwar für sinnvoll, doch könne dies nicht die Politik auferlegen. Dass eine Straffung der Verbandsstrukturen den großen Wurf bedeuten könnte, glaubt Bregenzer ohnehin nicht, zumal die Serviceleistungen der Verbände vor Ort unverzichtbar seien. "Das Einsparpotenzial wird überschätzt", beruft sich die SPD-Politikerin auf ein Gutachten, das schon vor Jahren vom Kultusministerium erstellt wurde.

Vom 16. bis 23. Februar brütet der Landtag nun in zweiter Runde über dem Doppelhaushalt 2005/2006. Dabei will die SPD nach Worten Bregenzers für einen völligen Verzicht weiterer Kürzungen im laufenden Etat plädieren und eine entsprechende Gegenfinanzierung vorlegen. Ihr CDU-Kollege Karl Zimmermann hingegen sieht keine Chancen für weitere Zugeständnisse: "Mit dem jetzt vorgelegten Kompromissvorschlag haben wir für den Sport das Maximum heraus geholt."