Lokalsport

"Versuchen wir es mal auf den Punkt zu bringen"

EISLINGEN Strengen Blickes verfolgen Zeus, Apollon und Aphrodite das Geschehen. Die mit den Bildern griechischer Gottheiten verzierten Wände sind jedoch nicht das einzige, was einem auffällt. In einer

Anzeige

PETER EIDEMÜLLER

Schrankvitrine zeugen zahllose Pokale in allen erdenklichen Größen und Formen davon, dass man sich in einer typischen Vereinsgaststätte befindet: auf braun gefließtem Boden stehen schlicht gehaltene Stühle und Tische aus Holz, sechs Lampen spenden ein schales Licht, der unverwechselbare Geruch von Bratfett schwängert die ohnehin schon stickige Luft wo im Clubheim des ASV Eislingen sonst bei Schnitzel und Weizenbier das aktuelle Sportgeschehen analysiert wird, finden innerhalb des Fußballbezirks Neckar/Fils regelmäßig mündliche Verhandlungen des Sportgerichts statt.

Hans Sattmann, Siegfried Bippus und Jürgen Preißing kennen den Weg in die Staufeneckstraße 80 inzwischen auswendig. In ihren jeweiligen Funktionen als Vorsitzender, Stellvertreter und Beisitzer des Sportgerichts fällte das Trio in der vergangenen Saison 1225 Urteile. Die Verhandlungen folgen dabei stets demselben Muster. Nach Begrüßung per Handschlag und Bestellen der Getränke kramen sämtliche Beteiligte in ihren Unterlagen. Emsiges Papiergeraschel und eifriges Kulikritzeln sind das einzige, was die Stille zu Verhandlungsbeginn durchbricht. Dann plötzlich Stühlerücken: Gleich nachdem alle Platz genommen haben, bittet der Vorsitzende Richter die Zeugen auch schon wieder, den Raum zu verlassen zur Beweisaufnahme werden zunächst die Beschuldigten sowie die jeweiligen Vertreter der Vereine gehört. "Komm, wir bestellen eine Pizza", schlägt ein Zeuge dem anderen beim Verlassen des Raumes vor, "das kann dauern, bis wir wieder rein dürfen."

In der Tat vergehen an diesem Abend geschlagene zwei Stunden, ehe die Beweisaufnahme abgeschlossen ist. Die Beteiligten erklären sich in dieser Zeit so wort- und gestenreich, dass Siegfried Bippus ein Dutzend mal der Satz "Versuchen wir es mal auf den Punkt zu bringen" über die Lippen kommt. Zu wichtig ist den Beschuldigten und Vereinsvertretern in diesem Fall, ihre Sicht der Dinge darzulegen.

Rückblende: Anfang November war es vor, während und nach dem Spiel der Kreisliga A1 zwischen dem VfB Oberesslingen und dem VfB Reichenbach zu allerhand Klärungswürdigem gekommen. Heinz Ott, Staffelleiter der A1 und Vorsitzender der Oberesslinger in Personalunion, hatte Mitte der zweiten Halbzeit beim Stand von 1:0 für Reichenbach das Spielfeld betreten, um die Partie in seiner Funktion als Staffelleiter unter Verbandsaufsicht zu stellen, da sie seiner Meinung nach aus den Fugen zu geraten drohte. Der Schiedsrichter, dem sich Ott vor dem Spiel als Staffelleiter vorgestellt haben will, schickte ihn jedoch vom Feld, die Partie wurde fortgesetzt. Nachdem die Oberesslinger in der Nachspielzeit durch einen strittigen Elfmeter zum Ausgleich gekommen waren, spielten sich tumultartige Szenen ab. In einer Traube sich beschimpfender und schubsender Spieler, Funktionäre und Zuschauer soll ein Reichenbacher Spieler Ott geschlagen haben.

Kein alltäglicher Fall für das Sportgericht, das zu klären hat, ob Ott das Spielfeld zu Unrecht betrat und ob er versucht hat, den Schiedsrichter in seiner Funktion als Staffelleiter zu beeinflussen. Ferner ging es darum, festzustellen, ob die Partie aufgrund drohender Tumulte tatsächlich unter Verbandsaufsicht gestellt hätte werden müssen. "Na klar" sagen die Oberesslinger "auf keinen Fall" die Reichenbacher.

Während Siegfried Bippus mit zahllosen Fragen den Sachverhalt klären will, schreibt sich sein Kollege Preißing regelrecht die Finger wund. Akribisch notiert der 48-Jährige mit einem roten Kugelschreiber jedes Wort in winzigen Lettern auf einem gelben Block. Nach knapp zweieinhalbstündiger Verhandlung werden es acht Seiten sein Beweis für einen zeitintensiven Fall. Dies scheint auch Hans Sattmann zu bemerken. "Ich befürchte, heute schmeißt der Wirt uns raus", stöhnt der 68-Jährige nach der langen Beweisaufnahme.

Eine unbegründete Angst. Schließlich verdient der Pächter der ASV-Gaststätte an diesem Abend nicht schlecht an seinen unfreiwillig zusammen gekommenen Gästen. Immer wieder muss die Bedienung Getränke in den Nebenraum bringen. Durstlöscher Nummer eins ist Apfelsaftschorle. Einer ist offensichtlich ohne Abendbrot zur Verhandlung erschienen: Bezirksvorsitzender Karl Wieland bestellt zu vorgerückter Stunde ein paniertes Schnitzel mit Beilagensalat. "Guten Appetit", wünscht Heinz Ott, der bei dieser Gelegenheit aufsteht, um sich die Knie durchzustrecken.

Kaum hat Wieland den letzten Bissen vertilgt, bittet Siegfried Bippus die Vereinsverteter um ihre Schlussworte. Danach ziehen sich die drei Richter zur Beratung zurück, der Rest wird in die dunkle Eislinger Nacht entlassen Zeus, Apollon und Aphrodite haben es geschafft: Wieder mal ist eine Sportgerichtsverhandlung unter ihren strengen Augen zu Ende.