Lokalsport

VfL erneut als Stolperstein?

SSV Reutlingen gastiert morgen zum Pokal-Viertelfinale in Kirchheim

Wie man an der Jesinger Allee einen Regionalligisten schlägt, haben die Fußballer des VfL Kirchheim sicher noch nicht vergessen. Nach dem Achtelfinal-Coup gegen die Stuttgarter Kickers im Oktober (3:0) und der Testspielüberraschung gegen den VfR Aalen im Januar (1:0), erwarten die Teckstädter morgen (Anpfiff 19.30 Uhr) im WFV-Pokal-Viertelfinale mit dem SSV Reutlingen den nächsten Drittligisten. Das Selbstbewusstsein beim VfL ist nach dem Sieg in der Liga gegen Freiberg gewachsen.

Peter eidemüller

Kirchheim. Vergangenen Freitag, kurz vor 21.30 Uhr im Stadion an der Jesinger Allee. Am Spielfeldrand feiern die Oberligakicker des VfL zusammen mit ihren Anhängern singend und tanzend den 2:0-Sieg über den SGV Freiberg. „Wir singen Humba Humba Humba Täterä“, schallt es aus den Hälsen der Spieler, die zuvor von den Fans auf die Knie beordert worden waren – ein Ritual, das in der laufenden Saison noch zu selten zu beobachten war. Entsprechend groß die Erleichterung ob der drei Punkte, die den VfL ein Stückchen weiter aus der tabellarischen Gefahrenzone brachten. „Gott sei Dank“, entfuhr es Marketingchef Nico Jakuborska stellvertretend für alle Kirchheimer Verantwortlichen am Rande der Pressekonferenz nach dem Spiel. Gelungener hätte die Generalprobe für den Pokal-Schlager gegen Reutlingen am morgigen Mittwoch kaum laufen können.

Doch auch die Regionalligakicker von der Kreuzeiche hatten am Wochenende ihr Erfolgserlebnis: Per 1:0-Auswärtssieg beim SV Sandhausen entthronte der SSV den bisherigen Tabellenführer aus dem Rhein-Neckar-Kreis und katapultierte sich so wieder unter die Top Ten der Liga – die Qualifikation für die 3. Liga wäre nach momentanem Stand der Dinge gesichert. „Dieser Sieg war Balsam für unsere Seelen“, freute sich Reutlingens Coach Peter Starzmann noch gestern. Nach dem aus SSV-Sicht unglücklichen 1:1 in der Vorwoche gegen die Amateure des Karlsruher SC (Starzmann: „Wir haben die eine Halbzeit lang dominiert, uns aber nicht mit drei Punkten belohnt“), gelang dem ehemaligen Zweitligisten gegen Sandhausen die Überraschung des Regionalliga-Spieltags.

Überschattet wurde der Coup allerdings durch den verletzungsbedingten Ausfall von Mittelfeldspieler Manuel Waidmann (23), der mit Verdacht auf Kreuzbandriss ausgewechselt werden musste. „Sollte sich die Diag­nose bestätigen“, so Starzmann, „wäre sein Ausfall ein echter Schlag.“ Kein Wunder: Waidmann ist ein brandgefährlicher Akteur, erzielte in der laufenden Saison bereits fünf Tore und ist ein absoluter Führungsspieler: „Irgendwann einmal soll er unser Kapitän werden“, so Starzmann.

Den morgigen Gegner kennt der 45-Jährige aus dem Effeff, schließlich schnürte Starzmann zwischen 1986 und 1989 und in der Saison 1990/91 die Kickstiefel für den VfL. „Die Kirchheimer sind körperlich in einem Top-Zustand, der Verein ist bestens organisiert“, lobt er. Aktuelle Erkenntnisse gewann Starzmann just am vergangenen Freitag beim VfL-Sieg gegen Freiberg – somit zwangsläufig auch diese: „Der Platz ist in keinem guten Zustand.“

In der Tat gleicht der Rasen seit Wochen eher einem Rübenacker, gepflegtes Kurzpassspiel ist nahezu unmöglich – ein Vorteil für den SSV? „Reutlingen ist vor allem stark bei Standardsituationen, da müssen wir auf der Hut sein“, weiß VfL-Coach Christian Hofberger, der zusammen mit Kollege Michael Rentschler größtenteils auf die Elf setzen will, die Freiberg in die Knie zwang. „Eventuell bekommt der eine oder andere Spieler, der bislang nicht so oft zum Zug kam, gegen Reutlingen eine Chance“, lässt sich Hofberger nicht in die Karten schauen, was die Aufstellung angeht.

Einziger Wackelkandidat ist Angreifer Maximilian Laible, der aufgrund einer vermuteten Adduktorenzerrung nicht am samstäglichen Auflaufen teilnehmen konnte. Auswirkungen auf die taktische Ausrichtung gegen Reutlingen hätte ein Ausfall des Neuzugangs aus Heidenheim wohl nicht – vo­rausgesetzt, der VfL beginnt mit zwei Stürmern. „Sollte Max nicht spielen können, hätten wir gleichwertige Alternativen“, betont Hofberger, ohne allerdings Namen zu nennen – ein wesentlicher Teil der Kirchheimer Trainerphilosophie ist das Beschwören des Kollektivs, die Betonung des Teamgeists, das Herausstreichen des „Wir“. Lob, Kritik und Analysen werden nicht an Einzelpersonen festgemacht, sondern an der gesamten Mannschaft – mit Erfolg, wie es scheint. „Das Verhalten in der Gruppe ist in der Vergangenheit immer besser geworden“, sagte Michael Rentschler exemplarisch nach dem Sieg am Freitag gegen Freiberg.

Der Philosophie, ein Fußballteam als Sozialkonstrukt zu begreifen, hängt auch Peter Starzmann an. „Wir leben genau wie der VfL vom Kollektiv. Wenn‘s funktioniert, kannst du jeden schlagen. Wenn‘s nicht funktioniert, aber auch gegen jeden verlieren.“ Genau deswegen sieht der SSV-Coach sein Team auch nicht in der Favoritenrolle. „Wenn Kirchheim einen Tag wie im Achtelfinale gegen die Kickers erwischt, wird es schwer für uns. Auf die leichte Schulter nehmen wir den VfL auf jeden Fall nicht.“

Dies wäre aus Reutlinger Sicht auch unverzeihlich, schließlich spekuliert der Regionalligist auf den Gewinn des WFV-Pokals und damit auf das Erreichen der erste Runde im DFB-Pokal. „Das Geld, das damit zusammenhängt, können wir gut gebrauchen“, so Starzmann, der für das morigige Spiel mit 300 bis 400 SSV-Schlachtenbummlern rechnet – angesichts der Attraktivität von Gegner und Anlass könnten somit erstmals seit Langem wieder 800 bis 1000 Zuschauer ein VfL-Heimspiel verfolgen. „Die Mannschaft hätte eine große Kulisse verdient“, findet Christian Hofberger, der den Fans eine offensiv ausgerichtete Mannschaft präsentieren will. „In der Abwehr Beton anzurühren, hat keinen Sinn. Wir werden nach vorne spielen und versuchen, das Spiel zu gewinnen.“ Den Druck vermutet Hofberger ohnehin bei den Reutlingern. „Wir haben nichts zu verlieren, die Spieler haben sich diese Partie verdient und sollen sie genießen.“

Was aber, wenn die Teckstädter nach den Stuttgarter Kickers erneut einen klassenhöheren Gegner aus dem Wettbewerb schmeißen sollten? Im Halbfinale (26. März) wartet Liga­konkurrent TSV Crailsheim. Im Endspiel (voraussichtlich Anfang Mai) träfen Kirch- oder Crailsheimer dann auf den Sieger der Partie FC Heidenheim gegen VfR Aalen.

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