Lokalsport

Vom Silvesterlauf über Umweltpreis zum "Stöckles-Walking"

KIRCHHEIM Nicht erst seit Joschka Fischer weiß man um die Affinität einzelner Politker zum Laufsport. Lange bevor der heutige Bundesaußenminister die Joggingschuhe

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REINHARD KÖSTER

schnürte, begab sich Kirchheims ehemaliger Oberbürgermeister Werner Hauser in die Wälder am Hohenreisach. Man schrieb den 30. Juni 1979, als sich unter dem Patronat des VfL Kirchheim und mit Unterstützung der AOK der Lauftreff Kirchheim aus der Taufe erhob. Unter den gut 100 bei der Eröffnung teilnehmenden Laufbegeisterten befand sich eben auch Werner Hauser.

25 Jahre sind seitdem ins Land gezogen der Lauftreff Kirchheim beging dieses runde Jubiläum am vergangenen Sonntag mit einer Feier im Bürgerhaus in Lindorf. Damals wie heute steht die ehrenamtliche, folglich auch kostenlose Betreuung der Laufteilnehmer, die keinem Verein angehören müssen, um mitzulaufen, im Vordergrund. Es wird in verschiedenen Leistungsgruppen gelaufen, wobei neben den Läufern (Jogger) ab 1993 auch Geher (Walker)-Gruppen gebildet wurden. Seit dem Frühjahr 2004 gibt es samstags zusätzlich eine Gruppe für Nordic-Walking.

Der jeweilige Lauf ist zeitlich auf eine Stunde begrenzt. Je nach Leistungsgruppe werden in dieser Zeit unterschiedlich lange Strecken von etwa drei bis elf Kilometern in unterschiedlichem Tempo gelaufen. Nicht wenige Läufer nehmen auch an Leistungs- beziehungsweise Volks- und Marathonläufen in der näheren und weiteren Umgebung teil. Notzingen, Berlin und New York haben schon so manche Lauftreff-Teilnehmer gesehen. In den unteren Leistungsgruppen wird der Lauf durch eine oder mehrere Gehpausen unterbrochen. Jede Gruppe hat nach dem Warmlaufen eine Gymnastikpause, die Atmungs-, Dehnungs- und Kräftigungsübungen dient. Die Gruppen werden, um dem persönlichen Leistungsvermögen gerecht zu werden, zusätzlich während des Laufs, beispielsweise nach der Gymnastik, unterteilt. Geschulte Betreuer achten darauf, dass sich niemand überfordert. So werden die Teilnehmer angeregt, in ihren Körper hinein zu horchen, seine Grenzen kennen zu lernen und so selbst eine Überlastung rechtzeitig zu erkennen. Die Betreuer versuchen dabei auch, eventuell überforderte Teilnehmer zu ermutigen sich selbst zu bremsen.

Die Gruppen der Walker und Nordic-Walker scherzhaft als "Stöckles-Walker" bezeichnet ermöglichen Läufern, die ein Handicap wegen Alters oder Gesundheitsproblemen haben, sich weiter am Lauftreff zu beteiligen oder sich wieder an ihre ursprüngliche Gruppe durch langsame Steigerung heran zu arbeiten. Inzwischen bieten die 34 Betreuer des Lauftreffs wöchentlich drei Termine an: Am Samstag im Sommer um 16.30 Uhr, im Winter um 15.30 Uhr (Hauptlauf). Mittwochs treffen sich Läufer um 14.45 Uhr und um 18.30 Uhr. Start ist jeweils beim Wasserturm am Hohenreisach. Im Winter treffen sich die Teilnehmer am Mittwochabend zur selben Zeit im Stadion. Da Wald und Stadion in den Schulferien nicht geschlossen werden, läuft man praktisch das ganze Jahr. Wöchentlich nutzen etwa 150 bis 200 Teilnehmer diese Angebote.

Meilensteine im Jahreskalender des Lauftreffs sind im Frühjahr der Aufgalopp "Trimm-Trab ins Grüne", seit 1981 der inzwischen legendäre Silvesterlauf auf die Teck, die Weihnachtsfeier am Wasserturm und seit 1985 die zwei- bis dreitägige Radtour an Himmelfahrt und Fronleichnam, an denen sich stets bis zu 40 Teilnehmer beteiligen.

Nicht selten entstehen aus den beim Laufen geknüpften privaten Beziehungen gemeinsame Wanderungen, Ski-Ausfahrten oder Hüttenfeste. Viele der Läufergruppen, die ohne besonderen Organisationsaufwand die Wälder bevölkern, wurden von ehemaligen Teilnehmern des Lauftreffs Kirchheim sowie aus deren Wohnumfeld oder Freundeskreis angeregt oder gegründet. Die Teilnahme am Lauftreff kann somit neben der körperlichen auch der sozialen Gesundheit dienlich sein.

Das große ehrenamtliche Engagement, mit dem beim Lauftreff Kirchheim zu Werke gegangen wird, ist in vielerlei Hinsicht von Vorteil. So erhielt die Gruppe 1987 den Umweltpreis der Stadt Kirchheim. Damit wurde die regelmäßige Pflege der Laufstrecken und auch die Abfallbeseitigung an den genutzten Strecken gewürdigt. In der Regel zweimal jährlich wurden Säcke voll Müll an den Parkplätzen und Laufstrecken eingesammelt. Meist waren dies Verpackungen, Getränkebehälter, Papiertaschentücher und um die Parkplätze große Mengen geleerter Alkoholflaschen, die einfach in den Wald geworfen werden. Positivster Aspekt dieser Aktion ist, dass die gesammelten Abfälle inzwischen so weit zurückgingen, dass heute darauf verzichtet werden kann.

Aushängeschild des Lauftreffs ist und bleibt jedoch der 1981 erstmals initiierte Silvesterlauf. Die Idee, vom Kirchheimer Rathaus auf die Burg Teck zu laufen, entwickelte sich über die Jahre zu einer Dauereinrichtung. Die Streckenführung ist sehr anspruchsvoll und bei Eis, Schnee oder Matsch nicht leicht zu bewältigen. Der ursprüngliche Gedanke war, ein gemeinsames Lauferlebnis zu haben ohne Leistungsdruck oder Wettkampfrivalitäten. Credo der Veranstaltung war seit jeher: "Wir haben uns etwas vorgenommen und dies geschafft." Dieser Grundgedanke hat sich bis heute erhalten, sodass es beim Silvesterlauf auch nach 23 Jahren weder Zeitnahmen noch Sieger, Ehrenpreise oder gar Prämien gibt. Im letzten Jahr hat der heutige "Silvesterlauf" unter diesen Prämissen immerhin fast 500 Läufer aus der ganzen Region auf die Beine gebracht und natürlich entsprechend viele ehrenamtliche Helfer des Lauftreffs. Dank der überwältigenden Spendenbereitschaft verschiedener Einzelhändler aus Kirchheim und Umgebung wurde der Lauftreff dabei nie überrannt, aber oft bis nahe an seine Grenzen gefordert.

Noch bevor jedoch der beschwerliche Weg auf die Teck angetreten werden muss, steht jedes Jahr die Weihnachtsfeier des Lauftreffs auf dem Programm. Den letzten Samstag vor Weihnachten nutzt der Weihnachtsmann, um den Läufern am Wasserturm Hohes Reisach ein kleines Dankeschön für regelmäßige Teilnahme zu sagen. Zur festlichen Untermalung stimmen die Turmbläser mit Chorälen und Weihnachtsliedern in das Fest mit ein.

Dass so viel Engagement nicht unbelohnt bleibt, zeigte sich im September 2002. Im Zuge einer Qualitätsoffensive für Lauftreffs hat der Deutsche Leichtathletik-Verband DLV dem Lauftreff Kirchheim das Qualitätssiegel "sehr gut" verliehen. Damit wird der Lauftreff bezüglich Qualität seines Angebots, seiner Betreuer und deren Ausbildung und seines Engagements im sozialen Umfeld bewertet. Woran die Organisatoren ohnehin nie zweifelten, haben sie damit nun schriftlich: 25 Jahre Kirchheimer Lauftreff eine gute Sache.