Lokalsport

Von Ötlingen nach Reykjavik: Ein Fußballer geht weite Wege

VfB-Amateure, SV Bonlanden, Fram Reykjavik. Frank Posch geht seinen Weg. Der 33-jährige Fußballer aus Ötlingen, der beim VfB Stuttgart unter Trainer Jogi Löw einst zu einigen Bundesliga-Kurzeinsätzen kam, hängt seiner aktiven Fußball-Laufbahn noch eine dritte Vereinsstation an. Dass er mit Frau und Kind nach Island auswandert, hat ausschließlich familiäre Gründe.

THOMAS PFEIFFER

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KIRCHHEIM Neulich kreuzte er wieder mal in Kirchheim auf: Frank Posch (33), Ötlinger mit VfL-Vergangenheit als C- und B-Jugend-Fußballer, gastierte mit "seinem" SV Bonlanden an ehemaliger Wirkungsstätte. Poschs Rückkehr beim 1:2 im Verbandsliga-Duell war die letzte ihrer Art: Den Abwehrrecken zieht's nämlich weg aus Deutschland. Weit weg sogar. Am Gründonnerstag tritt Posch zusammen mit Ehefrau Bryndis (35) und Töchterchen Vanessa (5) eine 2300 Kilometer lange Reise erst im Auto (bis Dänemark) und anschließend auf der Schiffsfähre an. Tagelang werden sie unterwegs sein. Danach wird die isländische Hauptstadt Reykjavik auf unbestimmte Zeit zum neuen Wohnsitz der Kleinfamilie aus Ötlingen.

Auswandern an Ostern ins Land aus Feuer und Eis: Darauf muss man kommen. Doch die Poschs haben bereits im September über diesen Plan gegrübelt, "alle Vor- und Nachteile abgewogen", wie Frank Posch sagt. "Ein wirtschaftlich boomendes Land, Vollbeschäftigung, nette Leute, die nicht so pessimistisch gestimmt sind wie viele in Deutschland", das waren die Vorteile, die der frühere Daimler-Industrieelektroniker beim Tabula Rasa ausmachte, "die zurückbleibenden Freunde und Verwandte" waren der größte Nachteil. Doch der Entschluss, Deutschland hinter sich zu lassen und ein frisches Lebenskapitel an neuen Ufern im Nordatlantik aufzuschlagen, war schließlich unumstößlich auch deswegen: Poschs Ehefrau Bryndis, die an der Uni Hohenheim Kommunikationswissenschaften studierte, ist gebürtige Isländerin und hat ein bisschen Heimweh.

Demnächst wird das verflogen sein und Bryndis Posch in Reykjavik einen Mann begrüßen, der früher ein echter Bundesliga-Star war: Ex-VfB-Kicker Asgeir Sigurvinson ist ein enger Verwandter von ihr. Auf Vermittlung von Sigurvinson (50), bis vor einem Jahr noch isländischer Nationaltrainer und auf der Insel Kultfigur, kam auch das neuste Fußball-Engagement von Frank Posch zu Stande, der in der neuen Spielzeit 2006 (Mai bis September) für Erstliga-Absteiger Fram Reykjavik am Ball sein wird. Drei Mal musste Posch ("in letzter Zeit war ich öfters in Island, auch wegen der Vorbereitungen") vor Ort probetrainieren am Ende stand der unterschriftsreife Amateurvertrag. "Fram Reykjavik ist ein ambitionierter Verein, der wieder aufsteigen will. Ich freue mich auf dieses neue Engagement", sagt Posch, der nun im örtlichen Nationalstadion mit dem Zungenbrecher-Namen Laugardalsvöllurinn auflaufen kann. Das fasst bis zu 22 000 Zuschauer, und auch Rudi Völler tobte sich in diesem Stadion schon einmal aus: Nach dem 0:0-Unentschieden im EM-Qualifikationsspiel gegen Island am 5. September 2003 hatte der deutsche Bundestrainer vor einem TV-Millionenpublikum nach Kommentatorenkritik seine berüchtigte Wutrede gehalten ("ich kann solch einen Scheiß nicht mehr hören").

Auch Frank Posch gilt als Wortführer im positiven Sinne. "Posch ist nicht nur ein wichtiger Mann in unserer Viererkette, sondern auch das Sprachrohr des Trainers für die Abwehr", umreißt Bonlandens Fußballabteilungsleiter Kurt Adam die führende Rolle, die der scheidende SVB-Fußballer aus Ötlingen mannschaftsintern ausfüllt. Adam sieht "eine Lücke", die Posch der nur noch im Spiel in Au auflaufen will hinterlässt. Als "besonders kopfball- und zweikampfstark", beschreibt ihn Norbert Krumm: Der regelmäßige Amateurfußball-Gucker mit Sportleiter-Job beim VfL Kirchheim erlebte Posch zwölf Jahre lang als Oberliga- oder Regionalliga-Kicker der VfB-Amateure. Trotz Lockrufen auch aus seiner Heimatstadt hatte sich Posch nie vom Wasenclub abwerben lassen Vereinsloyalität groß geschrieben.

Mag sein, dass ihm der damalige VfB-Trainer Jogi Löw in den Spielzeiten 1996/97 und 1997/98 wegen dieser bemerkenswerten Tugend mehrfach zu Bundesliga(kurz-)einsätzen verhalf. Einen davon hat Posch freilich nie vergessen: Jenen vom 27. März '97, als ihm im Heimspiel gegen den TSV München 1860 vor 53 000 erwartungsfrohen Besuchern bereits nach sieben Minuten ein klassisches Eigentor unterlief. Balakov glich kurz danach zum 1:1-Endstand aus Poschs Ruf als einem der zuverlässigsten Amateurfußballer Württembergs mit "Beißer"-Qualität im Abwehrzentrum hat dieser "Aussetzer" nie geschadet.

Nun ist der Mann 33 und steht kurz vor einer neuen "Herausforderung": jener, sich im ausgesuchten Wohnland inmitten des Nordatlantischen Ozeans möglichst rasch sozial zu integrieren. Posch, durch die Verwandtschaft seiner Frau in Reykjavik längst mit einer Wohnung in Randlage versorgt ("dort können wir kostenlos wohnen"), packt's an. Möglichst schnell will er in Reykjavik einen Job bekommen ("die Aussichten sind gut"), möglichst schnell will er die Landessprache erlernen. Grundsätzliche Verständigungsprobleme sieht er im Zweifelsfall nicht: entweder dolmetscht seine Frau, oder "ich spreche Englisch. In Island kommt man damit durch."

Job, Sprache und, vor allem, "dass es unserer kleinen Familie nach dem Umzug gut gehen wird": Frank Poschs, nach eigener Aussage, wichtigste Island-Prioritäten. Doch wer ihn kennt, weiß, dass er sich auch fußballerisch nochmals ins Zeug legen wird. Mit Fram Reykjavik in die isländische Erstklassigkeit aufzusteigen ist für einen, "der Fußball lebt" (Krumm), bestimmt nicht die langweiligste Vision.

Geht's nach ihm, kann er seinen Teil dazu beitragen. "Die zweite isländische Fußballliga hat vielleicht Oberliga-Niveau", vermutet Posch.

Fotomontage: Steffen Maier

INFOAls Jugendspieler war Frank Posch für den TSV Ötlingen (E/D), VfL Kirchheim (C/B) und VfB Stuttgart (B/A) am Ball und wurde deutscher A-Jugendmeister. Als langjähriger Aktiver im Dress der VfB-Amateure (1991 bis 2003) zählen zwei Regionalliga-Aufstiege zu seinen größten Erfolgen. Zuletzt kickte der Ötlinger für den Verbandsligisten SV Bonlanden.