Lokalsport

Von wegen kleine Brötchen backen

Kirchheim. Schwarze Leggings, weißes T-Shirt, getönte Brille und formschöne Stoppuhr – der Status einer ambitionierten Hobbyläuferin ist Sabine Henzler schon auf den ersten Blick anzusehen. Wie zur Bestätigung erzählt sie, dass sie die knapp zwei

Peter Eidemüller

Kilometer von Notzingen zum Treffpunkt am Wasserturm selbstverständlich unter die Laufsohlen genommen habe. „Das geht ja ganz fix“, sagt sie, während sie die Beine dehnt, „knapp neun Minuten.“

Sie wohnt in Notzingen, arbeitet in Rosswälden, startet für Ötlingen und trainiert am liebsten im Hohenreisach – obwohl sie lokal tief verwurzelt ist, hat Sabine Henzler ihre größten Lauferfolge in der Fremde gefeiert. Genauer gesagt in Heilbronn, wo im Rahmen des Trollinger-Laufs seit Jahren die internationalen Handwerksmeisterschaften stattfinden. Bereits viermal hat die gelernte Bäckerin und Konditorin diesen Titel im Halbmarathon erlaufen, dabei Schreiner, Maler, Elektriker und zig andere Handwerker hinter sich gelassen. „Die Siegerpokale werden jedes Jahr von einer anderen Innung gemacht“, erzählt sie. Heuer durfte sie eine Trophäe aus hellem Futterleder und einer dunklen Innensohle in die Höhe stemmen, die ein Schuhmacher gefertigt hatte. Müsste sie mal die Pokale beisteuern, es wären wohl brezelförmige – der Schwaben liebster Snack ist die Spezialität von Sabine Henzler. Nur wegen ihrer laugigen Kunst kommen Kunden sogar aus Kirchheim in die Rosswäldener Bäckerei, in der sie arbeitet.

Vom Wasserturm geht‘s über die Brücke oberhalb des Friedhofs in den Wald, den Sabine Henzler kennt „wie meine eigene Westentasche“. Kein Wunder: Seit sie vor zehn Jahren mit dem Laufen begann, hat sie hier unzählige Kilometer abgespult, alleine und in den verschiedenen Gruppen des Kirchheimer Lauftreffs. „Am besten laufen wir die Viererrunde“, sagt sie im trotz des flotten Tempos ruhigen Plauderton – Lauftreff-Insider wissen, dass damit die rund neun Kilometer lange Strecke durch die Wälder oberhalb Kirchheims gemeint ist.

Gelaufen ist Sabine Henzler schon immer gern. Auch während ihrer Zeit als aktive Handballerin, die sie bis ins Dreiländereck nach Grenzach führte, wo sie drei Jahre lang auf den Außenpositionen des Frauen-Regionalligateams spielte. „Irgendwann wollte der Körper dann aber nicht mehr“, erinnert sich die 37-Jährige. Wieder ins heimatliche Notzingen zurückgekehrt, intensivierte sie zur Jahrtausendwende ihre Laufambitionen, begann, im Dress des TSV Ötlingen bei Wettkämpfen mitzumachen. „Mir gefällt das, mich mit anderen zu messen, da kann ich schon Ehrgeiz entwickeln“, lacht sie. Dieser wurde über die Jahre so groß, dass sie bei Läufen dies- und jenseits der Kreisgrenzen regelmäßig als Altersklassenbeste in den Ergebnislisten auftaucht. „Die Urkunden hefte ich in einem Ordner ab“, sagt sie nicht ohne Stolz. Kurioserweise trainiert Sabine Henzler aus dem Bauch heraus ohne irgendwelche Pläne, schnürt nur selten öfter als dreimal die Woche die Schuhe. Mehr lässt auch der zeitintensive Job oft nicht zu – wenn andere Menschen nachts selig schlummern, sorgt sie für deren Frühstück – Sabine Henzler ist Bäckerin aus Leidenschaft. „Ich könnte nie in einem Büro arbeiten“, sagt sie, „ich muss mit den Händen schaffen.“

Aus dem Wald heraus auf Wellingen zulaufend, geht‘s scharf rechts auf den asphaltierten Radweg Richtung Schlierbach – aber nicht lange. Rechter Hand führt ein Wirtschaftsweg wieder an den Waldrand heran und schließlich an die östlichen Ausläufer des Hohenreisachs. Auf die B 297 zuhaltend, biegen wir wiederum scharf rechts auf einen lang gezogenen Anstieg. „Im Sommer steht hier die Luft“, weiß Sabine Henzler kaum oben angekommen.

Wer selbst Erfolg und Spaß an seinem Hobby hat, gibt davon gerne etwas weiter – so wie Sabine Henzler. „Laufen macht im positiven Sinne süchtig“, weiß sie. Nachdem sie seit geraumer Zeit eine Bekannte auf ihren ersten Halbmarathon vorbereitet, begleitet sie seit Kurzem auch die Teilnehmer des Volkshochschulkurses „Joggen von 0 auf 10 Kilometer“. Beides bereitet ihr so viel Freude, dass sie mit dem Gedanken spielt, einen Übungsleiterschein zu machen. „Wer weiß, was noch kommt. Man soll niemals nie sagen“, schmunzelt sie.

Die Bundesstraße in Hör- aber nie in Sichtweite, geht‘s weiter kreuz und quer durch den Wald – von Monotonie keine Spur. „Ich mag es, auf den gleichen Strecken zu laufen“, sagt Sabine Henzler, „vor allem jetzt im Frühling kann man über Wochen beobachten, wie sich die Natur verändert.“ Inzwischen laufen wir auf dem unteren Teil des Trimm-dich-Pfades allmählich wieder Richtung Wasserturm.

Wer Sabine Henzler einmal in Aktion sehen will, muss sich nur das Wochenende 12./13. Juni freihalten. Zunächst steht samstags mit dem Ötlinger Mixed-Team der dritte Wertungslauf der württembergischen Volkslauftitelkämpfe in Calw auf dem Programm, einen Tag später der Hohenneuffenlauf. „Das wird heftig“, stöhnt Henzler, deren großes Ziel dieses Jahr jedoch der Halbmarathon im bayrischen Altötting ist. „Da will ich meine Bestzeit knacken“, sagt sie kämpferisch. Die steht momentan bei 1,36 Stunden – noch. Kleine Brötchen backen kann sie während der Arbeitszeit schließlich genug.

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