Lokalsport

Vorm Comeback der Kampf gegen den inneren Schweinehund

Im günstigsten Falle Februar, im ungünstigsten Falle Ende April: Das Comeback von Leichtathletik-Star Tobias Unger nach seiner Fersenoperation lässt noch eine Weile auf sich warten. Wir trafen den Kirchheimer anlässlich einer Scheckübergabe.

THOMAS PFEIFFER

Anzeige

KIRCHHEIM Wenn Tobias Unger zurückblickt, erhellt sich seine Miene. Berlin, Madrid, Paris, Zürich, Athen nur ein kleiner Auszug jener Metropolen, die er in seinen letzten drei sportlichen Glanzjahren bereist hat. Das "Rumreisen" in leichtathletischer Mission war (s)ein Lebenselixier, Warteschlangen auf dem Flughafen und Jetlag machen ihm nichts aus. In diesen Tagen allerdings hat Deutschlands Sprintstar, der aus Kirchheim kommt und irgendwo hinterm Teckcenter wohnt, Ruhe vor internationalen 200-Meter-Läufen, Athletenpartys und Presseplauschs. Die Zwangspause zieht sich. "Im günstigsten Falle kann ich im Februar 2007 wieder an einen Start denken", sagt der Olympia- und Weltmeisterschafts-Siebte. Im ungünstigsten Falle gibt's sein Comeback Ende April in Katar.

Unger ist bekanntlich verletzt: Die Nachwehen seiner Operation beim Essener Sportarzt Dr. Karlheinz Graff wegen einer Tuberkante an der Ferse am 19. Juli klingen so schnell nicht ab. "Die Belastung des Fußes kann nur langsam aufgebaut werden", sagt der 27-Jährige, der auf der Kirchheimer Stadionkunststoffbahn seit kurzem in kleineren Dosen wieder trainiert. Eine Hauptübung: 10 Jogging-Einheiten, jede dauert eine Minute und nach jeder erfolgt eine kurze Pause. Demnächst wird Unger seinem Fuß noch mehr abverlangen: zwei Fünf-Minuten-Laufeinheiten sind die Steigerung. Mühsam trainiert der Mann, dessen Leistungspotenzial dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) in der vergangenen Sommersaison bei den Sprint- und Staffelrennen so empfindlich fehlte, seinem malträtierten Fuß in diesen Tagen wieder ein Maß an Belastbarkeit an. Und alles, wie könn-te es anders sein, nach einem mi-nutiös geschneiderten Plan. "Praktisch bestimmt Dr. Graff mein tägliches Trainingspensum", nennt Unger den Sportarzt des Jahres 2002 als Urheber seines momentanen (Kurz-)Trainings.

Der nächste Schritt in Sachen Rekonvaleszenz erfolgt Anfang nächster Woche. Dann geht Unger ins Wasser Aquajogging im Kirchheimer Hallenbad ist angesagt. "Damit hab ich schon einmal gute Erfahrungen gemacht."

Fersenschmerzen, wie sie ihn nach dem Malaga-Auftritt plagten ("ein paar Tage später beim Training in Kirchheim tat es richtig weh, spätestens da war mir klar, dass es eine größere Geschichte war") hat der mit gelaufenen 20,20 Sekunden (2005) schnellste deutsche 200-Meter-Sprinter aller Zeiten derzeit keine. Wenn das als die Messlatte gilt, macht(e) der Mann in den letzten Wochen wirklich große Fortschritte.

Seine Statements untermauern dies. "Alles im grünen Bereich", lässt er über seinen physischen Genesungsprozess sinngemäß durchblicken.

Doch ein Training mit angezogener Handbremse anstatt wie in früheren Hoch-Zeiten gewohnt mit Vollgas, zudem eines, das Monate überdauert ist so was für einen Hochleistungssportler, der auch nicht mehr der allerjüngste ist, auf Dauer nicht zermürbend? Unger bejaht die Frage und lässt keinen Zweifel daran, dass er den Kampf gegen den inneren Schweinehund auf Teufel komm raus gewinnen will. "Diese Zeit ist hart für mich", sagt er, "doch ich arbeite konsequent auf mein Comeback hin. Und ich freue mich auf mein Comeback."

Die Tingeltangel-Tour durch Europas Leichtathletik-Hauptstädte: Trotz fetter Jahre zuletzt braucht er das auch weiterhin. Unger, gebürtiger Münchner, in Schwaben aufgewachsen und mit der Kirchheimer Nachwuchs-Hoffnung Katja Holder liiert, gilt als außergewöhnlich solide und bodenständig die große weite Leichtathletikwelt mag er auf Dauer dennoch nicht missen.

"Das Rumreisen fehlt mir wirklich", sagt Unger, "und manchmal fällt mir daheim sogar die Decke auf den Kopf." An Sympathisanten und Freunden fehlt's dem local hero naturgemäß nicht, wohl eher am Kick auf der Rennbahn. Nicht selbst dabei zu sein, wenn hochwertige Medaillen vergeben werden, ist für ihn fast wie Höchststrafe. Neulich war EM, und Unger verfolgte "80 Prozent aller Wettbewerbe" daheim am Fernseher. Nach dem 200-Meter-Finale war er ein bisschen aufgewühlt. "Wenn ich sehe, dass der Schwede Johan Wissmann mit 20,38 Sekunden Silber holt und ich nicht dabei bin, dann ärgert mich das schon etwas." Neid ist's nicht, was aus seinen Worten spricht, eher die Erinnerung daran, zum falschen Zeitpunkt verletzt zu sein.

So holt sich Unger seine Erfolgserlebnisse derzeit woanders: bei seinem Haus-Physiotherapeuten in Wendlingen ("momentan mein wichtigster Mann"), der die Fersen-Fortschritte überwacht, im Kraftraum bei seinen Eltern, oder bei einem Repräsentationstermin. Unger ist offizieller Pate sowohl der Deutschen Knochenmark-Spenderdatei (DKMS) als auch der Kinderschutzorganisation Kelly-Insel mit Sitz in Filderstadt bei Letzterer war er dieser Tage zu Gast in nahezu sportlicher Mission: Als WM-Tippsieger des Teckboten, der im Juli erster Sieger vor Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker geworden war, spendierte er wie im Vorfeld angekündigt, Kelly-Insel-Geschäftsführer Ralf Berti die 250-Euro-Siegprämie. Berti, übrigens aus einer bekannten Fußballer-Familie kommend Vater Wolfgang Berti war früher Trainer (unter anderen SF Dettingen), Bruder Ralf einst Lizenzspieler des Ex-Bundesligisten SSV Ulm 1846 bedankte sich recht herzlich. Sein Lob galt Unger. "Tobias ist eine ideale Repräsentationsfigur für uns, weil sympathisch und erfolgreich", betonte er. Man duzte sich.

Unger versteht sein freiwilliges Engagement als Pate der Organisation, die mit prophylaktischen Maßnahmen und Hilfe von Ämtern und Polizei Kinder vor sexuellen Übergriffen schützen soll, als echte Herzensangelegenheit. Und steht voll dahinter. Das Gefühl, da könne ein Star ein soziales Deckmäntelchen zur weiteren Profilierung nutzen, hat man bei ihm nicht.

Auch beim Fototermin kommt die DLV-Größe, die Halleneuropameister ist, ganz ohne Allüren aus. Es ist wie auf der Rennbahn. Bloß: Letztere muss auf den Läufer Unger noch eine ganze Weile warten.

Foto: Deniz Calagan