Lokalsport

Wegen Zorro kommen – wegen der Faszination bleiben

Die Abteilung Fechten im VfL Kirchheim bietet 45 überwiegend jugendlichen Sportlern Heimat – Bereits zwei Mal als Turnierausrichter bewährt

Klein, aber oho: Mit ihren nur rund 45 Mitgliedern ist die VfL-Fechtabteilung zwar die kleinste innerhalb des Teckstadtclubs, dafür aber auch eine der umtriebigsten. Neben zahlreichen sportlichen Erfolgen bei lokalen und überregionalen Turnieren haben sich die Kirchheimer inzwischen auch als Ausrichter von Meisterschaften einen Namen in der Szene gemacht.

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Peter Eidemüller

Kirchheim. „Stellung, fertig, los.“ Kaum hat Thomas Großstück das Startkommando gegeben, geht das Säbelrasseln auch schon los – obwohl: Bei näherer Betrachtung duellieren sich die beiden jungen Mädchen vor seinen Augen nicht mit Säbeln, sondern mit dem Florett. „Das ist die Einstiegswaffe und gleichzeitig die Königsdisziplin“, sagt Großstück, seit neun Jahren Abteilungsleiter der VfL-Fechter. Mit aufmerksamem Blick verfolgt er die Bewegungen von Tochter Lilly (15) und Partnerin Nike Löble (14), die gekonnt die Klingen kreuzen – das Training in der alten Sporthalle des Ludwig-Uhland-Gymnasiums ist in vollem Gange.

Zwei Mal pro Woche feilen die Mitglieder der rund 45 Fechter starken Abteilung an Technik, Kraft und Kondition. Dass dies in nahezu jedem Training die komplette Abteilung tut, führt Thomas Großstück auf einen einfachen Grund zurück: „Wir haben so gut wie keine passiven Mitglieder.“ Darüber hinaus ist die Zahl der Schüler und Jugendlichen um ein Vielfaches größer als die der Erwachsenen – was in Sachen Trainingsbetrieb in anderen Sportarten ein Problem darstellt, ist im Fechten durchaus gewollt. „Die Altersklassen mischen sich an den Trainingsabenden bunt durcheinander“, sagt der Abteilungsleiter.

Entsprechend großer Betrieb herrscht in der relativ kleinen LUG-Halle, wenn die VfL-Fechter dienstag- und freitagabends anrücken. „Es ist eine platzaufwendige Sportart“, bestätigt Thomas Großstück: Um unter Wettkampfbedingungen trainieren zu können, müssen die Maße einer Fechtbahn eingehalten werden – bei je 14 Metern Länge und bis zu zwei Metern Breite passen in die Sporthalle auf dem Milcherberg drei, im Höchstfall vier solcher Bahnen. Da deshalb nicht immer alle gleichzeitig trainieren können, wird kurzerhand im kleineren Maßstab geübt, stets zu zweit. „Mannschaftstraining gibt es in der Form nicht“, so Großstück, „das läuft immer in Duellform ab.“

Daher ist Fechten auch eine personalintensive Sportart, was die Übungsleiter angeht. Beim VfL nimmt sich zwar mehr oder weniger jeder jedem an, von der Papierform verfügt die Abteilung jedoch nur über drei entsprechend Qualifizierte: Neben Übungsleiterin Ursula Frohberger-Hertel und Jugendtrainer Jürgen Kreidler hat der VfL einen echten Toppmann in seinen Reihen: Matthias Wendland, Diplom-Fechtlehrer aus dem Fechtmekka Tauberbischofsheim, coacht einmal die Woche die hoffnungsvollsten Kirchheimer Akteure. „Wir haben uns schon immer einen externen Trainer geleistet, um die Arbeit der eigenen Übungsleiter zu verstärken“, erklärt Thomas Großstück, der ganz offen sagt, dass die Bezahlung Wendlands den größten Kostenpunkt im Abteilungsetat ausmacht. „Für seine Dienste brauchen wir nahezu die gesamten Mitgliedsbeiträge“, sagt er. Finanzielle Sorgen muss man sich um die VfL-Fechter deshalb aber nicht machen, im Gegenteil: „Wir sind sehr gut aufgestellt“, betont Thomas Großstück.

Dessen gute Kontakte zum Fechtausrichter Allstar haben der Abteilung dabei schon oft viel Geld gespart. So stellte die Reutlinger Firma dem VfL die komplette technische Ausrüstung zur Verfügung, als im vergangenen Jahr erstmals ein großes Fechtturnier in Kirchheim stattfand: In der Sporthalle Stadtmitte tummelten sich knapp 200 Athleten, um die Bezirksmeister zu ermitteln. In diesem Jahr, als die Titelkämpfe erneut in Kirchheim stattfanden, waren‘s nicht weniger. „Das waren die Highlights der vergangenen Jahre“, schwärmt Thomas Großstück, der sich bereits auf die Neuauflage der Titelkämpfe unter der Teck freut: Spätestens 2010 sind die Kirchheimer erneut Ausrichter der Bezirksmeisterschaften. Es sei denn, der nächstjährige Ausrichter SV Esslingen will kurzfristig tauschen. „Die Esslinger und wir wechseln uns bei der Ausrichtung ab“, erklärt Großstück, der bei den diesjährigen Bezirksmeisterschaften vor heimischem Publikum den Titel bei den Senioren mit dem Säbel gewann.

Sportlich steht die Abteilung, die die VfL-Gesamtvorsitzende Doris Imrich als „kleinste, aber feinste“ im Verein bezeichnet, ohnehin hervorragend da. Aushängeschild ist Jürgen Kreidler: Der 50-Jährige ist nicht nur amtierender Dreifach-Bezirksmeister im Degen und Florett (zweimal bei den Senioren, einmal bei den Aktiven), sondern sorgte vor vier Jahren auch für den größten Coup in der jüngeren VfL-Vergangenheit: In Bad Dürkheim wurde er 2004 deutscher Vizemeister der Seniorenklasse.

Darüber hinaus tummeln sich beim VfL zahlreiche junge Fechttalente, die sich in der Szene bereits einen Namen gemacht haben. So schafften Nike Löble, Lilly Großstück und Volker Schukhardt vergangenes Jahr den Sprung zu den deutschen Jugendmeisterschaften, ebenso wie in diesem Jahr Tim Schäfer. Alle vier waren zuvor auf Verbands- und Bezirksebene erfolgreich gewesen – angesichts der Vereinsdichte in der Region nicht hoch genug einzuschätzende Meriten: Immerhin erstreckt sich der Bezirk Neckar/Fils über Kirchheim bis nach Welzheim im Nordosten, Pfullingen im Süden, Pliezhausen im Westen und Weinstadt im Nordosten. „Der gesamte württembergische Raum ist eine echte Fechterhochburg“, sagt Thomas Großstück, der für die Zukunft noch Pläne mit der Abteilung hat. „Wir wollen in Bälde eine Erwachsenen-Fechtgruppe gründen, Interessenten sind gerne willkommen.“

Angst vor Verletzungen braucht man dabei übrigens nicht haben. Fechten ist eine der sichersten Sportarten überhaupt: Alle Waffen sind stumpf, können aufgrund ihrer Beschaffenheit nicht spitzkantig brechen. Darüber hinaus verhindert die umfangreiche Schutzausrüstung jegliche Gefahr. Was ist aber an persönlicher Voraussetzung nötig, um erfolgreich zu fechten? Thomas Großstück meint: „Klar braucht man ein gewisses Maß an Talent, aber auch hier macht Übung den Meister.“

Diesen haben viele, die zum ersten Mal in die LUG-Halle kommen, übrigens in einer weltbekannten Romanfigur ausgemacht: Zorro, der fechtend-edle Rächer mit Umhang und Augenbinde. „Es in der Tat so, dass viele den Weg zu uns finden, weil sie mal einen Zorro-Film gesehen haben“, schmunzelt Thomas Großstück. Bleiben tun die meisten allerdings wegen der Faszination, die das Fechten nach einhelliger Meinung ausmacht: Konzentration, Entschlossenheit, Schnelligkeit, Kondition und jede Menge Spaß stehen dabei immer im Vordergrund – auch beim VfL.

www. vfl-kirchheim.de/seite96.htm