Lokalsport

Weniger Mitglieder, höhere Ansprüche – kann ...

Weniger Mitglieder, höhere Ansprüche – kann das auf Dauer gut gehen? Wie sich die Kirchheimer Sportvereine fit für die Zukunft machen, wollten wir vom Vorsitzenden des Stadtverbandes für Leibesübungen (SfL), Siegfried Hauff, wissen.

Bernd Köble

Die Vereinslandschaft wird sich in den kommenden Jahren verändern. Weniger und immer ältere Vereinssportler, dazu Mitglieder, die sich vermehrt als Kunden verstehen. Wie gut sind die Sportvereine in Kirchheim auf diesen Wandel vorbereitet?

Hauff: Die 2008 durchgeführte Sportentwicklungsplanung SEP hat den Ist-Zustand in den mehr als 30 Kirchheimer Sportvereinen analysiert und in Relation zur allgemeinen Entwicklung gestellt. Eine repräsentative Bürgerbefragung beleuchtete gleichzeitig die Bedürfnisse der an Sport interessierten Kirchheimer. Der Abgleich beider Seiten zeigte, dass in vielen Bereichen Handlungsbedarf besteht, aber auch bereits eingeleitete Veränderungen richtig sind. Am weitesten bei der Umsetzung dieser Ergebnisse ist der TSV Ötlingen. Dort hat eine Projektgruppe bereits Konzepte erarbeitet, wie die Sportanlagen durch zusätzliche Spiel- und Aufenthaltsflächen – wie beispielsweise eine Boule-Anlage – für den Allgemeinsport attraktiver werden können. Im Kern geht es bei der SEP aber erst einmal darum, die Vereinsverantwortlichen wachzurütteln und zum Nachdenken zu bewegen. Der Abschlussbericht steht allen Vereinen zur Verfügung und gibt deutliche Handlungsempfehlungen.

Was ist die größte Hürde auf dem Weg zu einem vereinsübergreifenden Sportangebot, wie es ein Kirchheimer Sportpark bieten könnte?

Hauff: Die SEP hat gezeigt, dass es in Zukunft immer mehr Kunden geben wird, die nicht unbedingt Vereinsmitglieder werden wollen. Sie wollen Sport- und Bewegungsangebote und nehmen sie dort wahr, wo sie am besten und am unverbindlichsten angeboten werden. Für die Vereine bedeutet dies, dass sie einerseits ein attraktives und qualitativ gutes Angebot brauchen, sich andererseits aber auch spezialisieren müssen. Nicht alle Vereine können für jede Sport- und Bewegungsart gleiche Leistungen bieten und sich damit gegenseitig die Kunden wegschnappen. Hier ist ein großes Umdenken erforderlich. Ein Ansatzpunkt wäre die Einführung eines Sportpasses, so wie er für die Nutzung des geplanten VfL-Sportvereinszentrums geplant ist.

Kann ein Verein, der im Ehrenamt verankert ist, überhaupt moderner Dienstleister sein?

Hauff: Die Kirchheimer Sportvereine sind überwiegend im Ehrenamt geführt, nur die großen haben einen angestellten Geschäftsführer oder hauptamtliche Mitarbeiter. Trotzdem sind auch die kleineren Vereine in der Lage, als moderne Dienstleis­ter aufzutreten, wenn sie engagierte und kreative Mitglieder einsetzen können. Die ehrenamtlichen Mitglieder werden auch in Zukunft die treibenden Kräfte in den Vereinen sein. Sie müssen jedoch von immer umfangreicheren Verwaltungsarbeiten entlastet werden. Denkbar wären beispielsweise gemeinsame Geschäftsstellen mit hauptamtlichen Mitarbeitern, auf denen die gesamte Mitgliederverwaltung und Buchführung abgewickelt wird.

Wovon wird man sich im Verein auf lange Sicht verabschieden müssen?

Hauff: Wie in allen Vereinen muss man sich auch in Kirchheim von der alten Denkweise verabschieden, dass bisherige Sport- und Bewegungs­angebote unverändert fortgeführt werden können, ohne sie laufend zu hinterfragen. Die Ansprüche und Wünsche der Nutzer ändern sich durch ständig neue Trends immer schneller. Daneben müssen auch die Führungsaufgaben neu verteilt werden. „Der Vorstand macht das schon“ reicht künftig nicht mehr. Damit lassen sich kreative und innovative Leute im Ehrenamt nicht motivieren. Weit verbreitet ist leider auch die Haltung, sich von anderen Vereinen abzuschotten, in der Furcht, etwas zu verlieren. Der Mangel an Kooperationsbereitschaft ist ein großer Hemmschuh. Nur wenn sich die Vereine nicht an ihre eigenen Angebote klammern, sondern sich auf ihre Stärken konzentrieren und sich anderen Vereinen gegenüber öffnen, werden alle davon profitieren. Das heißt nicht, sich von seiner Tradition, seinen Wurzeln zu verabschieden.

Sportvereine sehen ihre Arbeit zunehmend als öffentliche Aufgabe, weniger als Freizeitbeschäftigung. Muss vor diesem Hintergrund auch über eine veränderte Finanzierung der Vereinsarbeit nachgedacht werden?

Hauff: Klar ist: Die Sportvereine können ihre Aufgaben künftig nicht mehr nur aus Mitgliedsbeiträgen finanzieren. Eine höhere Qualität bedeutet ausgebildete Betreuer und moderne Einrichtungen. Daneben wird erwartet, dass Sportvereine sich verstärkt im Schul- und Kindergartenbereich einbringen, was selten kostendeckend honoriert wird. Da seitens der Kommunen mit erhöhten Nutzungsgebühren für städtische Sportanlagen zu rechnen sein wird, Sportverbände hohe Beiträge einziehen, Wettkampfbeteiligungen immer höhere Kosten verursachen und sich Sponsoren immer mehr auf wenige, besonders lukrative Sportarten konzentrieren, steigt der Finanzierungsdruck in den Vereinen stark an. Die Vereinsfinanzierung muss zwingend neu überdacht werden.

Lösungsvorschläge?

Hauff: Konkrete Lösungswege gibt es derzeit leider nicht. Ein leistungsstarkes Angebot muss leistungsgerecht bezahlt werden, darüber muss sich jeder Nutzer im Klaren sein. Inwieweit die öffentliche Hand sich am gesamtgesellschaftlichen Beitrag der Vereine künftig stärker beteiligen wird, ist aufgrund der aktuellen Finanzlage äußerst fraglich. Trotz allem wäre es gerechtfertigt.

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