Lokalsport

Wie aus einem Nürtinger Senior der Señor aus Alemania wird

Auswandern nach Venezuela: Mit 69 Jahren beginnt Tennis-Veteran Hanshenning Kaufmann 8000 Kilometer von der Heimat entfernt ein neues Leben

Als Bezahlmittel Peso anstatt Euro, als Beilage zum Rindfleischmenü gebratene Kochbananen statt handgeschabter Spätzle, als sommerliche Temperatur-Prognosen Werte bis 50 Grad anstatt der Hälfte wie öfters im mitteleuropäischen Bereich: Ganz freiwillig lässt sich Hanshenning Kaufmann demnächst ungewohnte Alltagslebensumstände servieren. Nichts mehr wird so sein wie es früher war, denn der 69-jährige Nürtinger, kraft seines jahrzehntelangen Funktionär-Engagements beim Württembergischen Tennis-Bund in der regionalen Sportszene bestens bekannt, wandert nach Südamerika aus. Dort wartet seine Ehefrau.

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THOMAS PFEIFFER

Nürtingen. Es ist beschlossene Sache, und das schon seit mehreren Jahren: Der Schwabe Hanshenning Kaufmann will in Acarigua/Venezuela ein ganz neues Leben beginnen. Die 250 000-Einwohner-Stadt unweit der Anden wird der Tennissenior aus Nürtingen irgendwann im Frühjahr 2010 zum dritten und letzten Mal in seinem Leben betreten – um damit seiner venezolanischen Ehefrau Lerida (53) und deren Tochter Barbara (13) nachzufolgen. Beide, zuletzt in Deutschland, warten dort auf ihn. „Es wird ein ganz neues Leben für mich. Doch vor dieser Herausforderung ist mir nicht bange“, sagt der 69-Jährige, der fit wie ein Turnschuh ist: Regelmäßiges Training auf dem Tennisplatz des FV 09 Nürtingen oder dem Fahrrad füllen bis heute einen Großteil seines Pensionärslebens aus. „Der Sport war immer wichtig für mich“, sagt Kaufmann.

Mit seiner Physis fühlt sich der einstige Jura-Student, der später 35 Jahre lang in Brot und Lohn der Deutschen Beamten-Krankenversicherung stand, ehe er 2005 in Rente ging, gut gerüstet für das Eintauchen in die andersartige Welt hinter dem großen Teich. Der öffentlich zur Schau gestellte Zusammenhalt vieler venezolanischer Familienclans – Kaufmann hat ihn bei seinen bisher einzigen Landes-Besuchen 2003 und 2004 für jeweils mehrere Wochen als prägnantes Merkmal der vorherrschenden, von ihm positiv empfundenen, Einwohnermentalität ausgemacht. „In Deutschland gehen sie zu zweit oder zu viert zum Abendessen ins Restaurant. In Venezuela gehen sie oft mit 12, 13 oder 14 Leuten“, sagt Kaufmann. Es ist ein wenig wie in Süditalien – nur, dass sie im nördlichsten Südamerika-Land fast alle spanisch sprechen.

Das Sprachproblem – für ihn wird es eines werden. Einen Anfängerkurs an der Volkshochschule hat er abgebrochen, weil, wie er sagt, die Theorie keine Praxis sei. „Um die Sprache so zu erlernen, dass man richtig kommunizieren kann, unterhält man sich mit den Leuten besser vor Ort“, glaubt er. Kaufmann setzt in der Fremde auf das Learning-by-doing-Prinzip – und darauf, dass ihm seine neue Familie hilfreich unter die Arme greifen wird, wenn‘s sprachlich klemmt. Schließlich spricht die 16 Jahre jüngere Ehefrau ebenso verständlich Deutsch wie Tochter Barbara, die er irgendwann adoptieren will. Die Mutter lebte bei engen Verwandten lange in Deutschland – dort, wo sich 2002 ihre Wege kreuzten.

Hanshenning Kaufmann erinnert sich noch gut an jenen Tag, der seine weitere Lebensplanung total auf den Kopf stellte: „Als WTB-Pressereferent war ich zu einer Verbands-Präsentation in den Stuttgarter Hauptbahnhof anlässlich des ­bevorstehenden Weißenhof-Turniers eingeladen worden. Eigentlich wollte ich gar nicht hin gehen.“ Er ging – und lernte dort die Venezolanerin Lerida Alvarado kennen, die auf Besuch bei ihrer Schwester in Stuttgart war. Aus dem anfänglichen Frage-und-Antwort-Plausch wurde Zuneigung, und Kaufmann, dessen erste Frau mit 38 Jahren an Krebs gestorben war, fand danach sein spätes Glück. Zwei Jahre später heirateten beide (in Venezuela), und seither prangt in ihren offiziellen Papieren die landesübliche Nachname-Doppelung Alvarado-Kaufmann.

Das war 2004, und ab da führte der altgediente Funktionär des Württembergischen Tennis-Bundes (1986 bis 2007 Pressereferent des Bezirks Esslingen/Reutlingen) sowie des FV 09 Nürtingen (1982 bis 2007 Vorsitzender der Tennisabteilung mit einjähriger Unterbrechung/zudem mehrere Amtszeiten Gesamtvorsitzender) eine Fernbeziehung. Zwei Jahre ging sie gut, bis beide darunter einen Schlussstrich zogen: Fortan wollten sie mehr – sich näher sein. Die Option mit Deutschland als Schauplatz der Zusammenführung schied freilich von vornherein aus: Barbara verträgt das Klima nicht.

Und so wird aus dem Nürtinger Senior der Señor aus Alemania – demnächst, wenn das in Acarigua angemietete 80-qm-Appartement inmitten einer modernen Wohnanlage endgültig bezugsfertig ist („im Januar oder Februar ist es soweit“). Auf Ressentiments werde er nach seiner Ankunft als Deutscher kaum stoßen, sagt Kaufmann voraus: „Schon bei meinen ersten Aufenthalten in der Stadt haben mich alle herzlich aufgenommen, besonders natürlich die Familie meiner Ehefrau.“ Trotz seiner ausgeprägten Sprachunkenntnis schwanen dem Positivdenker keinerlei Schwierigkeiten beim Eingewöhnen in den neuen Kulturkreis. „Mein einziges Problem momentan ist die Frage, wie und wann ich nach Venezuela komme“, sagt er und lacht.

Die wichtigsten Vorbereitungen auf sein ungeduldig erwartetes Lebens-Break hat der Tennis-Spieler und Bundesliga-Fan („in Venezuela muss unbedingt eine Satellitenschüssel her“) bereits getroffen: Umzug (per Schiff) und neues Rentenkonto sind geklärt, Wohnungskündigung und Autoverkauf stehen bevor, Freunde und Tennis-Kollegen vom FV Nürtingen sind über seine Emigrationspläne längstens eingeweiht. Wie die Vereins-Mitstreiter seinen schwer wiegenden Entschluss aufgenommen haben? Kaufmann: „Manche haben geflachst und gesagt, dass ich als aktueller Platzwart vor der nächsten Tennis-Saison nun eben eingeflogen werde.“ Abgeraten vom großen Auswanderungsplan hat ihm keiner, und selbst das lebende Gegenbeispiel für problemfreien Daueraufenthalt in Lateinamerika taugte für niemanden zur Gegenrede: FVN-Mitglied Gerhard Kneule kehrte nach einigen Jahren von der Kleinen Antillen-Insel Isla de Margarita wieder zurück nach Deutschland. Angeblich hatte er sich einen (zu) abgelegenen Ort zum Leben ausgesucht. „So etwas kann mir nicht passieren“, sagt Kaufmann.

Nostalgischer Blick zurück: Das Bayern-Gastspiel 1973

Rund um den Wörth werden sie ihn vermissen, wenn er im Frühjahr die letzten Koffer packt. Auch die Chronisten im FV 09: Schließlich war es just Hanshenning Kaufmann, der – damals als Gesamtvorsitzender tätig – keinen Geringeren als den FC Bayern München zu einem Fußball-Freundschaftsspiel nach Nürtingen gelockt hatte. Das war am 19. Juli 1973. Fast 8 000 Zuschauer pilgerten ins Wörth-Stadion, erlebten Kicker-Größen wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Paul Breitner und Sepp Maier live – und einen Trainer namens Udo Lattek. Der hätte fast wieder getobt: Der amtierende deutsche Meister gewann nach zwischenzeitlichem 1:2-Rückstand nur 5:2. Noch besser war das, was für die Vereinskasse des Erstamateurligisten abfiel: rund 15 000 DM – ein kleines Vermögen für die damalige Zeit. Kaufmann und Co. hatten beim Vorgespräch an Münchens ­Säbener Straße mit Bayern-Manager Robert Schwan ganze Arbeit geleistet – statt einer festen Antrittsprämie eine 40:60-Einnahmeteilung ausgehandelt.

Pure Nostalgie. Über die damaligen Begleitumstände des Club-Events muss Hanshenning Kaufmann noch immer schmunzeln. Wahrscheinlich erzählt er seinen Fußball-Coup vor 36 Jahren irgendwann in Spanisch.