Lokalsport

Wunden lecken unterm Weihnachtsbaum

Das hatten sich viele Handballfans in Owen anders vorgestellt: 14 Spiele, davon elf Niederlagen, ein Punkt trennt die Mannschaft von einem Abstiegsplatz. Die Hinrundenbilanz des TSV in der Württembergliga darf man getrost als verunglückt werten. Bis zum Wiederanpfiff am 19. Januar sind nun die Analytiker am Werk.

BERND KÖBLE

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OWEN Es war das letzte Spiel des Jahres und hätte doch das Signal zum Aufbruch geben sollen. Stattdessen überwogen am vergangenen Sonntag in der Teckhalle wieder einmal die langen Gesichter. Wie schon so oft in dieser Saison genügten ein paar Unkonzentriertheiten, um ein Spiel, das man lange Zeit beherrscht hatte, noch aus der Hand zu geben. Der offizielle Rückrundenauftakt gegen Wolfschlugen das Spiegelbild einer Saison, die ratlos macht. Mit Ausnahme der Partie gegen den TV Plochingen, der als das Maß aller Dinge in der Liga gilt, hielt der TSV über weite Strecken mit, überraschte viele Gegner mit furiosen Phasen, die sich jedoch wiederholt als Strohfeuer entpuppten. Fünf Wochen Spielpause bis zum Auswärtsduell bei der TG Nürtingen am 19. Januar bieten nun Gelegenheit zur Feinjustierung.

Ob dies genügt, um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, wird gleich von mehreren Faktoren abhängen. 15 Punkte als Minimalziel müssten nach Schätzungen von Spielertrainer Christoph Winkler zum Klassenerhalt reichen. Das hieße noch fünf Siege aus den verbleibenden zwölf Spielen. Die direkten Konkurrenten im Abstiegskampf Grabenstetten, Laupheim und die SG Kuchen-Gingen müssen allesamt noch in der Teckhalle antreten. Das ist ein Vorteil, eine Punktegarantie sicherlich nicht. Zumindest dann nicht, wenn auf zentralen Baustellen kein Fortschritt einkehrt.

Problem Nummer eins: die Abwehr. Nach dem Abschied von Christoph Hoyler und Benjamin Kazmaier ist es nicht gelungen, den Mittelblock entscheidend zu verstärken. Jan Hanssen und Martin Weiss sind robuste Typen mit wertvoller Erfahrung, doch fehlen beiden entscheidende Zentimeter im Luftkampf. Der Ex-Weilheimer Weiss, vor allem im Angriff noch immer auf der Suche nach der nötigen Konstanz, wirkt zudem häufig zu unbeweglich.

Problem Nummer zwei: die Kaderstärke. Die Mannschaft spielt personell am Limit, hat kaum Möglichkeiten, Stammkräften eine schöpferische Pause auf der Bank zu gönnen. Jüngstes Beispiel: Steffen Klett, trotz sieben Treffern gegen Wolfschlugen Schlüsselfigur der späteren Niederlage. Zwei Offensivfouls des Owener Spielmachers in entscheidender Phase des Spiels waren der Anfang vom Owener Ende, während die Gäste mit frischen Kräften zum großen Finale bliesen.

Problem Nummer drei: die Außen. Die Gefahr, die beim Aufsteiger von den Flügelpositionen ausgeht, bringt kaum einen Gegner in Verlegenheit. Trefferquoten um die 30 Prozent sind zu wenig, um dem durchaus zweikampfstarken Rückraum die nötigen Freiräume zu schaffen. Ein Defizit, das sich durch den krankheitsbedingten Ausfall von Linksaußen Sascha Meissner noch verschärfte.

Problem Nummer vier: die Bank. Die Achse zwischen Spielertrainer Christoph Winkler und seinem verlängerten Arm Burkhard Blumauer dreht sich nicht ohne Reibungsverluste. Die Chemie zwischen Mannschaft und beiden Trainern stimmt, die taktische Grundausrichtung ist Konsens vor jeder Partie. Dennoch geht mit beängstigender Regelmäßigkeit die Linie verloren, sobald die Mannschaft in Bedrängnis gerät. Die fast schon obligatorischen fünf Minuten, in denen eine Partie kippt, sind in Owen längst sprichwörtlich. "Während des Spiels schaffen wir es häufig nicht, zu reagieren", meint Christoph Winkler", der seinen Co-Trainer in Schutz nimmt. "Wenn es heiß her geht, fehlen uns schlicht die Alternativen." Weshalb ein erfahrener Mann wie der Ex-Plochinger Jan Hanssen am Sonntag den überwiegenden Teil des Spiels auf der Bank schmorte, während ein unermüdlich rackernder Lars Kirchner die letzten Kraftreserven mobilisieren musste, bleibt freilich eine Frage, auf die auch der Trainer keine Antwort findet.

Problem Nummer fünf: das Training. Zwei Hallen-Trainingseinheiten pro Woche. Zumindest in diesem Punkt ist der TSV Owen in der Liga konkurrenzlos. Beruf, Familie, Freizeitinteressen Die Gründe, am Status quo nicht zu rütteln, sind vielfältig. Doch jetzt mucken die jungen Wilden auf: In der Rückrunde soll auch montags trainiert werden, die nötigen Hallenzeiten loszueisen, hat der Gesamtvorsitzende des TSV inzwischen zur Chefsache erklärt.

Problem Nummer sechs: die Torhüter. Schon zu Saisonbeginn als Achillesferse erkannt, inzwischen Brandherd Nummer eins im Owener Team. Nach der Kreuzbandverletzung von Stammtorhüter Arpad Fazakas hat sich die Lage weiter verschärft. Dem jungen Matthias Carrle mangelt es zwar nicht an Talent, dafür noch an der nötigen Konstanz und Erfahrung, um ein Spiel aus dem Feuer reißen zu können. Bastian Reckziegel gerade zum ersten Mal Vater geworden will sich verstärkt Familie und Beruf widmen. Dass er am Sonntag gegen Wolfschlugen eine überragende erste Hälfte spielte und dabei verletzungsfrei blieb, darf als glückliche Fügung bezeichnet werden, denn mit Dennis Schwaab musste der Torhüter der zweiten Mannschaft auf der Bank Platz nehmen. Matthias Carrle hatte beim Aufwärmen einen Ball derart unglücklich abbekommen, dass sein Einsatz zu riskant erschien.

Alles in allem eine Not, die nach Notlösungen verlangt. "Wir sind intensiv auf der Suche nach einem Torhüter", bestätigt TSV-Abteilungsleiter Dietmar Kerner. Bisher freilich mit geringem Erfolg. Oliver Radl, Wunschkandidat schon zu Saisonbeginn, hat den Owenern am Montag zum zweiten Mal eine Absage erteilt. Der ehemalige Regionalliga-Torhüter des TV Neuhausen spielt trotz angekündigten Karriereendes derzeit Feuerwehrmann bei der zweiten Garde des Bundesligisten aus Balingen und wird dort die Saison wohl zu Ende spielen. Als mögliche Option wird derzeit Thomas Schweizer gehandelt. Auch er ein Mann mit reichlich Erfahrung auch mit Notlösungen. Schweizer half vergangene Saison der TG Nürtingen personell aus der Klemme und stand zuvor beim Zweitligisten TV Kornwestheim zwischen den Pfosten. "Er wäre sicher nur eine Übergangslösung", sagt Dietmar Kerner. "Vielleicht sogar nur für einzelne Spiele."

Eine andere Personalie indes steht bereits fest: Christoph Winkler wird sein Traineramt zum Saisonende aus beruflichen Gründen abgeben, für die Owener jedoch weiterhin auf Torejagd gehen. Auch der Nachfolger soll die Mannschaft auf dem Platz unterstützen: "Ein erfahrener Mann als Spielertrainer", beschreibt Abteilungsleiter Dietmar Kerner das Wunschprofil. Da sind gute Argumente von Vorteil. Zum Beispiel der Klassenerhalt.