Lokalsport

Zahl der Volksläufer nimmt zu

Immer mehr Teilnehmer bei immer mehr Veranstaltungen – Firmengruppen stark im Kommen

Laufen boomt – vor allem im Ländle: Im Einzugsgebiet des Württembergischen Leichtathletikverbands (WLV) haben mit über 183 000 Menschen so viele wie noch nie zuvor an den insgesamt 341 Volksläufen teilgenommen. An den Vereinen scheint diese Entwicklung allerdings vorbeizugehen.

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Peter Eidemüller

Kirchheim. Die fetten Jahre sind vorbei – dass der Titel des deutschen Kinoschlagers von 2005 auf den Vereinslaufsport rund um die Teck wie die Faust aufs Auge passt, weiß Eberhard Kunzmann nur zu genau. Der 53-Jährige ist einer der wenigen, die rund um die Teck noch im Vereinsleibchen dem liebgewordenen Lauf-Hobby frönen. Beim TSV Ötlingen, dem Kunzmann angehört und dort für die Pressearbeit zuständig ist, geht die Zahl der klassischen Läufer seit Jahren zurück. „Wir sind eine sterbende Gruppe inerhalb der Abteilung“, sagt er, „uns fehlt der Nachwuchs.“ Voll Wehmut denkt Kunzmann an die Zeiten Ende der Achtziger, Anfang der Neunzigerjahre, als der TSVÖ noch bis zu fünf Teams zu Mannschaftsmeisterschaften schicken konnte. Brachte in diesen goldenen Tagen noch ein eigens installierter Trainer die Laufgruppe auf Trab, bewegen sich die wenigen ­TSVÖ-Wettkampfläufer heutzutage mehr oder weniger alleine durch die Wälder im Rübholz. „Es gibt kein organisiertes Training mehr. Jeder läuft, wann er kann.“ Auch wenn die fetten TSVÖ-Jahre schon lange vorbei sind, nehmen heute immerhin noch bis zu 15 Ötlinger an Volksläufen teil und auch für die württembergischen Mannschaftsmeisterschaften haben die Rübholz-Runner zumindest ein Mixed-Team gemeldet. Mit Erfolg: Nach zwei von vier Wertungsläufen liegt das TSVÖ-Team unter 44 Mannschaften auf dem respektablen neunten Platz.

Dennoch: Die Entwicklung in Ötlingen geht gegen den Trend – zumindest, wenn man sich die nackten Zahlen betrachtet, die der Württembergische Leichtathletikverband unlängst veröffentlicht hat. Zum zehnten Mal in Folge hat die Zahl der Teilnehmer an Volksläufen in Württemberg zugenommen. Im Jahr 2007 überstieg die Zahl der laufbegeisterten Wettkampfläufer die stolze Marke von 183 000. Allerdings verrät dies nicht, ob – wie beim TSV Ötlingen – die für einen Verein startenden Läufer insgesamt weniger geworden sind. „Im Verbandsgebiet haben wir 4000 bis 5000 Startpassinhaber, die sich allerdings auch oft nicht als Vereinsläufer bei Veranstaltungen anmelden“ weiß WLV-Volkslaufwart Friedrich Beischroth. Rückschlüsse auf ein eventuelles Aussterben der auf Vereinsebene aktiven Läufer sind deshalb schwer. Eines kann Beischroth allerdings sagen: „Die Entwicklung geht im Hinblick auf die Leistung eher in die Breite.“ Soll heißen: Wo man vor Jahren über die Halbmarathondistanz mit einer Zeit über zwei Stunden noch unter „ferner liefen“ in den Ergebnislisten auftauchte, ist man heutzutage fast schon im vorderen Mittelfeld zu finden. „Die Zeiten der Letztplatzierten bei Volksläufen werden immer länger“, sagt Bei­schroth. Eine Entwicklung, die auch Eberhard Kunzmann beobachtet: „Heute hat man bei den Wettkämpfen eine kleine Gruppe Spitzenläufer, die Top-Zeiten abliefern. Danach kommt lange nichts mehr.“

Dass in Sachen Teilnehmerfeld der Trend weg vom Wettkampf- zum Spaßläufer geht, wird von Verbandsseite begrüßt. „Wir wollen die breiten Teilnehmerfelder“ sagt Friedrich Beischroth, der das steigende Gesundheitsbewusstsein für den Boom mitverantwortlich macht: „Immer mehr Menschen merken, dass sie sich was Gutes tun, indem sie laufen.“ Gleichgesinnte scheint man hierbei im Vergleich zu früher weniger im Sportverein als bei der Arbeit zu finden, glaubt zumindest der Leichtathletik-Abteilungsleiter des VfL Kirchheim, Steffen Knapp: „Die Zahl der in Firmengruppen laufenden Menschen hat stark zugenommen.“ Bestes Beispiel aus lokaler Sicht ist die umtriebige Laufgruppe des Kirchheimer Recaro-Konzerns, die landauf, landab erfolgreich an Veranstaltungen teilnimmt.

Dass Verein und Arbeitgeber nur zwei Möglichkeiten darstellen, wie Laufbegeisterte ihrem Hobby frönen können, ist anhand der jüngsten WLV-Studien ebenfalls belegbar: Im Ländle nehmen bis zu 40 000 Menschen bis zu vier Mal pro Woche das Angebot eines Lauftreffs in Anspruch. Mit 970 Treffs in den Bereichen Laufen, Walking und Nordic Walking liegt Württemberg im bundesweiten Vergleich auf Rang zwei.

Wer sich einem Lauftreff anschließt, tut übrigens nicht nur seiner Gesundheit, sondern auch dem Geldbeutel etwas Gutes: Mehrere Krankenkassen erkennen innerhalb des Lauftreffs erlangte Abzeichen als Bonus an.

Foto: Jean-Luc Jacques

Grafik: Regina Hirche