Lokalsport

„Zeit, für ein besseres Amerika zu kämpfen“

Sie leben in Deutschland, sie verdienen ihr Geld in Deutschland; in der Nacht auf Mittwoch waren sie vor allem eines: Amerikaner. Für die US-Boys unter Kirchheims Basketballern ist die Entscheidung über die künftige Präsidentschaft in ihrem Heimatland keine Wahl wie jede andere.

Bernd Köble

Kirchheim. Es war eine Wahlnacht, die Spuren hinterließ. Nicht nur auf der politischen Weltkarte, sondern auch in den Gesichtern derjenigen, die sich die neuesten Nachrichten anstelle von Schlaf verordnet hatten. So wie Gordon Scott verbrachten viele Wahlbeobachter fern der Heimat die Nacht zum großen Teil vor dem Fernseher oder online im Netz. Was der Scorer der Knights partout nicht verpassen wollte, nennt er „einen großen Moment in der Geschichte – nicht nur für Amerika.“ Der Sieg Obamas sei ein starkes Signal für alle, die es nicht für möglich gehalten hatten, dass da einer unabhängig von Herkunft und Hautfarbe zum mächtigsten Mann der westlichen Welt würde aufsteigen können, meint der 31-Jährige aus Los Angeles. „Ich hoffe, dass die Menschen begriffen haben, dass es Zeit ist für jeden, aufzustehen, Verantwortung zu übernehmen und für ein besseres Amerika zu kämpfen.“ Ein Amerika, von dem er sich wünscht, dass es intelligenter und aufgeklärter daherkommt als in der Vergangenheit. Für alle, die eine Kehrtwende herbeigesehnt hätten, gebe es jetzt keine Ausreden mehr. „Unser Hauptproblem ist die Ignoranz und die Unfähigkeit, aus Fehlern in der Geschichte zu lernen“, meint Scott und klingt dabei fast schon wie sein großes Vorbild Barack Obama, dem er seine Stimme schon lange vor der Nacht der Entscheidung per Briefwahl gegeben hat.

Ein Freudentag war der gestrige Mittwoch auch für Cliff Crawford. Für den 27-jährigen Point Guard der Knights stand schon am Vorabend fest, dass es keinen anderen Sieger als Barack Obama würde geben können. Entsprechend gelassen verfolgte er am Abend die Nachrichtensendungen und ging anschließend früh ins Bett. Auch er sieht die Chance auf ein neues Zeitalter, das anbrechen könnte. „Dass ein Farbiger so etwas schaffen kann, hätte keiner geglaubt.“ Persönlich imponiert hat ihm die Art und Weise, mit der der künftige Präsident seinen Wahlkampf geführt habe: fair und dennoch mitreißend. Dass Amerika die politische Kehrtwende braucht, steht für ihn außer Frage. Dass sie mit Obama am ehesten zu schaffen ist, ebenfalls. Er weiß, dass nicht wenige in seinem Heimatstaat North Carolina dies anders sehen. Dort lieferten sich beide Kandidaten bis zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Im Wüstenstaat Arizona hingegen hatte John McCain knapp die Nase vorn. Weniger deutlich als erwartet, denn die Heimat von Adam Baumann ist traditionell republikanisches Territorium. Der 2,04 Meter große Center der Knights hielt sich bis fünf Uhr gestern früh mit Informationen aus dem Internet wach und macht keinen Hehl daraus, dass er seine Stimme McCain gegeben hätte – so er denn gewählt hätte. Er hat es nicht, weil er die Politik in seinem Herkunftsland seit fünf Jahren nur noch als Zaungast verfolgt. So lange lebt der Ex-Hagener, der aus der Wüstenmetropole Phoenix stammt, schon in Deutschland. „Die US-Politik folgt seit jeher festgelegten Standards“, meint er und klingt dabei fast ein wenig resigniert. Gravierende Unterschiede zwischen beiden Kandidaten will er daher nicht ausmachen, weil sich keiner von beiden auch nur einer der anstehenden Aufgaben verschließen könne: der Stabilisierung der Wirtschaft, einem neuen Steuersystem und einer dringend notwendigen Gesundheitsreform. Auch die Hautfarbe spielt für ihn keine Rolle: „Keiner ist ein besserer oder schlechterer Präsident, weil er schwarz oder weiß ist.“

Auch Kirchheims Ex-Coach Pat Elzie macht sich im fernen Bremen Gedanken über den „big change“ jenseits des großen Teichs. Der Mann aus St. Louis, seit Saisonbeginn als Manager bei den Bremen Roosters, hat einen deutschen Pass und deshalb kein Stimmrecht in seiner alten Heimat. Er bekennt sich zu Obama, weil der die bessere Botschaft vertrete, wenngleich er John McCain als Person schätzt. Dessen größter taktischer Fehler: Sarah Palin als Stellvertreterin an Bord zu holen. „Das hat ihn den möglichen Sieg gekostet“, ist Elzie überzeugt. Dringlichste Aufgabe des neuen Präsidenten ist für ihn die Reform des maroden Gesundheitswesens. Das sagt einer, der es wissen muss: Elzies Mutter arbeitete 50 Jahre lang als Krankenschwester in den USA.

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