Lokalsport

"Zusage unter falschen Voraussetzungen"

Ein Trainerstuhl wird zum Schleudersitz: Heike Kemmner, gerade mal eine gute Woche Übungsleiterin der Nürtinger Handballerinnen, hat den Dienst bereits wieder quittiert. "Ich habe meine Zusage unter falschen Voraussetzungen gegeben", sagt die 41-jährige Diplombetriebswirtin nach ihrem Kurzeinsatz am Neckar ernüchtert.

WOLFGANG FRITZ

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NÜRTINGEN Keine Mühen hatte Gerhard Deininger gescheut, um Heike Kemmner zur TG Nürtingen zu lotsen und damit den von Nedeljko Vujinovic geräumten Stuhl wieder zu besetzen. Eigentlich eine gute Wahl, zumal der 41-jährigen Diplombetriebswirtin ein exzellenter Ruf vorauseilt. Eine junge und entwicklungsfähige Mannschaft mit großer Einsatzbereitschaft glaubte Heike Kemmner in Nürtingen vorzufinden und dann das: Ein mehr als kläglicher Trainingsbesuch an den beiden ersten und wie sich herausstellen sollte einzigen Trainingsabenden. Da tat die eine kund, nur noch einmal wöchentlich trainieren zu können, eine zweite mochte ihren Fahrschultermin nicht verschieben, wieder andere meldeten sich berufsbedingt ab. Der ohnehin kleine Kader schrumpfte auf ein zahlenmäßig indiskutables Grüppchen zusammen. "Die Gründe mögen für die Einzelne gewichtig gewesen sein, nur nutzte mir das nichts. Im Vorfeld habe ich zwanzigmal gefragt, ob die Mannschaft wirklich will. Und wollen heißt für mich, etwas dafür zu tun", klagt Heike Kemmner. "Ich kann nichts erreichen, wenn ich nicht die Leute dazu habe. Schließlich kann ich ja nicht zaubern."

Der Auftritt bei der SG Waldhof Mannheim am vergangenen Sonntag endete denn auch, wie zu erwarten war, nämlich mit einer bösen 12:24-Klatsche. Und dabei rangierten die Nordbadenerinnen bis dahin gerade mal einen Platz vor der Turngemeinde. Hinterher in der Kabine forderte Heike Kemmner von ihren Spielerinnen mehr Fairplay im Umgang ein. Offenbar mit wenig Erfolg. Tags darauf stand sie im Training erneut vor einer kleiner Gruppe. "Da habe ich ihnen erklärt, warum ich aufhöre."

Heike Kemmner fühlt sich von einem Teil der Spielerinnen hintergangen. "Ich habe meine Zusage unter falschen Voraussetzungen gegeben", stellt sie fest. Jedenfalls aber ist sie um eine Illusion ärmer. "Ich bin schon enttäuscht, aber es wäre unfair weiterzumachen. Unter diesen Umständen kann ich dem Verein nichts bieten." Und: "Wer mich kennt, weiß, dass ich konsequent bin in meinem Handeln." Auch Co-Trainer Ralf Hauptvogel nennt das Kind beim Namen: "Heike Kemmner forderte Leistung, dazu waren einige Spielerinnen nicht bereit. Bei einem kleinen Kader hat man als Trainer Probleme mit der Aufstellung. Man kann keinen Druck ausüben und ist ein zahnloser Tiger."

Nun steht der Nürtinger Frauenhandball erneut vor einem Scherbenhaufen. Der einstmals stolze Regionalligist mit Zweitliga-Ambitionen befindet sich im freien Fall und droht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Gerhard Deininger, von Heike Kemmner unmittelbar nach der Rückkehr aus einem fünftägigen Urlaub telefonisch unterrichtet, ist bedient und zu keiner Stellungnahme zu bewegen: "Ich bin nicht bereit zu irgendwelchen Kommentaren."

Schon am morgigen Freitag bestreiten die TG-Handballerinnen ihr nächstes Spiel in der Baden-Württemberg-Oberliga, es wartet Schlusslicht TSG Oßweil. Auf der Nürtinger Bank: Klaus Hüppchen, Trainer der ersten Männermannschaft. Interimsmäßig, versteht sich. Wie es dann weitergeht, weiß niemand.