Lokalsport

Zwischen blasierten Gockeln und schweren Jungs

Sie braucht den Kick, wenn es sein muss bis zur völligen Erschöpfung. Ohne Sport läuft nichts im Leben von Sarah Ehinger. Mit zwölf Jahren talentierte Kunstturnerin auf dem Sprung in den Leistungskader, mit 17 Junioren-Weltmeisterin im Ringen. Derzeit hat die 23-Jährige aus dem oberschwäbischen Baienfurt berufliche Ziele vor Augen: als angehende Sportlehrerin am Pädagogischen Fachseminar in Kirchheim.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Sie ist es gewohnt, den Ehrgeiz der Männerwelt zu wecken. Doch so mancher Gockel, dem in anbetracht des 49 Kilo leichten und 1,65 Meter großen Energiebündels der Kamm schwillt, täte gut daran, den feuerroten Haarschopf als Warnsignal zu deuten. Wenige Wochen erst ist es her, da hat ihr ein Mitschüler am Fachseminar mal wieder ein Angebot gemacht. Eine jener Offerten, die sie hinreichend kennt. Ein offizieller Ringkampf als gut gemeinter Gag, der in Boxpromoter-Manier auch schon als Flyer durch die Aula segelte. Sie hat freundlich dankend abgelehnt. Nicht aus Furcht vor dem starken Geschlecht, vielmehr aus Rücksicht auf die Gesundheit ihres übermotivierten Gegners. "Ringen ist ein technischer Sport", sagt die junge Frau im Kati-Wilhelm-Look. "Wer dabei nicht ausreichend trainiert ist, kann sich ernsthaft verletzen."

Das weiß kaum jemand besser als sie selbst. Seit Jahren hadert Sarah Ehinger immer wieder mit dem eigenen Körper. Seit dem Gewinn der Junioren-Weltmeisterschaft vor sechs Jahren, hat sie in ihrem Sport kaum mehr richtig Tritt gefasst. Mal waren es Motivationsprobleme, mal Dissonanzen mit dem Bundestrainer, die sie ins Straucheln brachten. Dazwischen immer wieder Verletzungen. Das Sprunggelenk, die Schulter. Ihre Beweglichkeit und ihre Schnelligkeit, so sagt sie, sind im Wettkampf ihre Stärken. Gaben, die im Ringen schnell zum Bumerang werden können. Wo andere in scheinbar aussichtslosen Situationen verharren, findet die ehemalige Kunstturnerin meist doch noch einen Ausweg aus der Klemme. Das geht auf Kosten von Bändern und Gelenken. "Während des Kampfes spürst du keinen Schmerz", sagt Sarah Ehinger. "Das ist das eigentliche Problem."

Dabei gilt die 23-Jährige aus der Ringer-Hochburg Baienfurt bei Ravensburg bis heute als das größte Talent in der Gewichtsklasse bis 50 Kilogramm. Technisch brillant, mit grenzenlosem Ehrgeiz ausgestattet. Mit neun Jahren hat sie ihren ersten Kampf gewonnen abseits der Matte und gegen die eigenen Eltern. Die wollten verhindern, dass das Mädchen ringt. Doch die Anziehungskraft der Hallen, in die sie ihre beiden älteren Brüder zu jedem Wettkampf begleitete, war schon damals stärker als der Drang zum Gehorsam. Mit Jungs ist sie in der Familie groß geworden ("die hielten immer fest zusammen"), mit Jungs hat sie zeitlebens trainiert. Das macht stark und schenkt Selbstvertrauen.

Von da an ging es steil bergauf. Auf nationaler Ebene kam ihr rasch die Konkurrenz abhanden und Ringer-Bundestrainer Jörg Helmdach erkannte früh, welch seltenes Talent in dem Mädchen mit dem unbändigen Siegeswillen schlummert. "Schon damals wollte ich nur eines: Weltmeisterin werden", sagt Sarah Ehinger. Als es bei der Junioren-WM 2000 so weit war, schien der weitere Weg zu internationalem Ruhm vorgezeichnet. Doch der Blick der eigenwilligen Oberschwäbin reicht über den sportlichen Tellerrand hinaus. "Vom Ringen kann kein Mensch leben", nennt sie den Grund, weshalb sie nach Realschulabschluss und einem kurzen Abstecher in den Polizeidienst, sich für eine Ausbildung zur Gymnastiklehrerin entschied. Dass sie ihre Prüfungsvorbereitungen einige Male Trainingslehrgängen vorzog, stieß beim Bundestrainer damals auf wenig Verständnis. Es kam zum Bruch, den die junge Athletin vorübergehend mit Desinteresse quittierte. 2003 dann packte sie erneut der Ehrgeiz, "um zu zeigen, dass ich noch da bin", wie sie betont. Ein Lebenszeichen in Form des Deutschen Meistertitels. Doch dabei blieb es. Eine neuerliche Verletzung im Sprunggelenk zwang sie zu einer einjährigen Trainingspause. Eine Zeit, die sie nutzte, um sich Gedanken über ihre berufliche Zukunft zu machen. "Als ich von der Fachlehrerausbildung in Kirchheim erfuhr, habe ich sofort gewusst: Das ist es."

Inzwischen haben Sport und Beruf die Plätze getauscht. "Ich will mich jetzt voll auf meine Ausbildung konzentrieren, was danach ist, wird man sehen", meint sie. Getreu ihrem Motto: Ganz oder gar nicht. Bei den Ringern der KG Kirchheim/Köngen hat sie schon zweimal im Training vorbeigeschaut, mangels geeigneter Trainingspartner ("die sind alle zu schwer") aber die Segel gestrichen. Statt täglich harten Trainings hockt sie nun des Öfteren über Wirtschaftsbüchern, um im ungeliebten Zweitfach am Ball zu bleiben. Und wenn der Frust sie übermannt, ist auch die eine oder andere Sünde drin: "Ich steh' total auf Süßigkeiten", gesteht sie mit einem Lachen ein. Das ganz normale Leben kann so schön sein.