Lokalsport

Zwischen Glatteis und Bordeaux

KIRCHHEIM Die Vorbereitung zum diesjährigen Kirchheimer Silvesterlauf begann genau genommen mit einem persönlichen Rekord: Exakt 88,8 Kilo zeigte die hauseigene

Anzeige

REIMUND ELBE

Waage am ersten Weihnachtsfeiertag 2004. Zuvor hatte ich das Wiegeinstrument monatelang mit totaler Missachtung gestraft, wohl schon ahnend, dass ein Betreten zu schockähnlichen Zuständen führen würde. Dieser Schock saß wirklich tief. Als dann auch noch beim Aufräumen nach den Weihnachtsfeiertagen einige Bilder aus der aktiven Läuferzeit auftauchten, die einen verhältnismäßig ranken und schlanken Sportler beim Zieldurchlauf des Rotterdamer Stadtmarathons mit nur 69 Kilo auf den Rippen und 2.36 Stunden auf der Stoppuhr im Jahr 1989 zeigten, war der Entschluss des Wiedereinstiegs in die Welt des gepflegten Dauerlaufes so gut wie gefallen.

Den letzten Kick brachte dann ein paar Tage später der Besuch der Kirchheimer Innenstadt beim Zieleinlauf des Silvesterlaufes mit seiner tollen Atmosphäre. Der Plan reifte: Genau in einem Jahr sollte just dieser Kirchheimer Silvesterlauf zum ersten allgemeinen Fitnessscheck werden. So weit die Theorie. Die Praxis, sprich der Trainingsalltag, gestaltete sich dann allerdings doch schon etwas schwieriger als gedacht das war die erste Erkenntnis nach wenigen Wochen vorsichtigen Lauftrainings.

Wenn ein Bekannter zum Spontantest eines 99er-Bordeaux ("den musst du mal probieren, ein Gedicht") einlädt, aber eigentlich eine Trainingseinheit ansteht, bei Geschäftsessen üppige Vor-, Haupt- und Nachspeisen kredenzt werden, die Straßen im Heimatort spiegelglatt sind oder es wie aus Kübeln regnet irgendwie, irgendwo, irgendwann sollte man auch an solchen Tagen seine Runde im Wald oder auf den Straßen drehen.

Ich blieb standhaft. Ausgerechnet das über Jahre hinweg wenig geliebte Wiegeinstrument wurde langsam zum besten Freund und Motivator. Denn die Pfunde purzelten und sogar das Steigen von Treppen sorgte nicht mehr für akute Atemnot. Und auch die härteste aller Prüfungen ward bestanden: Das Laufen zu früher Stunde. Um sechs Uhr klingelt der Wecker, zwanzig Minuten raus an die frische Morgenluft. Spätestens nach der Rückkehr, einer heißen Dusche und einem leckeren Frühstück ist das Selbstmitleid über diese frühe Tour der Leiden direkt nach dem Aufstehen verflogen. Der Silvesterlauf 2005 rückt näher und die wöchentlich zurückgelegten Kilometer werden mehr. Nur nicht übertreiben dieser Grundsatz ist auch in den letzten Wochen vor dem Laufereignis allgegenwärtig. Noch eine Erkenntnis: Laufschuhe sind über all die Jahre auch nicht besser geworden man sehnt sich nach den Modellen der achtziger Jahre, mit denen man noch tausende Kilometer laufen konnte, ohne dass sich das Modell von selbst auflöste. Dem Tecklauf steht trotzdem nichts mehr entgegen. Und wenn das Ganze vorüber ist, dann kann mir auch der 99er-Bordeaux jenes Bekannten gestohlen bleiben, auch wenn der Tropfen "ein Gedicht" sein mag. Dann gönne ich mir einen Glühwein. Bei dem jetzigen Wetter und der wunderbaren Atmosphäre vor dem Rathaus genau das Richtige.