Lokalsport

Zwischen Nationalstolz und Integration

Dass es auf dem Fußballplatz bisweilen heiß her geht, ist bekannt. Kein Spieltag, an dem nicht irgendein Hitzkopf per Roter Karte des Feldes verwiesen wird Ligenalltag. Sind jedoch ausländische Vereine involviert, erscheinen Platzverweise, anhängende Sportgerichtsverfahren und die betreffenden Schlagzeilen oftmals in einem anderen Licht. Zu Recht?

PETER EIDEMÜLLER

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KIRCHHEIM Nicht erst seit dem Skandalspiel des NKV Nürtingen vor gut zwei Jahren, als Spieler, Zuschauer und Funktionäre des türkischen Clubs das Schiedsrichtergespann nach Jagdszenen krankenhausreif geprügelt hatten, machen ausländische Vereine immer wieder negative Schlagzeilen, was Ausschreitungen angeht. "An ähnliche Vorkommnisse, bei denen nur zwei deutsche Mannschaften waren, kann ich mich in den letzten zwei Jahren nicht erinnnern", sagt mit Siegfried Bippus, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Bezirksportgerichts, einer, der es wissen muss. Allerdings relativiert er, "dass es keine Statistiken gibt, die belegen würden, dass ausländische Mannschaften gewalttätiger sind."

Eine Aussage, die auch von Verbandsseite her bestätigt wird. "Bei rund 12 000 Sportgerichtsurteilen pro Jahr im Verbandsgebiet, ist eine Differenzierung nach der Art der Vergehen schwer vorzunehmen", sagt Bastian Kieper, Sachbearbeiter in der Rechtsabteilung des Württembergischen Fußballverbandes (WFV). Als einziges Instrument zur Überprüfung von etwaigen Wiederholungstätern dient dem WFV eine Art Vorstrafenkartei, in der auffällige Vereine geführt werden "ausländische und deutsche", wie Kieper betont. Dennoch ist laut Siegfried Bippus tendenziell eine Unterscheidung zwischen den Vergehen deutscher und ausländischer Clubs möglich: "Während Deutsche eher beleidigen, werden ausländische Spieler schneller mal rabiat." Alles also eine Frage der Mentalität?

"Dass gerade wir Türken auf dem Platz ein bisschen hitziger sind, ist ja bekannt", bestätigt Canan Karahan, Spielertrainer des TASV Kirchheim, "aber Hitzköpfe gibt es überall, auch bei deutschen Vereinen." Laut des 31-Jährigen, lange Zeit bei den SF Dettingen aktiv, haben ausländsiche Clubs wie der TASV (Türkischer Arbeiter-Sportverein), im Gegensatz zu deutschen, Probleme mit der Verwurzelung. "Ein Verein wie die SF Dettingen ist seit Jahrzehnten im Ort ansässig und mit ihm verwachsen", so Karahan, "Clubs wie der TASV haben keinen festen Bezugspunkt, wie zum Beispiel eine Vereinsgaststätte und sind oft zusammengewürfelt." So kommen beim TASV einzelne Spieler aus Oberlenningen oder Denkendorf, nur um für den türkischen Club die Kickstiefel zu schnüren. "Da spielt der Nationalstolz schon eine Rolle", sagt Karahan, "und das Türkische muss schon auch ein bisschen sein, obwohl wir auch deutsche Spieler gern bei uns aufnehmen würden." Alles also eine Frage der Integration?

Ein leuchtendes Beispiel, was das Zusammenwirken verschiedener Nationalitäten auf und neben dem Fußballplatz angeht, ist der FC Nürtingen 73. Einst als rein türkischer Club unter den Namen TSB (Türkischer Sportbund) und TTSB (Treff Türkischer Sportbund) auftretend, hat man sich in Nürtingen Vorwürfen entgegengestellt, der Verein wolle sich statt dem Sport nur kulturellen, politischen und religiösen Aspekten zuwenden. "Man wollte einfach vermeiden, dass andere Mannschaften sonntags sagen: Passt auf, jetzt kommen die Türken", erklärt der deutsche Pressewart des Neu-Landesligisten, Uli Eberle. Der 45-Jährige ist seit rund zweieinhalb Jahren beim FC 73 dabei und überzeugt vom Modell, das dort verfolgt wird. "Auf dem Platz die ausländische Mentalität in Sachen Spielweise nach dem Spiel die deutsche Gründlichkeit in Sachen Vereinsführung." Auf der Strecke blieb dabei allerdings die bei vielen Fans beliebte und erwünschte Betonung der türkischen Wurzeln. "Beim Einlaufen der Mannschaft wird zum Beispiel keine türkische Musik mehr gespielt." Prompt kamen laut Eberle jedoch rund zwei Dutzend Anhänger weniger zu den Spielen des FC. "Da sind viele einfach sehr stolz auf ihre Herkunft und bedacht darauf, unter sich zu sein", so Eberle, "und wenn sie das nicht bleiben können, ziehen sie sich zurück." Alles also eine Frage der Einstellung?