Kollektiv I

Ziegelhütte am Randecker Maar: Neues Gebäude am alten Standort

Foto: Tobias Tropper

Bissingen. Rund zehn Jahre sind vergangen, bis aus der Idee Wirklichkeit werden konnte: Die Idee war es, den Alten Schafstall an der Ziegelhütte von einer Ruine in ein Schmuckstück zu verwandeln. Die Jugendhilfeeinrichtung brauchte dringend neue Räume, und die Jugendlichen sollten anhand eines konkreten Projekts praktische Berufserkundung betreiben können. Das mit der Berufserkundung hat von Anfang an funktioniert – und es war so erfolgreich, dass einige Jugendliche im Anschluss eine Ausbildung im Bauhandwerk absolviert haben.

Was leider nicht auf Anhieb funktioniert hat, war die Sache mit den neuen Räumen. Da gab es etliche Rückschläge zu verkraften. Wie baufällig der Alte Schafstall tatsächlich war, zeigte sich im Sommer 2015, als der mittlere Teil des Dachs eingestürzt ist. Einerseits war das der Beweis dafür, dass das historische Gebäude dringend gerettet werden musste. Andererseits stellte sich die Frage, ob es in diesem Zustand überhaupt noch zu retten war.

Aus heutiger Sicht lässt sich die Frage im Konjunktiv der Vergangenheit beantworten: Der Alte Schafstall wäre zu retten gewesen. Und er wäre auch gerettet worden, wäre es im November 2017 nicht zur verheerenden Brandnacht gekommen. Es hatte nicht mehr viel gefehlt, und der Umbau wäre vollendet gewesen. So aber ist alles in Rauch aufgegangen – und von der baufälligen Fast-Ruine, die schon begonnen hatte, im neuen Glanz zu strahlen, ist rein gar nichts mehr übriggeblieben. Nur ein paar Steine und ein paar verkohlte Balken erinnerten an das Gebäude und seine dreihundertjährige Geschichte.

Aus einigen Balken ist kurz nach dem Brand bereits ein Kunstwerk in Form einer Pyramide entstanden, um an das verlorengegangene Gebäude zu erinnern. Eingeschrieben in die Balken waren die Stichworte „Mut“, „Hingabe“, „Hoffnung“ und „Liebe“. Das alles brauchten die Verantwortlichen rund um Ziegelhütten-Geschäftsführer Hendrik van Woudenberg, um das Projekt „Neubau des Alten Schaftstalls“ angehen zu können.

Sechseinhalb Jahre ist es her, dass alles in Schutt und Asche lag. Heute steht, um ein paar Meter weiter wegversetzt von der Straße, der „Neue Alte Schafstall“ als neues Prunkstück des Gebäudeensembles am Randecker Maar. Die äußere Form ist geblieben, die Nutzung der Innenräume ist dagegen weitaus praktikabler als im alten Gebäude.

Innovative Beleuchtung
Kernstück ist der große Saal, der sich bis zum First erstreckt und der durch sein Beleuchtungskonzept besticht: Die kreisrunden Lampen mit teils enormen Durchmessern geben ihr Licht nicht nur nach unten, sondern auch nach oben ab, in unterschiedlichen Farben, sodass sich beeindruckende „Lichtspiele“ inszenieren lassen. Das passt zur geplanten künstlerischen Nutzung des Saals, der für Konzerte ebenso zur Verfügung stehen soll wie für Theateraufführungen oder Lesungen. Auch Feste lassen sich dort feiern.

Die Küche ist bestens geeignet, um Cateringdienste in Anspruch zu nehmen. Sie ist über das Foyer mit dem großen Saal verbunden. Die Trennwände lassen sich öffnen, sodass sich der Saal in unterschiedlichen Größen nutzen lässt. Sanitärräume, eine Spülküche und ein kleinerer Raum für Besprechungen, der auch separat von außen zugänglich ist, komplettieren das Erdgeschoss.

Neue Räume der Verwaltung
Im Obergeschoss hat die Verwaltung der Ziegelhütte neue Räume bezogen, die nicht nur durch den Ausblick auf die Landschaft im Randeck bestechen, sondern auch alle Ansprüche an moderne Arbeitsplätze erfüllen. Und erstmals verfügt das gesamte Verwaltungsteam über Büros, die nicht auch noch gleichzeitig als multifunktionale Besprechungsräume herhalten ­müssen.

Besichtigen lässt sich der „Neue Alte Schafstall“ am Samstag, 4. Mai, im Rahmen der Eröffnungsfeier für geladene Gäste. Eingeladen sind außer den Handwerkern, die am Neubau mitgearbeitet haben, auch die Repräsentanten von Einrichtungen und Organisationen, mit denen die Ziegelhütte zusammenarbeitet. Wer sich an den Kunst- und Aktionspfaden 2012, 2015 und 2019 künstlerisch beteiligt hat, ist ebenso eingeladen wie die zahlreichen Förderer der Ziegelhütte und insbesondere des Schafstallprojekts: „Ohne unsere Förderer hätten wir das gar nicht machen können“, stellt Hendrik van Woudenberg mit großer Dankbarkeit fest.

Ab Sonntag, 5. Mai, lässt sich der Alte Schafstall bis Sonntag, 23. Juni, regelmäßig besuchen und besichtigen – im Rahmen der „Kulturtage“: Verschiedene Ausstellungen, Konzerte, Lesungen oder Theaterstücke stehen ebenso auf dem Programm wie verschiedene Führungen – durch die Ausstellungen oder durch die Landschaft –, Seminare, ein Kino-Abend, Workshops, eine Fachtagung oder auch ein „offenes Volksliedsingen“.

Die Ausstellungen befinden sich auf der anderen Straßenseite – gegenüber vom Alten Schafstall. In der „Pferdescheune“ hat sich ein zusätzliches, kleineres Projekt mit großer „Außenwirkung“ ergeben: Um das ­erste Obergeschoss für die Ausstellung „face_to_face“ besser erschließen zu können, ist eine Treppe entstanden. Sie besticht nicht nur dadurch, dass sie aus Europaletten besteht, sondern auch durch einen leichten, eleganten Schwung, der die Symmetrie des Gebäudes auflöst. Auch am „Treppenprojekt“ waren Jugendliche der Ziegelhütte beteiligt.

Natürliche Materialien
Die Europaletten stehen symbolisch für die natürlichen Materialien, die auch beim Alten Schafstall zum Einsatz gekommen sind. „Das ganze Gebäude ist komplett mit Stroh gedämmt“, sagt Hendrik van Woudenberg. An den Lehmputz erinnert unter anderem die Farbe der Außenwand im kleinen Raum im Erdgeschoss. „Außen haben wir uns aber für Kalkputz entschieden, weil der wetterbeständiger ist.“ Was den Neubau vom historischen Alten Schafstall unterscheidet, sind die Betonwände. Diese werden keinesfalls versteckt, sondern bleiben mitunter ohne Putz stehen – als Verbindung zwischen Alt und Neu, zwischen natürlichen und modernen Baustoffen.

Hendrik van Woudenberg freut sich schon sehr darauf, gemeinsam mit dem gesamten Team und mit den Jugendlichen der Ziegelhütte das vollendete Schafstallprojekt vorstellen zu können. Das einzige, was er in diesem Fall nicht beeinflussen kann, sind die Zufahrtswege: Die führen über Bissingen oder Lenningen nach Ochsenwang und zum Randecker Maar. „Schade, dass die Steige von Hepsisau her gesperrt ist“, meint der Leiter der Ziegelhütte. Das hat aber auch einen Vorteil: Es gibt bei den Kulturtagen keinen Durchgangsverkehr. Andreas Volz

Aufstellen einer Aussentreppe aus Paletten gefertigt. Foto: Tobias Tropper
Foto: Tobias Tropper
Hendrik van Woudenberg. Foto: Tobias Tropper
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Alter Schafstall, Ziegelhütte Ochsenwang, Kollektiv
Foto: Tobias Tropper
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Foto: Tobias Tropper
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