Kirchheim

60 Jahre und kein bisschen leise

Engagement Amnesty International, die größte unabhängige Menschenrechtsorganisation, wird nun 60 Jahre alt. Für die Kirchheimer Sektion gleich ein doppelter Grund zum Feiern. Von Helga Single

Die Kirchheimer Aktivistinnen feiern dieses Jahr das 50-jährige Bestehen der lokalen Amnesty-Gruppe.Foto: Helga Single
Die Kirchheimer Aktivistinnen feiern dieses Jahr das 50-jährige Bestehen der lokalen Amnesty-Gruppe.Foto: Helga Single

Seit der Gründung im Mai 1961 setzt sich Amnesty International für eine Welt ein, in der die Rechte aller geachtet werden. Dies macht sie mit Aktionen, Appellbriefen und Dokumentationen und kümmert sich so um die Opfer von Menschenrechtsverletzungen auf der ganzen Welt. Die Organisation hat weltweit mehr als sieben Millionen Unterstützer.

Die Initialzündung zur Gründung der größten Menschenrechtsbewegung ging vor 60 Jahren von London aus. Anwalt Peter Benenson veröffentlichte in der Zeitung „The Observer“ einen Artikel über „die vergessenen Gefangenen“ und berichtete über zwei Studenten, die vom portugiesischen Militärregime zu sieben Jahre Haft verurteilt worden waren, weil sie sich „auf die Freiheit“ zugeprostet hatten. Der Artikel wurde ein Appell zur Befreiung für all diejenigen, die wegen politischer Äußerungen in Haft saßen. Er sprach Tausenden aus der Seele. Seither recherchieren Amnesty-Ermittler, sogenannte Researcher, zu Menschenrechtsverletzungen und bereisen Krisengebiete und Staaten, in denen Menschenrechte verletzt werden. Sie sprechen mit Opfern, Anwälten, Angehörigen oder mit Vertretern von Nichtregierungsorganisationen.

Jede Information wird mehrfach überprüft. Die Ergebnisse dieser Ermittlungsreisen werden in Berichten und anderen Publikationen veröffentlicht. Daraus entwickeln sich Kampagnen für die Mitglieder und Aktivisten. Aus dem Berliner Büro von Amnesty, der deutschen Niederlassung, kommen wichtige Informationen und Anregungen an die Gruppen vor Ort.

Wichtig ist, Präsenz zu zeigen

So auch für den harten Kern von zehn Aktivistinnen aus Kirchheim, deren Gruppensprecherin Karin Zweibrücker ist. Einmal im Monat wird der Garten von Dr. Ros­witha Alpers zum Konferenzort, wo aktuelle Themen besprochen und Aktionen geplant werden. Aktuell laufen die Treffen online. Sie setzten sich nicht nur mit Briefen, Petitionslisten, Infoständen für die Inhaftierten ein, sondern laden Referenten ein und machen mit kulturellen Veranstaltungen wie Konzerten, Ausstellungen und Lesungen auf die Lage der Gefangenen aufmerksam. Momentan stehen auch Aktivitäten zum 50-jährigen bestehen auf dem Programm, denn die Ortsgruppe wurde 1971 gegründet. „Ganz wichtig ist es Präsenz zu zeigen“, sagt Alpers, die seit den 70er Jahren dabei ist.

Mit besonderer Aufmerksamkeit begleiten sie Schicksale Einzelner. Aktuell ist es Mohammad Reza Haddadi, der im Iran als Minderjähriger 2004 wegen eines mutmaßlich begangenen Mordes zum Tode verurteilt worden war. Seit mehr als 15 Jahren sitzt er in Haft und musste ertragen, dass sechs anberaumte Hinrichtungstermine kurzfristig verschoben wurden. Der Iran ist das einzige Land weltweit, das jugendliche Straftäter hinrichtet. Über die Jahre habe man an die zuständigen Behörden geschrieben und immer wieder für ein faires Gerichtsverfahren gekämpft. Die Kirchheimer Gruppe setzt sich für Hafterleichterungen und die Aufhebung des Todesurteils ein. Ihre Hartnäckigkeit mache ihm Mut und erhöhe den Druck auf die Behörden. „Natürlich brauchen wir einen langen Atem“, bestätigt Renate Hirsch, die sich seit 1981 engagiert und auch im Arbeitskreis Asyl, dem Integrationsrat der Stadt und in der Flüchtlingsberatungsstelle „Chai“ unmittelbar mit den Auswirkungen von Menschenrechtsverletzungen und deren Folgen zu tun hat.

In Kirchheim ging die Gründung der Amnesty-Gruppe von sechs Gründungsmitgliedern aus, die sich in einer Spontanaktion nach einem Vortrag über Amnesty in der Bastion zusammenschlossen. Einer von ihnen war Hans Herrmann, damals Pfarrer an der Kreuzkirche. Ihm sei es ein wichtiges Anliegen gewesen, da er selbst die Greuel des Krieges und russische Gefangenschaft hatte erleben müssen. Das Gemeindehaus der Kreuzkirche wurde fortan zum Versammlungsort.

Ein weiteres Mitglied der ersten Stunde ist Ursula Schenk. Sie hat der Kirchheimer Ortsgruppe bis heute, mit kleinen Unterbrechungen, die Treue gehalten. Im Laufe der Jahre wechselten die Mitglieder des „unbürokratischen Haufens“, wie sie sich selbst scherzhaft bezeichnen. Die Botschaft aber und das große Engagement blieben gleich. Sie werden sich weiter einsetzen für Freilassungen, Hafterleichterungen und die Aufhebung von Todesurteilen. Sie unterstützen landesweite Kampagnen wie „Mut braucht Schutz“, bei dem es um den Kampf für Menschenrechtsaktivistinnen geht, die gegen Diskriminierung und Rassismus kämpfen oder „Wir nehmen Rassismus persönlich“. Sie treten für die Rechte von geflüchteten Menschen und die Förderung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte ein. „In einer Zeit, in der sich immer mehr Staaten von Menschenrechten abwenden, braucht es Unterstützung Einzelner, die sich für deren Schutz einsetzen. Zusammen können wir etwas bewirken“, darüber sind sich die Kirchheimerinnen einig.

Dieser Artikel von 1961 im „The Observer“ gilt als Initialzündung für die gründung von Amnesty International.Foto: pr
Dieser Artikel von 1961 im „The Observer“ gilt als Initialzündung für die gründung von Amnesty International.Foto: pr

Erfolge von Amnesty International

Der Journalist Gerd Ruge und die Publizistin Carola Stern gründen 1961 mit anderen Aktiven die westdeutsche Sektion von Amnesty International. Die erste deutsche, in Köln gegründete Amnesty-Gruppe setzt sich für die Freilassung eines Zeugen Jehovas aus Spanien, des russischen Lyrikers Joseph Brodsky und des südafrikanischen kommunistischen Schriftstellers Alex La Guma ein. Für die beiden Erstgenannten war es erfolglos, doch La Guma kommt 1968 frei.

In jüngster Vergan­genheit bewirkten Proteste von Amnesty, dass die Punk-Bandmitglieder von Pussy Riot Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina im Dezember 2013 vorzeitig freikommen. Beide waren gemeinsam mit Jekaterina Samuzewitsch 2012 zu zwei Jahren Haft verurteilt worden, nachdem sie in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale einen Protestsong gegen Präsident Putin aufgeführt hatten. Auch Samuzewitsch wurde später auf Bewährung freigelassen.

Insgesamt kann Amnesty eine durchaus beeindruckende Bilanz ziehen: Allein in den Jahren zwischen 1961 und 1970 hatte sich die Organisation für bereits 4000 Gefangene eingesetzt. Das Engagement bewirkte, dass 2000 davon frei kamen. Heute ist Amnesty International eine weltweite Bewegung, die in über 150 Ländern vertreten ist. Über 10 Millionen Mitglieder setzen sich dafür ein, dass auch 60 Jahre nach Benensons Appell die politischen Gefangenen nicht vergessen werden.his

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