Kirchheim

Beim Angeln eins werden mit der Natur

Aussteiger Alexander Kobler hat gewagt, wovon viele nur träumen können. Vor drei Jahren ließ der Kirchheimer alles hinter sich, um an den schönsten Flecken Europas auf Karpfenfang zu gehen. Von Daniela Haußmann

Vollbepackt reisen Alexander Kobler und seine Partnerin Caroline DiCachi zu den schönsten und wildesten Gewässern Europas.Fotos:
Vollbepackt reisen Alexander Kobler und seine Partnerin Caroline DiCachi zu den schönsten und wildesten Gewässern Europas.Fotos: privat

Job, Verträge, Wohnung kündigen und einfach ohne verbindliche Pläne von Tag zu Tag leben - für viele eine völlig abwegige Vorstellung, für Dr. Alexander Kobler der wahr gewordene Traum von einem Luxusleben. Vor 36 Monaten packte der Kirchheimer alles, was er für ein Leben auf vier Rädern brauchte, in einen Autobus und startete neu durch. Seither angelt der 41-Jährige mit seiner Freundin Caroline DiCachi an den schönsten, berühmtesten und wildesten Gewässern Europas. „Ich wollte einfach wieder mehr Zeit beim Angeln in der Natur verbringen“, schildert Alexander Kobler seine Beweggründe. „Die letzten Jahre war das zu kurz gekommen. Genauso wie meine Naturverbundenheit im Stadtleben auf der Strecke geblieben war.“

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Draußen in der Natur zu sein ist auch für Caroline DiCachi sehr wichtig und gibt ihr das Gefühl von Freiheit, weg vom Erfolgs- und Zeitdruck der Gesellschaft. Von allzu vielem mussten sich die beiden nicht trennen. Der Mietvertrag für die kleine Wohnung in Antwerpen war auf zwölf Monate begrenzt. „Meinen Job im Triathlonladen eines Freundes hatte ich von Beginn an nur für ein Jahr ausgesucht“, erzählt der begeisterte Karpfenangler.

Mit rund einer Tonne Gepäck an Bord rollte der Autobus am 1. Februar 2014 Richtung Südfrankreich. Die Angst vor einer großen Panne schwirrte dem abenteuerlustigen Pärchen zwar immer wieder durch den Kopf, dass das Getriebe aber schon nach 800 Kilometern den Geist aufgibt, damit hatten sie nun wirklich nicht gerechnet. Statt am See die Angeln auszuwerfen, klapperten die Beiden sämtliche Werkstätten ab. Am Ende half ein Freund in Deutschland weiter, der ein Austauschgetriebe nach Frankreich zu einem Anglerkollegen transportierte, der es einbaute. „Später ging die Antriebswelle kaputt und die Stoßdämpfer mussten gewechselt werden - es war ein Drama“, sagt der 41-Jährige, der immer wieder auf hilfsbereite Menschen stieß, die mit Rat und Tat weiterhalfen. Für Alexander Kobler authentische und bereichernde Begegnungen, die ihm nicht nur Land und Leute näherbrachten, sondern aus denen auch neue Freundschaften entstanden sind.

Für zwei bis drei Wochen Proviant einpacken, das Boot zu Wasser lassen, kilometerweit auf bis zu 3 000 Hektar große Seen hi­nauspaddeln, nahe am Ufer das Zelt aufschlagen und auf Karpfenfang gehen, ohne auch nur einer einzigen Menschenseele zu begegnen - für Kobler und DiCachi ein Stück Freiheit. Wilden Spargel und Frühlingszwiebeln sammeln, Adler, Geier und Wiedehopfe beobachten, bei Nacht mit dem Boot auf den See hinausfahren und unterm klaren Sternenhimmeln warten, bis der Karpfen anbeißt. „Die allermeisten Menschen haben sich unheimlich weit von der Natur entfernt. Das Angeln bietet die Chance, mit ihr auf ganz intensive Weise wieder eins zu werden“, ist sich Kobler sicher.

Auf ihrer etwa 80 000 Kilometer langen Reise haben Caroline DiCachi und Alexander Kobler Stürme, Gewitter und Kälteeinbrüche erlebt. Im Zelt waren sie voll und ganz den Naturgewalten ausgesetzt. „Es gab Unwetter, bei denen wir Todesängste ausstanden, und als am Morgen die Sonne aufging, waren wir unendlich glücklich“, erzählt Kobler. „Aber das sind echte Erfahrungen und Gefühle, die kein Videospiel und kein Film vermitteln kann.“

Sein dreijähriger Trip ist für Alexander Kobler eine Rückkehr zu den menschlichen Wurzeln. Er ist überzeugt, dass das Nomadenleben ebenso im Menschen verankert ist, wie der Jagdtrieb. Nach Meinung des 41-Jährigen können „viele das nicht nachvollziehen, weil sie sich von der Natur abgekapselt haben, und mit Einweggrill und Dosenbier lässt sich diese Lücke nicht schließen.“ Mit seiner Philosophie steht der Kirchheimer nicht alleine da. Immer mehr Interessierte nehmen mit ihm Kontakt auf, um sich Anregungen und Tipps für den Ausstieg zu holen.

In seinem Buch, das er über seine Erfahrungen geschrieben hat, sind Fotografien, die anmuten, als wären sie in der Karibik oder Lateinamerika entstanden. „Man muss nicht in den Flieger steigen und Tausende von Kilometern zurücklegen, um atemberaubende Landschaften zu sehen und ein Abenteuer zu erleben“, versichert Kobler, der Ende Februar in die spanischen Extremadura aufgebrochen ist. Dort bleibt er bis Ende Mai. Danach geht es weiter nach Frankreich und Slowenien. Auf dieser Reise soll ein Film entstehen, mit dem Kobler viele Menschen an seinen Erlebnissen und Eindrücken teilhaben lassen will.