Kirchheim

Der Dichter-Schönling zeigt sich nur von hinten

Kunst In Süßen entsteht derzeit ein Denkmal des jungen Friedrich Hölderlin. Im Oktober soll der Dichter aus Bronze in seine Heimatstadt Nürtingen zurückkehren. Von Katja Eisenhardt

Die Ansicht von hinten: Bis zur Vollendung von Waldemar Schröders Hölderlin darf das Kunstwerk nicht fotografiert werden. So sol
Die Ansicht von hinten: Bis zur Vollendung von Waldemar Schröders Hölderlin darf das Kunstwerk nicht fotografiert werden. So soll die Spannung bis zum Ende aufrechterhalten werden. Neugierige können den Künstler trotzdem schon besuchen kommen. Foto: Katja Eisenhardt

Es ist ein wahrlich hübscher, charmanter junger Mann Anfang 20, der in Professor Waldemar Schröders Atelier auf dem Gelände der Kunstgießerei Strassacker auf seine Besucher wartet. Ein Lächeln umspielt seine Lippen, er wirkt stattlich und voller Tatendrang. Aufrecht steht er da, die Schriftrolle fest in der einen Hand. Ein Symbol für all jene, die der schreibenden und dichtenden Zunft angehören.

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„Wie Goethe und Schiller in Weimar“, erklärt Waldemar Schröder, der künstlerische Schöpfer des jungen Herrn aus Ton. Fast vollendet ist das über zwei Meter große tönerne Ur-Modell des Friedrich Hölderlin, an dem der renommierte Bildhauer seit zwei Monaten arbeitet. Am 8. Oktober soll das Denkmal zunächst am Steinach-Dreieck in Nürtingen aufgestellt werden. Nach der Renovierung des Hölderlinhauses wird der Poet, der in Nürtingen nicht nur seine Kindheit und Jugend verbrachte, sondern zahlreiche seiner Werke dort verfasste, in dessen Umgebung seinen endgültigen Platz finden.

Die Initiative für das Dichter-Denkmal ergriff der Rotary Club Kirchheim-Nürtingen, der zudem für die Finanzierung sorgt. Die Konzeption und inhaltliche Formulierung der künstlerischen Botschaft ist in enger Zusammenarbeit mit Bildhauer Waldemar Schröder und Ingrid Dolde, Vorstand des Nürtinger Hölderlin-Vereins, entstanden.

Kameras bleibt Gesicht verborgen

Während die neugierigen Atelier-Besucher das Werk bereits in voller Größe betrachten können, bleibt den Kameras vorerst nur die Rückseite des Poeten vorbehalten: Bis zur Enthüllung soll die Spannung aufrechterhalten werden, außerdem zeige erst die fertige Bronzefigur die detailreiche Gestaltung, den wahren Ausdruck, erklärt Rotarier-Präsident Hanns Aberle. „Den jungen, lebensfrohen Hölderlin gibt es so noch nicht, das wird ein echter Gewinn für Nürtingen. Er ist schon jetzt genau so, wie wir es uns vorgestellt haben.“ Auch der Künstler selbst genießt seine Arbeit sehr: „Der junge Hölderlin war ein Schönling, es hat große Freude gemacht, ihn zu modellieren“, sagt Waldemar Schröder. „Hätte ich ihn im Alter von 30 modellieren müssen, wäre er im Ausdruck deutlich ernster und aggressiver gewesen.“ Mit zunehmenden Alter sei Hölderlin von innen cholerisch geworden, seine Schönheit ging verloren.

Der 67-jährige Bildhauer, der im russischen Krasnoturinsk geboren wurde, geht seinem schöpferischen Tun seit fast 60 Jahren nach. Vor jedem Werk macht er sich ein genaues Bild von der Person. Im Fall des jungen Hölderlin eine knifflige Aufgabe - ist die Quellenlage dazu doch recht dünn. Ein nach und nach immer detaillierteres Bild machte sich Schröder anhand von Briefen, Scherenschnitten oder einem Pastellbildnis von Franz Karl Hiemer aus dem Jahr 1792, das im Literaturarchiv Marbach aufbewahrt wird. Trotzdem seien diese Quellen nur zweidimensional und idealisiert, sagt Schröder. „Wie ein Kriminologe“ habe er das wahre Wesen des Dichters Schritt für Schritt herausarbeiten müssen. Er habe die Fehler in der zeichnerischen Perspektive, der Mimik und Gestik akademisch genau korrigiert. „Die Scherenschnitte zeigen Hölderlin als älteren Mann. Im Alter kommt die Nase auf halb sechs nach unten, für den jungen Hölderlin musste ich sie also höher setzen“, nennt er ein Beispiel. Seine lange Erfahrung helfe dabei.

Eine beschleunigte Alterung

Ist das tönerne Ur-Modell zur Zufriedenheit der Auftraggeber fertiggestellt, folgen weitere Arbeitsschritte bis zum Endergebnis in Bronze: Die nächste Station auf diesem Weg ist die Bearbeitung mit Silikon. Mehrere Schichten werden aufgetragen und bekommen eine Gipsstützschale. Der Dichter wird geteilt, damit er später in den Brennofen passt, da die Einzelblöcke nicht größer als 1,40 Meter sein dürfen. Die Hände werden vorläufig abgetrennt. In die Negativform kommt das Wachs.

Am Rohling feilt Schröder nochmals an den Details - etwa am Ausdruck oder den filigranen Knöpfen an der Kleidung. Umhüllt mit Gips-Schamott wird das Modell dann mehrere Tage bei gut 600 Grad im Ofen gebrannt. Dabei schmilzt das Wachs und läuft aus. Im nächsten Schritt werden die Hohlräume der getrockneten Schamottform mit flüssiger Bronze gefüllt, gut vier Tage muss der Dichter anschließend abkühlen, bevor er mit dem Hammer aus seinem Schamottblock herausgeschlagen wird. Der Ziseleur schweißt die Einzelteile des Poeten wieder zusammen und bearbeitet ihn bis ins kleinste Detail nach, schleift ihn ab, bevor die Patina auf die glänzende Bronze aufgetragen wird. Ein beschleunigter Alterungsprozess: „Was Mutter Natur mit der Bronze über viele Jahre macht, können wir hier mit Hilfe von Chemikalien in wenigen Minuten erreichen“, erklärt Waldemar Schröder.

Info Die feierliche Einweihung des Nürtinger Hölderlin-Denkmals findet am Sonntag, 8. Oktober, um 11 Uhr im Rahmen einer Matinee statt. Aufgestellt wird das Denkmal zunächst am Steinach-Dreieck, bevor der Dichter schließlich im Umfeld des Hölderlin-Hauses seinen endgültigen Platz findet.