Kirchheim

Die Ampel steht auf Dunkelgelb

Corona Der Kreis Esslingen ist landesweit Spitzenreiter bei der Zahl der Neuinfektionen. Von heute an sind private Feiern in öffentlichen Räumen nur noch bis zu 50 Personen erlaubt. Von Bernd Köble

Am Corona-Abstrichzentrum in Nürtingen kommt es zu Stoßzeiten immer wieder zu langen Staus und Wartezeiten.Foto: Markus Brändli
Steigende Fallzahlen im Kreis Esslingen bedeuten lange Staus und Wartezeiten am Corona-Abstrichzentrum in Nürtingen. Foto: Markus Brändli

Das Esslinger Landratsamt hat erstmals seit dem Lockdown im März die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie wieder verschärft. Ab heute gilt: Bei privaten Feiern in Gaststätten oder öffentlichen Räumen sind nicht mehr als 50 Personen erlaubt. In den eigenen vier Wänden sind 25 Feiernde das Limit. Das ist nur noch die Hälfte dessen, was das Sozialministerium des Landes seit September vorgibt. „Wir setzen die Maßnahmen gezielt ein, um weitere Einschränkungen möglichst zu vermeiden“, sagt der Gesundheitsdezernent des Landkreises, Christian Baron.

Mit der von heute an geltenden Allgemeinverfügung reagiert man im Landratsamt auf die übers Wochenende deutlich gestiegenen Infektionszahlen. Seit Samstag ist der Kreis Esslingen mit 217 neu registrierten Fällen in einer Woche erneut Spitzenreiter in Baden-Württemberg. Die Sieben-Tage-Inzidenz, die die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in diesem Zeitraum definiert, überstieg gestern mit 40,6 zum zweiten Mal seit Sonntag die kritische Marke von 35, die als Vorwarnstufe gilt. Ab 50 muss mit erneut deutlichen Einschränkungen im öffentlichen Leben gerechnet werden. Am Freitag hatte der Kreis noch einen Wert von 26,9 verzeichnet. Zum Vergleich: Der Landesdurchschnitt lag gestern bei 15,0.

Eine Erklärung für den steilen Anstieg hat man auch im Landratsamt nicht, wo gestern zum ersten Mal seit der Hochphase der Pandemie im Frühjahr wieder der große Krisenstab tagte. Die 119 Neuinfektionen allein am Wochenende sind nach Aussage von Dr. Dominique Scheuermann, der Leiterin des Esslinger Gesundheitsamtes, das Ergebnis eines „diffusen Ausbruchsgeschehens“, das alle gesellschaftlichen Bereiche betreffe: Betriebe, Sportvereine, Familien, Asylbewerber­unterkünfte.

Zwei Wohnheime für Geflüchtete in Wernau und in Wendlingen-­Bodelshofen waren vor dem Wochenende ins Visier der Behörden geraten. In Bodelshofen steht eine Unterkunft mit 24 Bewohnern inzwischen unter Quarantäne, nachdem dort acht Personen positiv auf das Virus getestet wurden. In Wernau sind zwei Wohngemeinschaften und eine Familienwohnung in einem mehrstöckigen Gebäude betroffen, in dem 110 Geflüchtete in 22 Wohnungen leben. Nachdem auch dort Ende vergangener Woche elf Infektionsfälle bekannt geworden waren, ordnete das Gesundheitsamt für Freitag einen Reihentest an. 46 Testergebnisse, das sind zwei Drittel der genommenen Proben, lagen bis gestern vor. Alle sind negativ. „Die Lage hat sich zum Glück nicht weiter verschärft“, zeigt sich Wernaus Bürgermeister Armin Elbl erleichtert. Er hofft nun, dass dies auch für die noch ausstehenden Testergebnisse gilt. Elbl: „Stand jetzt haben wir in Wernau keine weiteren Fälle in Flüchtlingsunterkünften.“

Im Gesundheitsamt sucht man indes händeringend nach zusätzlichen Mitarbeitern, um Infektionsketten rückverfolgen und frühzeitig unterbrechen zu können. Das Land stellt zwar Geld zur Verfügung, doch Personal ist nur schwer zu finden. Vier neue Kräfte konnten zuletzt eingestellt werden. Über die Bundesagentur für Arbeit sucht das Amt 14 weitere Mitarbeiter für die Kontaktverfolgung. Drei Ärztestellen sind im Moment ausgeschrieben. Besetzt ist davon noch keine. Damit die Lage im Herbst und Winter beherrschbar bleibt, wirbt man im Gesundheitsamt intensiv um vermehrten Grippeschutz. „Gerade während der Pandemie ist eine hohe Influenza-Impfquote bei Risikogruppen wichtig, um schwere Verläufe oder Ko-Infektionen mit dem Corona-Virus zu vermeiden,“ sagt Amtsleiterin Dominique Scheuermann.

Am Corona-Abstrichzentrum (CAZ) in Nürtingen häufen sich derweil Klagen über stundenlange Wartezeiten und Testergebnisse, die erst nach mehreren Tagen vorlägen. Der Kirchheimer Stadtrat Heinrich Brinker hatte sich vergangene Woche deshalb in einem offenen Brief direkt an den Landrat gewandt. Brinker, der Kontakt zu einem Infizierten hatte, musste nach eigenen Angaben vier Stunden auf einen Abstrich warten. Das negative Testergebnis habe er erst nach mehr als 72 Stunden und auch nur auf Nachfrage erhalten.

Dass es am CAZ zeitweilig zu Überlastungen kommen könne, wenn größere Gruppen oder ganze Schulklassen getestet werden müssten, will Landratsamt-Sprecherin Andrea Wangner nicht ausschließen. „Der Normalfall ist das aber nicht.“ Im Schnitt würden in Nürtingen zurzeit zwischen 200 und 400 Abstriche pro Tag genommen. „Das ist leistbar“, sagt Wangner. Die Eröffnung einer zweiten Teststraße, wie sie für den Fall weiter steigender Zahlen in Nürtingen angekündigt war, sei vorerst nicht geplant.

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