Kirchheim

Die Teck war Trendsetter für eine besondere „Blechlawine“

Hinweisschilder Im Juli 1983 wurde bei Kirchheim die erste von rund 1 600 braun-weißen „Unterrichtungstafeln“ an einer Autobahn in Deutschland aufgestellt. Von Andreas Volz

Durch die ICE-Baustelle ist die Autobahntafel, die auf die Teck hinweist, derzeit ein wenig aus dem Blickfeld geraten.Fotos: Mar
Durch die ICE-Baustelle ist die Autobahntafel, die auf die Teck hinweist, derzeit ein wenig aus dem Blickfeld geraten. Foto: Markus Brändli

Reisen bildet – selbst im Vorbeifahren. Wer entlang der Autobahn eine Sehenswürdigkeit entdeckt und wissen will, worum es sich handelt, muss sich nicht lange vom Verkehr ablenken lassen: Früher oder später wird sie schon auftauchen, die braun-weiße Tafel, die mit stilisiertem Bild und in wenigen Worten Auskunft gibt.


Solche Hinweisschilder – die im Bürokratendeutsch „touristische Unterrichtungstafeln“ heißen – gibt es schon seit mehr als 60 Jahren. Die einheitliche Gestaltung, samt der charakteristischen Farbgebung, haben sie allerdings erst in den 1980er-Jahren erhalten. Vorreiter war Frankreich. Dort gab es die Schilder bereits, ebenfalls in Brauntönen gehalten.


Dolf Sass, Reiseredakteur der Südwest-Presse, war es, der sich seinerseits durch Reisen bilden ließ. Auf das französische Vorbild verweisend, forderte er ähnliche Schilder auch für Deutschland. Ungewöhnlich schnell kam es vom Artikel zur Umsetzung: Ein Jahr später, 1983, schrieb Dolf Sass erneut über die „Heimatkunde im Vorübergehen“. Es handelte sich um die erste Umsetzung seiner Forderung – an einer Landstraße im Odenwald. Das Thema war offenbar so wichtig, dass es nicht weiter hinten in der „Südwestumschau“ auftauchte, sondern auf Seite 3: „Im Brennpunkt“.


Das Schild verwies auf gar Grausliches, was aber dennoch historisch bedeutend ist, auf den „Beerfelder Galgen“. Es war aber deutlich kleiner als die Hinweisschilder an den Autobahnen, und es war nicht mit Bild versehen.
Ob der Beerfelder Galgen wirklich die „Erstausgabe“ war, bleibt offen. Im Brennpunkt-Artikel, der am 26. Juli 1983 im Teckboten stand, heißt es: „Die ersten Schilder stehen schon. […] Oft ersetzen die neuen Schilder mit dem weißen Punkt vorhandene alte, ,selbstgestrickte‘.“ Der „weiße Punkt“ ist auf dem Foto vom „Galgen-Schild“ deutlich zu sehen, aber auf der Autobahn gehörte er nicht zum Markenzeichen.


Als allgemein erste „Unterrichtungstafel“ an bundesdeutschen Autobahnen gilt diejenige, die auf die Teck verweist. In Wikipedia, wie auch sonst im Internet, wird 1984 als „Geburtsjahr“ dieser Tafel angegeben. Demnach wären die braunen Schilder jetzt 35 Jahre alt.


Allerdings irrt Wikipedia an dieser Stelle: Das wiederum lässt sich durch das Teckboten-Archiv belegen. Schon zwei Tage nach dem Artikel der Ulmer Mantelredaktion hatte das Kirchheimer Lokal-Ressort nachgelegt: Am
28. Juli 1983 ist unter dem Stichwort „Reiseführer am Autobahnrand“ zu lesen, dass Stuttgarts Regierungspräsident Dr. Manfred Bulling die Aktion der Südwest-Presse aufgegriffen habe.


„Seit kurzer Zeit stehen nun die ersten Schilder als Ergebnis dieser Initiative an der Autobahn im Kirchheimer Bereich“, heißt es weiter. Das Schild hat sich in 36 Jahren kaum verändert. Ob es wirklich das erste seiner Art war, lässt sich aber nur vermuten. Der Teckbote schrieb damals: „Insgesamt – so die Information aus dem Regierungspräsidium – werden auf den Autobahnen im Regierungsbezirk Stuttgart bis Jahresende 14 Hinweisschilder solcher Art mit elf Motiven aufgestellt sein.“


Warnung vor der Schilderflut
1984 war diese besondere „Blechlawine“ also längst ins Rollen gekommen. Heute gibt es bundesweit über 1 600 solcher Tafeln, wie dem Buch „Sehenswürdigkeiten entlang der Autobahn“ zu entnehmen ist. Auf 350 Seiten werden alle Schilder abgeklappert, und zwar von der A 1 bis zur A 980.
Also ist der damalige Reise­redakteur die Geister nicht mehr losgeworden, die er gerufen hatte. Schon 1983 warnte er weitblickend vor einer Schilderflut: „Trotzdem liegt die Gefahr nahe, daß im ersten Eifer zu viele touristische Ziele als sehenswert ausgewiesen werden. Für alle Schildermacher […] sollte gelten: Jedes Schild zuviel entwertet alle anderen.“


Dem ist aus Sicht des Teckboten nicht mehr viel hinzuzufügen, außer dem Hinweis: Vor der Teck würde eigentlich das Kloster Maulbronn genügen – und nach der Teck das Ulmer Münster.

Beweisfoto aus dem Teckboten: Das „Teck-Schild“ prangte schon im Juli 1983 am Rand der Autobahn.
Beweisfoto aus dem Teckboten: Das „Teck-Schild“ prangte schon im Juli 1983 am Rand der Autobahn.
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