Kirchheim

Ein Reaktionär der besonderen Art

Lesung Der Kolumnist und Buchautor Harald Martenstein war zu Gast bei der Buchhandlung Zimmermann.

Kirchheim. Ein Bekenntnis vorneweg: Der Berichterstatter steht dieses Mal dem Gast der Buchhandlung Zimmermann nicht mit der gebotenen Distanz gegenüber. Donnerstags kommt die „Zeit“ ins Haus. In dem dicken Packen ist das „Magazin“ versteckt, und in diesem Magazin ist gleich vorne die Kolumne von Harald Martenstein zu finden. Er schreibt über Gott und die Welt, über Bedeutendes und Alltägliches, er schreibt abgeklärt und humorvoll in präzisem, knappem Sprachstil.

Und jetzt kommt dieser Kultautor höchstpersönlich von Berlin in die „Provinz“ Kirchheim, wie Filialleiterin Sibylle Mockler bei der Begrüßung betonte. Sie skizzierte die Bedeutung des Gastes: Martenstein ist der führende Kolumnist Deutschlands. Bevor er das wurde, hat er so ziemlich alle Sparten des Journalismus ausprobiert. Zwei von der Literaturkritik hoch gelobte Romane hat er auch noch geschrieben. Entsprechend wurde er durch Literaturpreise geehrt. Die Kolumnen, kurze pointierte Texte, hat er vor allem für die „Zeit“ und den Berliner „Tagesspiegel“ geschrieben. Sie erscheinen immer wieder in Sammelbänden. Martenstein las in Kirchheim vor allem aus dem Band „Nettsein ist auch keine Lösung“, angereichert durch Texte aus dem Vorgängerband „Die neuen Leiden des alten M.“ und der Neuerscheinung „Im Kino“.

Er begann mit einem sehr persönlichen Text, wenn man weiß, dass er im Alter von sechzig Jahren noch einmal Vater geworden ist. Er stellt die Frage: „Warum haben die Leute Kinder?“ und zählt scheinbar voller Überzeugung alle geläufigen Argumente gegen Kindernachwuchs auf. Marten­stein scheint im Mainstream der Zeit zu schwimmen. Der ganze Text ist aber geprägt von hintergründiger Ironie. Er reagiert damit auf eine kinderfeindliche Zeitströmung, nicht grimmig, sondern humorvoll und pointiert. Gegen Schluss der Lesung ist von seinem schon erwachsenen Sohn die Rede, der scheinbar schlaff zu Hause rumhängt und sich höchstens mit den neuen Medien beschäftigt. Karrieren machen andere, etwa die Mädchen.

Außer dem Thema Kind haben die Themen Sex, Tiere und Nazis große Resonanz beim Publikum, so wurde der Autor von seiner Agentin belehrt. Als Tier taucht eine Katze schon auf dem Umschlagsbild auf. Eine Katze mit Hitler-Image. Eine Kolumne klärt auf: Es gibt eine Internetseite in den USA :„Cats that look like Hitler“.

In Kirchheim „reagiert“ der Kolumnist etwa auf das Wort des Jahres, „Flüchtlinge“, und die offizielle Ächtung des Wortes wegen der verniedlichenden Endung „-ling“. „Geflüchteter“ muss es jetzt heißen. Das gibt ihm Anlass, mit Worten wie Säugling, Zwilling oder Häuptling zu spielen. Er „reagiert“ auf die jährlichen Fastenmottos der evangelischen Kirche und auf die überzogene Jagd von Feministinnen auf „schwanzorientierte Wörter“ wie „Professor“. Als „geschlechtsneutralen“ Ersatz schlägt er „Prosecco“ vor. Feministische Themen haben ihm die meisten empörten Reaktionen eingebracht. Doch gegen humorlose Menschen habe er sich „desensibilisiert“. Im Band „Nettsein ist auch keine Lösung“ sind Reaktionen auf seine Texte abgedruckt. Er zeigt Gründe auf, warum deutsche Filme keinen „Oscar“ gewinnen und malt sich die Möglichkeiten des „Social Freezing“, des Einfrierens von weiblichen Eizellen, aus. Er schüttelt den Kopf über die Masse von Bildungsreformen, speziell auf dem Gebiet der Rechtschreibung.

Martenstein beschloss die Lesung mit einem besinnlichen Text aus dem Band „Im Kino“. Es war die zweite Zugabe, herausgeklatscht von einem begeisterten Publikum. Ja, der Berichterstatter musste kein schlechtes Gewissen haben wegen seiner Voreingenommenheit. Martenstein trat unprätentiös auf und schuf gleich einen entspannten Kontakt zum Publikum mit seinen überleitenden Hintergrundinformationen. Seine Texte gewinnen durch seinen Vortrag. Er lässt sich Zeit, um genüsslich Pointen herauszuarbeiten. Manche hatte man bei der Eigenlektüre noch gar nicht entdeckt. So viel Gelächter war kaum einmal im rappelvollen Verkaufsraum bei Zimmermann zu hören. Es war kein Gelächter der billigen Sorte.Ulrich Staehle

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