Kirchheim

Ein T-Shirt wiegt 4,2 Tonnen

Vielseitiger Nachhaltigkeitstag der Evangelischen Kirchengemeinde Lindorf und Ötlingen

Was hat die Herstellung einer Jeans im Gottesdienst zu suchen? Viel, denn sie ist eine Frage der Gerechtigkeit, und diese ist in der Bibel sehr wichtig.

Am Stand des Weltladens wird das Solarglas mit eingebauter Solarzelle und vier LEDs erklärt. Foto: Peter Dietrich
Am Stand des Weltladens wird das Solarglas mit eingebauter Solarzelle und vier LEDs erklärt. Foto: Peter Dietrich

Kirchheim. Die Idee kam von Songard und Werner Dorn. Durch die beiden und ein engagiertes Team kam die evangelischen Kirchengemeinde Lindorf und Ötlingen an Himmelfahrt zu ihrem ersten Nachhaltigkeitstag. Er begann mit einem Gottesdienst im Ötlinger Gemeindehaus zum Thema „Kleider machen Leute“.

„Wer das wohl gemacht hat?“ – Das frage er sich bei seiner Kleidung manchmal, sagte Pfarrer Christian Lorösch in seiner Predigt. „Wir können das Rad nicht zurückdrehen“, sagte er zur weltweiten Vernetzung. Doch Christen hätten eine Hoffnung, die über die Sachzwänge hinausreiche. Pfarrerin Rosemarie Fröhlich-Haug und andere Sprecher sorgten für Informationen zu diesen Sachzwängen. Jeder Deutsche kauft im Durchschnitt pro Jahr 18 Kilogramm Kleidung. 70 bis 80 Prozent der Beschäftigten in der Textilindustrie sind Frauen, in manchen Ländern werden sie schon mit 25 Jahren entlassen, weil sie nicht mehr die gewünschte Leistung bringen. Vom Preis einer Jeans bekommt die Näherin nur etwa ein Prozent. Die Arbeit, das Sandstrahlen und Färben, sind oft sehr gesundheitsschädigend. Ein strikter Boykott würde den Produzentinnen nicht helfen, aber ein bewusster Konsum und das Achten auf verlässliche Siegel. Auch eine längere Nutzung und ein Gang zum Secondhand-Laden helfen der Umwelt, betonten die Sprecher.

Eine große Umweltbelastung sind Kaffeekapseln. Für sie gab es an einem der Stände ein Upcycling: Sie wurden zu Schmuck und Kerzenständern verarbeitet. Beim Torwandschießen wurden natürlich fair gehandelte Bälle benutzt, auch die Speisekarte war mit leckerem Sojageschnetzeltem, vegetarischen Maultaschen und schwäbisch-indischem Linsengericht nachhaltig orientiert. Der CAP-Markt präsentierte lokale Produkte, unter anderem Lebensmittelboxen aus Biopolymer. Dieses „Bioplastik“ entsteht aus einem Abfallprodukt bei der Zuckerherstellung, ganz ohne Erdöl. Der Weltladen hatte Taschen aus früheren Reissäcken und Moskitonetzen im Angebot, dazu ein Einmachglas mit Solarzelle und Leuchtdioden.

Nebenan gab es die aktuellen Pläne zum Umbau der Stuttgarter Straße zu bestaunen – er bringt für Radfahrer klare Verbesserungen. Der Kirchheimer Klimaschutzbeauftragte Sascha Mohnke lud zu einer Schätzung des „ökologischen Rucksacks“ verschiedener Produkte ein. Wie viele Ressourcen brauchen deren Herstellung, Verwendung und Entsorgung? Bei einer Uhr sind es im Durchschnitt zwölf Kilogramm, bei einem T-Shirt erstaunliche 4 200 Kilogramm – der Baumwollanbau braucht viel Wasser. Mit einem Computerprogramm berechnete Mohnke den persönlichen „ökologischen Fußabdruck“. Der Durchschnittsdeutsche produziert 10,8 Tonnen Kohlendioxid im Jahr. Eine ökologisch vorbildliche Besucherin kam auf nur 5,3 Tonnen. Einen so guten Wert habe er bisher noch nie gehabt, staunte Mohnke.

Zu staunen gab es für manche auch beim Weltverteilungsspiel. Wie viele Menschen leben auf den Kontinenten? Zu Asien lagen mehrere Schätzungen bei drei Milliarden. „Es sind 4,3 Milliarden“, verriet Hans-Werner Schwarz vom Entwicklungspädagogischen Informationszentrum in Reutlingen (EPiZ). Schwer war auch die Schätzung der durchschnittlichen Jahreseinkommen. Liegt nun Lateinamerika vor Asien, oder ist es umgekehrt? Schwarz stellte auch die „17 Ziele für nachhaltige Entwicklung“ vor, auf die sich im Vorjahr fast 200 Staaten verständigt haben: „Da wird einem ganz warm ums Herz.“

Im Gemeindehauskeller waren informative Kurzfilme zum Fairen Handel, zur schmutzigen Schokoladenproduktion, zu Fleisch und teuren Schnäppchen geplant. Doch wer will an solch einem „Geh-aus-mein-Herz-und-suche-Freud-Tag“ wie diesem freiwillig nach drinnen? So wurde der große Fernseher zu den Besuchern des Nachhaltigkeitstags in den Garten getragen.

Ökologischer Fußabdruck: Ein Selbstversuch

Den deutschen Durchschnitt werde ich wohl unterbieten können, bin ich überzeugt. Doch um wie viel? Das soll mir der Kirchheimer Klimaschutzbeauftragte einmal ausrechnen, ich bin gespannt. Los geht es mit der Heizung, da gibt es schon die erste Schwierigkeit: Ich kenne zwar meine jährlichen Kosten der Erdgasheizung, aber wie viele Kilowattstunden sind das? Also muss das Programm mithilfe des Gebäudealters und weiterer Angaben schätzen. Meinen Stromverbrauch kenne ich, er ist sehr niedrig und zu 100 Prozent Ökostrom. Beim Verkehr bringe ich es nur auf 0,5 Tonnen Kohlendioxid im Jahr, ein Fünftel des Durchschnitts – ohne eigenes Auto, und der letzte Flug ist ein Jahrzehnt her. Die Ernährung ist Durchschnitt, da haben mir vielleicht die hin und wieder genutzte Tiefkühlkost und die fehlenden regionalen Einkäufe beim Wochenmarkt die Bilanz verhagelt. Ist mein Konsum nun sparsam, durchschnittlich oder großzügig? Das ist die nächste Frage und sehr schwer einzuschätzen. „Das Freiburger Institut entwickelt das Programm ständig weiter, in der neuen Version wird das detaillierter“, verspricht Mohnke. Für die öffentlichen Emissionen werden zum Schluss jedem 1,1 Tonnen angerechnet, so komme ich insgesamt auf 8,4 Tonnen. Egal, wie der echte Heizungswert und eine andere Selbsteinschätzung beim Konsum diesen Wert verändern würden: Da ist wohl noch Luft nach unten. pd

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