Kirchheim

„Es gibt keine absolute Sicherheit“

Hochwassergefahr in Kirchheim ist gering – Keller können bei Unwettern trotzdem volllaufen

Erst der Regen, jetzt steigende Pegel am Bodensee: Seit Wochen macht sich irgendwo im Ländle Hochwasser breit. Für Kirchheim droht aber kaum Gefahr.

Unwetter, Regen, Hochwasser, Lindach
Unwetter, Regen, Hochwasser, Lindach

Kirchheim. Bürgermeister Günter Riemer gibt Entwarnung: „Wir haben das Glück, eine relativ ebene Topografie zu haben.“ Deshalb sei für Kirchheim nicht mit ganz großen Katastrophen zu rechnen. Andererseits beobachtet auch er, dass sich die Mengen, die es regnet, und die Orte, wo es regnet, verändern: „In kurzer Zeit kommt häufig mehr Regen runter.“ Ob es sich dabei wirklich um grundlegende Veränderungen des Klimas handelt, sei dahingestellt: „Die Meteorologie rechnet in langen Zeiträumen, in 30-jährigen Zyklen.“ Was sich verbessert habe, sind die Vorhersagen: „Die sind zwar auf Landkreise beschränkt, aber vor zehn Jahren hatten sie nicht annähernd die Qualität wie heute.“ Trotzdem bestehe – gerade bei lokal begrenzten Unwettern – das Problem, „dass sie nicht in ausreichender Sicherheit vorhersagbar sind“.

Die Stadtverwaltung arbeitet seit einigen Jahren daran, ihre Pläne zu aktualisieren. Noch sind die Daten nicht amtlich. Aber eine gewisse Aussage steckt in den derzeit vorliegenden Zahlen durchaus. Martin Zimmert, der Leiter des Fachbereichs Hoch- und Tiefbau, informiert: „Von über 40 000 Einwohnern in Kirchheim sind 820 betroffen.“ Davon wiederum hätten 750 das Risiko, von einem Hochwasser bis zu einem halben Meter heimgesucht zu werden. Bei 60 Personen besteht die Gefahr, dass das Hochwasser auf bis zu zwei Meter steigt. Die Möglichkeit, dass es auch mehr als zwei Meter werden, gibt es noch bei zehn Kirchheimern.

Geplant ist, die Bevölkerung zu informieren – aber nur diejenigen, die auch wirklich betroffen sein könnten, von einem „richtigen“ Hochwasser. „Schäden gibt es natürlich trotzdem“, sagt Martin Zimmert. Auch ohne Hochwasser könne nach schweren Regenfällen mal ein Keller volllaufen: „Bei lokalen Gewittern lässt sich kommunal kein wirksamer Hochwasserschutz machen. Da gibt es keine absolute Sicherheit.“

Auf die Frage, wann die Kanalisation überlastet sei, gibt er eine klare Antwort: „Das Kanalnetz hat gar nicht die Funktion, ein extremes Hochwasser aufnehmen zu können. Sonst hätte es unbezahlbare Dimensionen.“ Ausgelegt seien die Kanäle für ein- bis fünfjährliche Regenfälle. Es sei unmöglich, sie nach einem hundertjährlichen Hochwasser auszurichten.

Beim Begriff „Jahrhunderthochwasser“ hakt auch Bürgermeister Riemer ein: „Das ist ein medialer Begriff. Dabei geht es meistens um die Schadenshöhe – und oft genug auch um ein Gefühl.“ Tatsächlich handelt es sich beim „HQ 100“ um ein Hochwasser, wie es – statistisch betrachtet – alle hundert Jahre einmal vorkommt: „Besser ist es aber, wenn man sagt, dass es zehn Mal in tausend Jahren vorkommt. Dann kann es nämlich auch zwei Mal in fünf Jahren passieren.“ 2013 sei es an der Lauter in Kirchheim zu einem HQ 50 gekommen, „aber ein HQ 100 hat hier bei uns noch keiner gesehen“.

Was kann nun aber der einzelne tun, um sich doch vor Hochwasser zu schützen – oder zumindest vor dem vollgelaufenen Keller? Vorbeugung durch Sandsäcke ist grundsätzlich möglich. Man sollte sie aber vorrätig haben und nicht erst einkaufen wollen, wenn es schon gewittert. Dass der Keller überschwemmt ist, lässt sich aber nicht immer verhindern. In diesem Fall geht es darum, die Folgen möglichst gering zu halten: Wertsachen, Computer oder sonstige elektronische Geräte sollte man nicht im Keller lagern. Wer trotzdem sein Büro oder das Fernsehzimmer im Untergeschoss hat, muss die Geräte eben rechtzeitig vor dem großen Regen ins Obergeschoss tragen.

Wichtig ist es also, auf die Vorhersagen zu achten. Pegelstände sind auch im Internet unter www.hochwasserzentralen.de zu finden. Es gibt auch noch die Methode der „Vorbeugung durch Unterlassung“. Viele Anwohner entsorgen ihren Grünschnitt direkt im Bach, der am Grundstück vorbeifließt. Das kann aber Rohre und Dolen verstopfen. Gleiches gilt für Holzstöße und dergleichen in Bachnähe: Ist das Hochwasser einmal da, nimmt es das als Treibgut mit. Trotz aller Gelassenheit im Umgang mit Hochwasser in Kirchheim würde dann Martin Zimmerts Feststellung gelten: „Wasser lässt sich nicht hundertprozentig beherrschen.“

Zwei Bilder aus dem Jahr 2013 zeigen, dass auch in Kirchheim einmal „Land unter“ sein kann: oben der Gaiserplatz beim großen Hag
Zwei Bilder aus dem Jahr 2013 zeigen, dass auch in Kirchheim einmal „Land unter“ sein kann: oben der Gaiserplatz beim großen Hagel Ende Juli, unten die Lindach an der Herdfeldbrücke Anfang Juni. Drei Jahre später blieb Kirchheim bislang verschont.Archiv-Fotos: Dieter Ruoff¿/¿Jörg Bächle
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