Kirchheim

Höllenlärm statt himmlischer Ruhe

Umwelt An Pfingsten fürchten die Gemeinden am Albtrauf wieder die Invasion der Motorradfahrer. Beurens Bürgermeister Daniel Gluiber schreibt dem Verkehrsminister einen erbosten Brief. Von Thomas Schorradt

Der Beurener Tunnel wird gerne als Verstärker für aufgedrehte Motoren genutzt. Foto: Roberto Bulgrin
Der Beurener Tunnel wird gerne als Verstärker für aufgedrehte Motoren genutzt. Foto: Roberto Bulgrin

Daniel Gluiber gilt als besonnener Mann, den nichts so schnell aus der Ruhe bringt - es sei denn, es geht um Lärm. Genau deshalb war dem Bürgermeister von Beuren bei der Morgenlektüre der Zeitung kürzlich der Hut hochgegangen. Angesprochen auf Motorradgruppen, die sich nicht um Corona-Kontaktregeln geschert hatten und an den ersten Frühlingswochenenden zu Spritztouren aufgebrochen waren, hatte der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann in einem Interview geantwortet, dass man zu bestimmten Zwecken raus könne, um sich zu erholen. In seiner Stellungnahme erteilte er lediglich Biker-Ansammlungen eine Absage. „Wenn einer oder eine allein Motorrad fährt, ist das in Ordnung“, betonte der Grünen-Minister.

Für Daniel Gluiber ist seither gar nichts mehr in Ordnung. Er weiß aus leidvoller Erfahrung: Wenn Motorradfahrer raus können, um sich zu erholen, dann ist es im Gegenzug mit der Erholung in dem einzigen Kurort im Kreis Esslingen schnell vorbei. Das hat der sehr erboste Schultes, mit deutlichen Worten garniert, noch am gleichen Tag an den „sehr geehrten Minister“ geschrieben. Mit Verwunderung, so schreibt Glui­ber, habe er die Aussagen des Ministers zu Motorradausfahrten zur Kenntnis genommen. Wenn er an die vergangenen Wochenende zurückdenke, dann grause es ihn. „Nicht nur Motorradfahrer, sondern auch getunte Autos fahren mit einem Höllenlärm besonders samstags, sonntags und an Feiertagen die Steige von Beuren nach Erkenbrechtsweiler hoch und runter“, klagt Gluiber.

Es werde richtig Stoff gegeben, zum Teil auch von ganzen Motorradgruppen. Zudem werde der Beu­rener Tunnel als Verstärker für aufgedrehte Motorgeräusche verwendet. „Die Fahrten starten bereits am frühen Morgen und enden mit der Rückkehr am späten Abend“, klagt der Bürgermeister. Der Brief schließt mit einer Einladung an den Minister, „an einem Wochenende mit Kaiserwetter“ nach Beuren zu kommen, um in den ruhestörenden Genuss der Motorradfahrer zu kommen.

Das „Wochenende mit Kaiserwetter“ steht jetzt an Pfingsten vor der Tür, die Antwort des Ministers dagegen noch aus. „Ich habe bisher noch keine Rückmeldung aus dem Ministerium bekommen“, sagt Gluiber. Die Gemeinde stellt unterdessen an den Schrauben, die ihr zur Verfügung stehen. Der Gemeinderat hat in seiner jüngsten Sitzung einen Lärmaktionsplan verabschiedet, der Tempo 30 auf allen innerörtlichen Ausfallstraße vorsieht. „Sobald der Plan vom Landratsamt und dem Regierungspräsidium genehmigt ist, stellen wir die Schilder auf“, sagt Gluiber. Schilder aufstellen würde er am liebsten auch auf der Beu­rener Steige nach Erkenbrechtsweiler hinauf. Dort, auf dem ortsnahen geraden Streckenabschnitt, bevor die Kurven beginnen, geben Motorradfahrer gerne noch einmal Vollgas. „Tempo 70 könnte da viel bewirken“, sagt Gluiber, der in seinem Kampf gegen den Motorradlärm die Bürgermeisterkollegen Roman Weiß (Erkenbrechtsweiler), Michael Schlecht (Lenningen) und Matthias Bäcker (Neuffen) hinter sich weiß.

Hobby besser ruhen lassen

Ohnehin läuten die Alarmglocken auf der Alb und in anderen beliebten Motorradrevieren in diesem Frühjahr besonders laut. Mit dem Beginn der Motorradsaison ist die Zahl der Unfälle in Baden-Württemberg dramatisch gestiegen. Allein im April kamen auf den Straßen im Land 13 Motorradfahrer ums Leben. Mehr als 150 sind zum Teil schwer verletzt worden. Die Zahlen haben den baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl (CDU) zuletzt dazu bewogen, den Motorradfahrern besonders in Corona-Zeiten ans Herz zu legen, auf Fahrten zum reinen Freizeitvergnügen wenn möglich zu verzichten. Damit das wegen Corona unter Druck stehende Gesundheitssystem nicht zusätzlich belastet werde, sollten Biker ihr Hobby vorerst ruhen lassen.

Damit widerspricht Strobl zwar seinem grünen Ministerkollegen, liegt aber ganz auf der Linie des Lärmschutzbeauftragten der Landesregierung, Thomas Marwein (Grüne). Auch er setzt in Zeiten der Corona-Auflagen auf Verzicht, „auch, weil der enorme Motorradlärm alle Menschen stört, die an diesen Tagen zu Hause bleiben und die frühlingshaften Temperaturen auf Balkon oder Terrasse genießen“. Marwein appelliert an Biker, das lange Wochenende für Spaziergänge zu nutzen und die Maschine stehen zu lassen.

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