Kirchheim

Ist das E-Bike mehr als ein Verkehrsmittel?

Radfahren boomt, und speziell E-Bikes sind ein echter Verkaufsschlager und derzeit der Motor der Fahrradindustrie. Für manch einen stellen sie ein neues Lebensgefühl dar, andere schwören auf motorloses Fahren. Der Teckbote hat einen Radverkehrsexperten und einen Hausarzt befragt. Von Peter Dietrich und Irene Strifler

Archivfoto: Jean-Luc Jacques

 

Dieter Hutt: "Das E-Bike trägt zur Verkehrswende bei"


Lieber ein Fahrrad mit oder ohne Motor? Dieter Hutt, Sprecher der Initiative „FahrRad“ in Kirchheim, schätzt beides. „Ich will so lange wie nur möglich das e-freie und absolut ökologisch verträgliche Normalfahrrad nutzen“, sagt er.

„Aber letztes Jahr bin ich schwach geworden: Im Bikerparadies Oberengadin habe ich mir jeden Tag ein E-Bike ausgeliehen und die umliegenden Berge und Pässe erklommen, was ich früher noch mit eigener Muskelkraft geschafft habe.

Dieter Hutt

Etwas peinlich war es mir aber schon, wenn ich einen Normal-Biker am Berg überholt habe.“


Was halten Sie vom Pedelec-Boom, was kann er zur Verkehrswende beitragen?
Alles, was die Menschen aufs Rad bringt, ob elektrounterstützt oder nicht, ist zu begrüßen und nützt der Umwelt. Eine Verkehrswende wird damit aber noch lange nicht erreicht. Wenn gleichzeitig der SUV zum Standard wird, die Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht werden, immer mehr und immer weiter in den Urlaub geflogen wird, können wir den Klimaschutz oder menschengerechte Städte vergessen. Wir müssen endlich kapieren, was die Jugend uns jeden Freitag sagen will. Ersetzen wir doch einfach mal das Gros der Fahrten unter fünf Kilometern – das betrifft fast alle Erledigungen in der Stadt – durch das Fahrrad. Dazu wird im Flachland nicht einmal ein Pedelec benötigt. Aber eine E-Unterstützung kann so manchen motivieren, sich ein Lastenrad oder einen Anhänger für Kind und Kegel zuzulegen.
Eine Batterie fürs Pedelec braucht wertvolle Rohstoffe und Strom, aber viel weniger als ein Auto. Wie ist die Ökobilanz?
Ich kenne noch keine wissenschaftliche Untersuchung, die umfassend untersucht hat, wie sich der Pedelec-Boom in einer Ökobilanz niederschlägt. Aber jeder kann sich selbst prüfen: Lege ich die tägliche 20-Kilometer-Fahrt ins Geschäft mit dem Auto zurück oder steige ich um aufs Pedelec? Brauche ich das Auto überhaupt noch zur Freizeitgestaltung? Fangen wir doch einfach damit an, mindestens jede dritte Autofahrt durch eine verträglichere Mobilitätsform zu ersetzen. Die persönliche Ökobilanz kann jeder selbst beeinflussen und verbessern. Und auch darauf achten, aus welcher Quelle der Ladestrom kommt. Politik und Produzenten sind dann noch gefordert, dass bei der Herstellung der Akkus keine Menschenrechte verletzt und nach möglichst langlebigem Gebrauch wertvolle Rohstoffe sinnvoll recycelt werden.
Wird ein Pedelec-Fahrer im Vergleich zum Ohne-Motor-Radler faul, oder wird das überkompensiert, weil er viel mehr fährt?
Wer bisher bei der Radtour den Albanstieg nie geschafft hat oder den Radbus brauchte, es jetzt aber mit dem Pedelec endlich selber packt, ist alles andere als faul. Und wer bisher 50 Kilometer am Tag per Rad zurückgelegt hat, der verschiebt seine Leistungsgrenze eben nach oben auf 80 Kilometer oder mehr. Und viele entdecken für sich die Urlaubsfahrt per Pedelec, weil der Gepäcktransport nun endlich erleichtert wird. Bedenklich wäre es allerdings, wenn wir beim Radeln überhaupt nicht mehr ins Schwitzen kämen.
Brauchen schnellere Pedelecs auch andere Radwege?
Der Trend geht ohnehin weg von den klassischen straßenbegleitenden – und häufig gefährlichen und holprigen – Radwegen hin zum Radfahren auf der Fahrbahn, im Schutz von möglichst breiten Radfahrstreifen oder Zonen mit reduzierter Geschwindigkeit. Insgesamt müssen die Radspuren weiter großzügiger und sicherer werden und Hindernisse abgebaut werden. Das kommt allen Radfahrenden, besonders aber auch den Pedelec-Nutzern entgegen. Genauso wie die geplanten Radschnellwege, beispielsweise im Fils- und Neckartal.
Soll jemand, der Jahrzehnte nie Rad gefahren ist, vor dem Kauf eines Pedelecs erst einmal auf einem normalen Rad üben?
Unbedingt. Nur wer ein normales Rad beherrscht und weiß, was bei allzu flotten Bergabfahrten auf Schotter passieren kann, hat die Voraussetzung für den Umstieg auf ein Pedelec. Leider sind immer mehr ältere Menschen zu beobachten, die viel zu schnell mit dem Pedelec unterwegs sind. Mir kommen mitunter Zweifel, ob sie in kritischen Situationen ihr Rad noch beherrschen können. Den weniger Routinierten wäre jedenfalls ein Sicherheitstraining sehr zu empfehlen.

 

Dr. Thomas Freier: "Rauf aufs Rad! - Steckdose nicht nötig"

Aus hausärztlicher Sicht ist Bewegung eine Art Allheilmittel: Wer sich bewegt, ist schlanker und gelenkiger und reduziert zahlreiche Risikofaktoren und in der Folge auch handfeste Krankheiten. Wenn Ärzte Patienten regelmäßig Bewegung

Dr. Thomas Freier

empfehlen, entscheiden diese sich oft fürs Radfahren, wie der aus Kirchheim stammende Hausarzt Dr. Thomas Freier bestätigt.


Ist Radfahren gesund?
Natürlich! In Deutschland sind 60 Prozent der Männer und 50 Prozent der Frauen übergewichtig. Radfahren ist ideal zum Abnehmen und reduziert klassische Risikofaktoren. Es ist ein Ausdauersport, den man an der frischen Luft betreibt – allein das ist ein Antidepressivum – und der das Herz-Kreislauf-System stärkt. Gegenüber Joggen handelt es sich um eine gleichmäßigere, gelenkschonendere Bewegung.
Lassen sich Patienten zum Radfahren animieren?
Ja, viele möchten abnehmen und den inneren Schweinehund besiegen. Das kann mit dem Rad gelingen. In Kombination mit bewusster Ernährung erkennt man rasch Erfolge an der Waage. Allerdings ist Sport ohne Anstrengung und Schweiß nicht allzu effektiv.
Heißt das, E-Bikefahren bringt nichts?
Natürlich ist es viel besser, E-Bike zu fahren als gar nicht rauszugehen. Auch mit Motor verbrennt man Kalorien, da die Reichweite viel größer ist und man länger fährt. Der Wohnort in bergigem Umfeld, die tägliche Fahrt zur Arbeit oder der Wunsch, mit dem Partner mithalten zu können, sind gewichtige Argumente pro E-Bike. Zu berücksichtigen ist aber auch, dass unzureichend trainierte Fahrer mit Motorunterstützung in Gegenden vordringen, die sie sonst nicht erreichen. Hier kommt es nicht selten zu Unfällen, da viele mit den Gefährten nicht umgehen können und die teils hohen Geschwindigkeiten unterschätzen.

Welche Risiken können denn überhaupt durch Sport reduziert werden?
Ausdauersport senkt das Risiko für Herz-Kreislaufkrankheiten und vermindert das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko merklich. Bluthochdruck wird genauso positiv beeinflusst wie das Körpergewicht. Fett wird langfristig in Muskulatur umgewandelt. Diabeteskrankheiten verbessern sich messbar ebenso wie das Cholesterinprofil. Dreimal eine Stunde Radfahren mit Muskelkraft pro Woche bringt schon viel für Fitness und Gesundheit.

Bewegung statt Chemie?
Regelmäßiges Radfahren spart viele Tabletten. Häufig müssen Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht nach einjährigem regelmäßigen Training nur noch halb so viele Tabletten schlucken. 50 Prozent der Erkrankungen in Hausarztpraxen sind dem „Wohlstandssyndrom“ geschuldet: viel und falsches Essen, Bewegungsmangel, Alkohol und Nikotin. Also: Rauf aufs Fahrrad, Steckdose nicht nötig.

 

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