Kirchheim

Schnupfnasen verursachen Testflut

Corona Die Verunsicherung ist groß: Was tun, wenn ein Kind erkältet ist? Weil noch klare Richtlinien fehlen, werden Kinderärzte und das Abstrichzentrum derzeit von Eltern mit kleinen Patienten überrannt. Von Bianca Lütz-Holoch

Corona Test
Nur eine harmlose Erkältung oder Corona? Viele Kindergärten und Schulen, aber auch Ärzte und Eltern gehen derzeit lieber auf Nummer sicher und lassen Kinder testen. Symbolbild

Am Freitagmorgen wacht ihre Tochter mit einer Schnupfnase und leicht erhöhter Temperatur auf. Was Cornelia Kurz sonst kalt gelassen hätte, bringt die zweifache Mutter aus Kirchheim dieses Mal ins Schwitzen. Wie geht man in Corona-Zeiten mit einem Schnupfen um? Dass die Sechsjährige heute nicht die Kita besuchen kann, weiß sie. Aber wie lange muss sie jetzt zuhause bleiben? Und darf der große Bruder in die Schule gehen? Ein Anruf bei dessen Lehrerin zeigt: Cornelia Kurz ist nicht die einzige, die verunsichert ist. Was folgt, sind ein Kinderarztbesuch, ein Test im Corona-Abstrichzentrum (CAZ) in Nürtingen und tagelanges Warten auf das Ergebnis zuhause.

„Das ist die Konsequenz aus den Forderungen des Kultusministeriums anlässlich der Wiedereröffnung von Kitas und Schulen“, sagt Dr. Dominique Scheuermann, Leiterin des Esslinger Gesundheitsamts. Das Land gibt vor, dass Kinder, die Symptome eines Atemwegsinfekts, erhöhte Temperatur oder Störungen des Geruchs- und Geschmackssinns aufweisen, nicht in die Kita oder die Schule dürfen.

Die Folge: eine regelrechte Testwelle. „Die Nervosität seit der Öffnung von Schulen und Kitas ist groß“, weiß Dominique Scheuermann. Es entwickle sich eine Kultur, bei jedem Schnupfen einen Corona-Abstrich zu nehmen. Wichtig ist ihr, klarzustellen, dass das keine Anweisung des Gesundheitsamts ist. „Die Vorgaben macht das Land“, betont sie. Auch stellt die Kreisbehörde fest, dass die Definition eines Schnupfens von Kita zu Kita und von Schule zu Schule stark variiert. „Bei den einen reicht einmal Niesen, um das Kind nach Hause zu schicken, andere dagegen tolerieren auch eine Schniefnase“, hat die Leiterin des Gesundheitsamts erfahren.

Unter dem Test-Hype ächzt auch das Corona-Abstrichzentrum (CAZ) in Nürtingen. „Wir verzeichnen derzeit etliche erzwungene und grundlose Abstriche bei Kindergartenkindern“, sagt Marc Lippe, Bezirksgeschäftsführer der Malteser im Bezirk Neckar-Alb, die das CAZ leiten. „Das können wir auf Dauer nicht leisten“, betont er. Zurzeit würden so viele Abstriche wie in der Hochphase der Pandemie genommen - dabei bewege sich das Infektionsgeschehen auf niedrigem Niveau. Am Montag etwa waren es 367 Corona-Tests, die das Gesundheitsamt registriert hat. „Gekommen sind auch viele Familien“, sagt Dominique Scheuermann. Bestätigte Infektionen bei Kindern dagegen gibt es im Landkreis Esslingen - Stand Mittwoch - dagegen keine.

Der Knackpunkt, so Marc Lippes Einschätzung, sind in vielen Fällen die Kitas und Schulen. „Sobald ein Kind eine Erkältung hat, darf es erst wieder kommen, wenn der Arzt attestiert, dass es sich nicht um eine Corona-Infektion handelt.“ Der wiederum kann ohne Abstrich kein Attest ausstellen. Dabei ist ein Attest gar nicht unbedingt nötig, wie Dominique Scheuermann betont. „Eltern müssen der Einrichtung schriftlich bestätigen, dass ein Arzt die Symptome für unbedenklich hält“, erläutert sie. Ein entsprechendes Papier, in dem der Umgang mit einem einfachen Schnupfen dargelegt wird, hat das Amt nun auch an die niedergelassenen Ärzte im Kreis verteilt.

Trotzdem - und auch das steht in dem Papier - sei es politisch gewünscht und vom Robert-Koch-Institut empfohlen, so viel wie möglich zu testen, um „quasi jedes Aufflackern der Epidemie im Keim zu ersticken“.

„Es müssen Lösungen her“

Marc Lippe hofft nun auf klare Vorgaben, wann bei Kindern wirklich ein Abstrich genommen werden muss. Auch Dominique Scheuermann hat das Land aufgefordert, die Situation zu klären. „Es müssen Lösungen her“, sagt sie“ - insbesondere auch für die kalte Jahreszeit mit etlichen weiteren Schnupfnasen.

Auf Lösungen hofft auch Cornelia Kurz. Am Montag ist der Schnupfen ihrer Tochter weg. Trotzdem sitzt sie mit beiden Kindern zu Hause, bis am Dienstag um 11 Uhr endlich das ersehnte Test-Ergebnis eintrudelt. Es ist - wie erwartet - negativ. Dass es so lange gedauert hat, ist laut Marc Lippe „nicht die Regel“ und auch dem Wochenende geschuldet. Trotzdem steht für die zweifache Mutter fest: „Das kann doch nicht den ganzen Herbst und Winter über so weitergehen.“

Dürfen Kinder in die Kita oder die Schule gehen, wenn sie erkältet sind?

Hinweise, wann ein Kind in die Kita oder die Schule gehen darf, geben die Corona-Verordnung des Landes sowie diverse Gesundheits- und Schutzhinweise.

Eindeutig sind die Vorgaben, wenn das Kind positiv getestet wurde. Dann muss es erst in Quarantäne und zudem 48 Stunden symptomfrei sein, bevor es wieder in die Kita oder die Schule darf. Meist gilt das auch, wenn ein Familienmitglied an Covid erkrankt ist. Bei Kontakt zu einer Person mit Corona entscheidet das Gesundheitsamt über die Vorgehensweise.

Auch bei Symptomen wie Fieber, Husten, Halsschmerzen sowie Geruchs- und Geschmacksstörungen dürfen Kinder nicht in die Kita oder die Schule gehen. Dann ist ein Gang zum Kinderarzt nötig. Der entscheidet, ob eine Ansteckungsgefahr von dem Kind ausgeht.

Ein Attest müssen die Eltern eines erkälteten Kindes nur vorlegen, wenn es Kita oder Schule fordern. Sonst genügt eine schriftliche Bestätigung der Eltern, dass der Kinderarzt den Infekt für unbedenklich hält.

Ein Schnupfen gilt laut Gesundheitsamt als „Symptom eines Atemwegsinfekts“. Ein solcher bedarf der Abklärung durch einen Arzt. Entsprechend sichern sich viele Einrichtungen ab.

Andere Familienmitglieder stehen nur unter Quarantäne, wenn sich der Corona-Verdacht beim Kind bestätigt. Bis dahin dürfen Eltern auch arbeiten gehen.

Die Stadt Kirchheim hat mit bei der Rückkehr zum Regelbetrieb in Kitas und Grundschulen darauf hingewiesen, dass Kinder die Einrichtungen nur dann besuchen dürfen, wenn kein Familienmitglied Covid-19-Symptome zeigt.bil

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