Kirchheim

Unaussprechliches zur Sprache bringen

Missbrauch Opfer sexualisierter Gewalt brauchen Beratung und Unterstützung. Seit 26 Jahren widmet sich die Beratungsstelle Kompass Kirchheim dieser Aufgabe. Von Daniela Haußmann

Sicher und diskret: Opfer von sexualisierter Gewalt findet beim Team rund um Angelika Schönwald-Hutt Unterstützung und ein offen
Sicher und diskret: Opfer von sexualisierter Gewalt findet beim Team rund um Angelika Schönwald-Hutt Unterstützung und ein offenes Ohr. Foto: Daniela Haußmann

Die Zeit der Ausflüchte, der Beschwichtigungen und der Verharmlosung ist vorbei. Sexualisierte Gewalt ist zu einem öffentlichen Thema in Medien und Politik geworden. Missbrauch kennt keine sozialen Grenzen, sondern durchzieht alle Gesellschaftsschichten. Seine Opfer, die bis vor wenigen Jahrzehnten ihre Pein noch stumm erdulden, finden heute Hilfe und Unterstützung. Sexualisierte Gewalt ist längst kein Tabuthema mehr. Zu verdanken ist das unter anderem auch Beratungsstellen wie Kompass Kirchheim, die Betroffene auffangen und Aufklärungsarbeit leisten.

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Im Mai 1991 rief Pro Familia die Kirchheimer Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt ins Leben. Zwei Jahre lang hat Kompass Opfer beraten, begleitet und unterstützt. Das Team, das sich schon damals aus Fachkräften wie Psychologen und Sozialpädagogen mit einer therapeutischen Zusatzausbildung zusammensetzte, schloss in der Fachwerkstadt eine wichtige Lücke im Beratungsangebot. Die Nachfrage zog derart an, dass Pro Familia laut Angelika Schönwald-Hutt den damit einhergehenden Aufwand kaum noch stemmen konnte.“ 1993 wurde Kompass deshalb in einen eigenständigen Verein überführt, wie die Leiterin der Beratungsstelle weiter berichtet. „Nur ein Jahr später übernahm der Landkreis die finanzielle Trägerschaft“, erinnert sich die Kinder- und Jugendlichentherapeutin, die betont, „dass die Weihnachtsaktion des Teckboten im Jahr 1990 einen wichtigen Beitrag zum Aufbau der Anlaufstelle leistete.“

Teckboten sammelt Startkapital

Fast 159 000 Mark sind damals zusammengekommen. Dass die Spendenbereitschaft der Zeitungsleser angesichts des sensiblen Themas so groß ausfällt, hatten weder die Verantwortlichen von Pro Familia, noch Verleger Dr. Claus Gottlieb zu hoffen gewagt, wie in einem 27 Jahre alten Teckboten-Beitrag zu lesen ist. „Das war ein enormes Startkapital. Mit ihm konnte Kompass“, laut Angelika Schönwald-Hutt, „sämtliche laufenden Kosten, aber auch Ausgaben für Fortbildungen und die Büroausstattung finanzieren.“ Ein Glücksfall war nach Ansicht der Beratungsstellenleiterin auch, dass das Landratsamt 1994 einen Kooperationsvertrag mit dem Trägerverein Kompass schloss. „Voraussetzung war allerdings, dass die Mitarbeiter fortan nicht nur Opfer, sondern auch Täter beraten“, erzählt Angelika Schönwald-Hutt. „Für die damalige Zeit ein sehr fortschrittlicher Ansatz. Heute gehört die Täterarbeit ganz selbstverständlich zur Beratungsarbeit. Aber Mitte der Neunzigerjahre war das noch ein kontrovers diskutiertes Thema.“

Während 1991 45 Menschen in der Wellingstraße Hilfe suchten, waren es 2016 nach Angaben von Katja Englert 379 Personen, die sich an das Team wendeten. Für die Psychotherapeutin zeigen die Zahlen, wie sich im Verlauf von über zwei Dekaden der gesellschaftliche Umgang mit sexualisierter Gewalt verändert hat. „Anfang der Neunzigerjahre brachen die ersten Opfer ihr Schweigen. In Büchern thematisierten sie“, Katja Englert zufolge, „ihre Missbrauchserfahrungen. In dieser Zeit entstanden die ersten Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen formierten sich.“ In der Folgezeit rückten laut Angelika Schönwald-Hutt verstärkt Jungen und Männer als Missbrauchsopfer in den Fokus. „Lange Zeit galt sexualisierte Gewalt als etwas, das nur Mädchen und Frauen widerfährt“, erklärt die Expertin.

Trauma begleitet Betroffene

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erbrachten Neurologen den Beweis, dass sich im Kindesalter erfahrene Traumatisierungen auf die Entwicklung bestimmter Hirnregionen auswirkt. „Eindrücke, die wir in der Beratung gewonnen hatten, aber nicht mit wissenschaftlichen Belegen untermauern konnten, fanden so eine Bestätigung“, sagt Katja Englert, Gleichzeitig erfahren die Opfer sexualisierter Gewalt mehr Akzeptanz. Dass Traumatisierungen Folgestörungen nach sich ziehen können, unter denen die Betroffenen teilweise ein Leben lang zu leiden haben, wird der Psychotherapeutin zufolge heute von niemandem mehr in Frage gestellt.

Außerdem erweiterte der Gesetzgeber zwischen 2008 und 2012 stufenweise den Schutz von Kindern. „Seither kann Kompass beispielsweise auf Anfrage von Erziehern, Lehrern und anderen Fachkräften auch Einschätzungen abgeben, ob in einem speziellen Fall ein Kind gefährdet ist oder nicht“, erklärt die Kinder- und Jugendlichentherapeutin.

Sie betont, dass in den vergangenen Jahrzehnten stark daran gearbeitet wurde, die emotionaler Abhängigkeit, Angst und Scham zu durchbrechen. So erfahren Opfer in der heutigen Gesellschaft Verständnis, Akzeptanz und Unterstützung. Dazu leistet Kompass Kirchheim seit einem Vierteljahrhundert einen unschätzbar wertvollen Beitrag, der künftig auch Pflegebedürftige und Menschen mit Fluchterfahrung erfassen soll.