Kirchheim

Von Fabers Fortschrittsglaube bis zu Trakls Herbstmelancholie

Abitur Am Schloss- und am Ludwig-Uhland-Gymnasium haben mit dem Deutsch-Aufsatz die schriftlichen Prüfungen begonnen, am WG und am TG sind sie beendet. Von Andreas Volz

Begleitet von unzähligen Transparenten und Plakaten, die sie wie Matadoren feiern, haben 336 Abiturienten in Kirchheim gestern den wahrscheinlich wichtigsten Deutsch-Aufsatz ihres Lebens geschrieben. Auch wenn an den allgemeinbildenden wie an den beruflichen Gymnasien jeweils dieselben Aufgaben zur Auswahl standen, gab es doch einen großen Unterschied zwischen beiden Schularten: Am Schloss- und am Ludwig-Uhland-Gymnasium war die Deutsch-Prüfung der Auftakt für die weiteren Klausuren. An der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule (WG) und an der Max-Eyth-Schule (TG) bildete der Deutsch-Aufsatz dagegen zum ersten Mal den Abschluss des schriftlichen Prüfungsblocks.

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In der Gesamtzahl lassen sich für Kirchheim gewisse Themenpräferenzen erkennen. Allerdings scheint die Bedeutung der Pflichtlektüre immer stärker abzunehmen: Nicht mehr ganz ein Drittel aller Aufsatzschreiber wollte gestern eine Textpassage aus Max Frischs „Homo faber“ interpretieren. Gerade noch 110 Schüler haben sich mit der Alternative zwischen „Dschungel“ und „Fortschritt mit allen Konsequenzen“ auseinandergesetzt. Anschließend mussten sie noch die Selbstbilder Fabers und Dantons vergleichend betrachten. Näherliegend wäre wohl ein Vergleich mit Peter Stamms „Agnes“ gewesen, denn der „Homo faber“-Ausschnitt ist am Thema „Schwangerschaftsunterbrechung“ aufgehängt.

90 Abitursaufsätze sind gestern in Form eines Essays über die Macht der Sprache entstanden. Fünf unterschiedliche Materialien lieferten Anregungen, sich mit Manipulationen und Manipulierern von Sprache zu beschäftigen. Einer der Ansätze war besonders interessant - beschäftigte er sich doch mit der Frage, wie man Kinder sprachlich so beeinflussen kann, dass sie von sich aus hilfsbereiter werden. Wer zieht hier noch die Grenze zwischen Kindeswohl einerseits und Ausnutzung eines enormen Wissens- und Erfahrungsgefälles andererseits?

59 Abiturienten befassten sich in Kirchheim mit der Texterörterung. Das Thema des Zeit-Artikels, der als Grundlage diente, war aktueller denn je: Es ging um öffentliche Empörung im digitalen Zeitalter, um gegenseitiges Überbieten beim Liefern von Skandalberichten sowie um eine Neigung zur „Moralisierung aller Lebensbereiche“ und zum „Tugendterror“, der damit einhergeht.

An die Interpretation eines kryptischen Kurzprosatexts wagten sich 41 Schüler. „Auf der Felsenkuppe“ versucht der Protagonist in einer Geschichte von Christoph Meckel, der Großstadt und den vielen lärmenden, oberflächlichen Menschen zu entfliehen. Er zieht ganz bewusst in die Einsamkeit einer Halbinsel und will trotzdem Kontakt zu den Menschen aufnehmen, die mit Schiffen an seinem Exilort vorbeiziehen. Der Rückzug bekommt dem Ich-Erzähler aber nicht so richtig. Deshalb plant er am Ende, wieder in die großen Städte zu gehen und sich an die dortige Sprache anzupassen.

Beinahe einfacher als die Prosa­interpretation war der Vergleich zweier Gedichte, für den sich die verbleibenden 36 Reifeprüflinge entschieden hatten. Im Gedicht „Der Herbst des Einsamen“ von Georg Trakl (1887 - 1914) geht es um das Ende der Vegetationszeit vor dem beginnenden Winter. Die Einsamkeit wird heraufbeschworen durch eine ganze Menge düsterer Adjektive wie „vergilbt“, „verfallen“, „dürr“, „kühl“, „knöchern“ oder „kahl“ - und immer wieder „dunkel“, „schwarz“, „still“, „leise“.

Während Georg Trakls melancholischer Text am Vorabend des Ersten Weltkriegs entstanden ist, scheint Georg Britting (1891 - 1964) in seinem - die Form leicht sprengenden - Sonett „Herbstgefühl“ die Erfahrung von gleich zwei überstandenen Weltkriegskatastrophen zu verarbeiten. Das lässt sich zumindest aus der Angabe „Erstveröffentlichung 1949“ schließen. Hier herrscht eine späte herbstliche Zuversicht vor. Die Adjektive heißen „golden“ oder auch „gelassen“. Dazu passen Verben wie „räkeln“ oder „glühen“ wie auch die Aufforderung zur Genügsamkeit angesichts der Fülle: „Ein Krug mit Wein ist vor dich hingestellt. / Daneben liegt ein Buch. Was willst du mehr?“ Bezeichnend ist auch der abschließende Halbsatz des Gedichts. Er rät dazu, die vorhandenen Gaben zu genießen, solange es irgend geht, denn: „noch ist der Krug nicht leer.“

336 Aufsätze von 399 Abiturienten

Die Abiturienten an Kirchheims Schulen verteilen sich wie folgt: 142 am Ludwig-Uhland-Gymnasium, 112 am Schlossgymnasium, 93 am Wirtschaftsgymnasium der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule und 52 am Technischen Gymnasium der Max-Eyth-Schule. Die Gesamtsumme liegt bei 399. Demnach haben sich 63 Abiturienten gestern nicht am Deutsch-Aufsatz beteiligt. Das liegt daran, dass er an den beruflichen Gymnasien nicht obligatorisch ist. Am TG haben 34 Schüler auf den Aufsatz verzichtet, am WG waren es 28. Am LUG gab es einen Krankheitsfall, der zu einem Nachschreibtermin führt.vol