Kirchheim

Wenn Trauer und Zorn zu Kunst werden

Kunst Die Fotos von Imad Alkhaldi im Kirchheimer Kornhaus sind ergreifend schrecklich und bezaubernd schön. Seine Kalligrafien sind nur Letzteres. Von Peter Dietrich

„Meine Freiheit bedeutet mir alles - ohne Freiheit ist mein Leben ohne Bedeutung“: Bild gewordene Lebensweisheiten.Foto: Carsten
„Meine Freiheit bedeutet mir alles - ohne Freiheit ist mein Leben ohne Bedeutung“: Bild gewordene Lebensweisheiten.Foto: Carsten Riedl

Ist das Deutschland 1945? Nein, das ist nicht Dresden, das sind syrische Städte - vom Krieg ebenso furchtbar zerstört. Ist das eine moderne Kreuzung in Paris, ein großer Platz in Berlin, eine Einkaufsstraße irgendwo in Europa? Nein, das sind Städte wie Damaskus vor dem Beginn des Krieges. Der Syrer Imad Alkhaldi zeigt beides: Syrien als wunderschönes Land, das vor dem Krieg hoch entwickelt war und alte Kulturschätze ebenso zu bieten hatte wie moderne Errungenschaften. Und Imad Alkhaldi zeigt in bewegenden Bildern, was aus diesem Land geworden ist. Ein Kind hält eine blutige Hand, deren Arm steht aus den Trümmern hervor, unter ihnen wurde ein Mensch verschüttet. Kinder spielen mit einem kaputten Panzer, ein Vater weint um seinen Sohn. Machen diese Fotos traurig oder zornig, dass so etwas geschehen darf? Beides zugleich, und das nicht zu knapp.

Manchmal, sagte der Kurator Florian Stegmaier bei der Ausstellungseröffnung, werde bei Kunst darüber diskutiert, ob sie auch authentisch sei. Die Werke von Imad Alkhaldi seien an Authentizität kaum zu überbieten. Seine Dokumentarfotos sind professionell, von der Reportage mitten unter Flüchtlingen bis zum überlegt gestalteten, absolut symmetrischen Panorama der Omayyad-Moschee in Damaskus.

Ein Foto entsteht - wenn man nur die Belichtungszeit betrachtet - meist in Bruchteilen einer Sekunde. Bei der Nachtaufnahme wie der von Damaskus 2010 mögen es einige Sekunden sein, bei einer Kalligrafie von Imad Alkhaldi hingegen zwei bis drei Tage oder gar zwei Wochen. Durch das Bilderverbot im Islam hat sich diese uralte Schrifttechnik entwickelt, die der Künstler mit Musik vergleicht. Seine Schreibgeräte aus Bambus schnitzt er selbst, seine Tinte importiert er teilweise oder mischt sie sogar selbst.

Zuerst braucht er die Idee, dann malt er die Linien zart vor, danach fängt er nochmals von vorne mit dem Schreiben an. Kalligrafie, sagt der Künstler, habe sehr viel mit Mathematik zu tun, die Einheit sei der Punkt. Imad Alkhaldi schreibt religiöse Gedichte, aber auch Liebesgedichte und Lebensweisheiten. „Wer strebsam ist, wird Erfolg finden“, das passt in jedes Schüler- und Studentenzimmer. Den Text „Obwohl du etwas nicht magst, kann es wichtig für dich sein, aber was du liebst, kann schlecht für dich sein“ hat er in Form einer Raupe geschrieben. Ein Liebesgedicht hat die Gestalt einer jungen Frau mit Geige angenommen. Die knapp 40 Kalligrafien sind ganz unterschiedlich, manche nur abstrakt ohne textliche Bedeutung - aber stets harmonisch schön.

Zurück zum aktuellen Alltag in Syrien. Zu diesem hatte Imad Alkhaldi für eine Videoprojektion Nachrichtenberichte zusammengeschnitten und mit Musik vertont, ganz ohne Kommentar - die Bilder sprechen für sich. Am Schluss gab es ein paar Zahlen, neun Millionen Vertriebene im eigenen Land, fünf Millionen in anderen Ländern. Welcher Mensch würde dieser Hölle auf Erden nicht entfliehen wollen?

Wie der Künstler schlug auch Dr. Adnan Emin vom Integrationsprojekt BILO den Bogen vom früheren Syrien zu heute. Er erzählte, wie Menschen verschiedener Völker und Religionen friedlich zusammenlebten. Immer wieder fuhr er früher als Student durch zwei kleine Dörfer. Die Leute halfen ihm gerne, als sein Auto liegen blieb. „Dass das Schiiten sind, wusste ich gar nicht.“ Was die Konflikte und die Trennungen angeht, ist Dr. Adnan Emin überzeugt: „Das kommt nicht von uns.“ Als er 2013 nach Syrien zurückkam, fühlte er sich im eigenen Land sehr fremd. „Aleppo sah aus wie Haiti nach dem Erdbeben.“ Nun hofft er auf das baldige Ende des Krieges.

Die Kalligrafien sind zu verkaufen, das erste Kunstwerk ging sofort weg. Den Fotos wäre aus dem Kornhaus der Weg ins Kanzleramt, den Kreml, den Sultanspalast und ins Weiße Haus zu wünschen - und wo sonst diese ständige Friedensmahnung helfen könnte.

 

Die Ausstellung in der Städtischen Galerie im Kornhaus ist bis 28. Mai zu sehen: dienstags bis freitags von 14 bis 17 Uhr, am Wochenende und an Himmelfahrt von 11 bis 17 Uhr.

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