Kirchheim

„Wir sind mit dieser Schulnote nicht glücklich“

Verkehr Beim aktuellen Fahrradklimatest des ADFC hat Kirchheim schlecht abgeschnitten. Wird das in zwei Jahren besser? Die Stadt hat sich in jedem Falle einiges vorgenommen. Von Peter Dietrich

Radweg
Symbolfoto

Der Erste Bürgermeister Günter Riemer sagt es ganz offen: „Wir sind mit dieser Schulnote nicht glücklich.“ Der Durchschnitt von 3,69, den rund 170 befragte Kirchheimer der Stadt beim Fahrradklimatest des ADFC verpasst haben, ist in der Tat kein Glanzstück. Das ergibt nur Platz 90 von 311 Städten in dieser Größenkategorie - und das als jüngst rezertifizierte „fahrradfreundliche Kommune“.

Allerdings nehmen Dieter Hutt von der „Initiative FahrRad“ und Bernd Cremer, Ansprechpartner des ADFC in Kirchheim, die Stadt auch teilweise in Schutz. „Das ist eine unberechtigte Ohrfeige, aber die Stimmung ist nachvollziehbar“, sagt Dieter Hutt. Er hat beobachtet, dass sich die Einzelnoten gegenüber zwei Jahren zuvor auch dort verschlechtert haben, wo es objektiv gar keine Verschlechterungen gab, etwa bei der Erreichbarkeit des Stadtzentrums von 1,9 auf 3,1. „Es antworten die Leute, die etwas zu bemängeln haben“, sagt er. In Karlsruhe habe es 1 899 Fragebogen gegeben, das ergebe eine stabile Wertung. Bei nur 170 Bögen wie in Kirchheim könnten geringe Verschiebungen schon viel bewirken, in beide Richtungen. Fast alle Einbahnstraßen seien in Kirchheim für Radler in der Gegenrichtung freigegeben, lobt er. „Wenn man das Scherbentelefon (50 21 62) anruft, kommt das Baubetriebsamt in wenigen Stunden. Die lästige Ampel am Freibad wurde geändert, am Alten Haus führt nun ein Zebrastreifen - okay, Radler sollten absteigen - über den Alleenring.“

An einer anderen Stelle verstehen Bernd Cremer und Dieter Hutt den Ärger der Radler: Es ist die lahme Ampel am Kirchheimer Bahnhof. Ist sie so lahm, dass die S-Bahn weg ist, zählt der Ärger mindestens doppelt. Für Dieter Hutt ein großer Fehler, wenn nicht ein richtiger „Imageschaden“: „Wir haben darum gebeten, dass parallel zur Radkulturkampagne sichtbare Dinge passieren.“ Diese Verbesserungen seien ausgeblieben. Bernd Cremer sieht es genauso: „Es sind Hoffnungen geweckt worden, die nicht erfüllt wurden.“

Die personellen Engpässe bei der Stadt, durch geringe Kapazitäten, Mutterschutz und Krankheit, gibt Günter Riemer offen zu. Doch nun sei die Mobilitätsplanerin Lisa-Marie Riemann zu 50 Prozent für den Fuß- und Radverkehr zuständig. Das weckt auch bei den Radaktiven Hoffnung. Hoffnung weckt auch die Tatsache, dass die Stadt auf die Radler hört. „Sie hört uns bei Planungen an“, sagt Dieter Hutt. Bernd Cremer und er legen viel Wert auf ein konstruktives Vorgehen.

Was aber für beide ganz klar ist: Die Ausgaben für den Radverkehr von ein bis drei Euro pro Einwohner und Jahr seien viel zu niedrig, nötig seien etwa 13 bis 19 Euro. Und Nachlässigkeit können beide nicht ausstehen. Bei der Sanierung des Schweinemarkts hätten die Radler zugestimmt, dass in dieser Zeit auf dem Radweg geparkt werden darf - aber nicht auch noch zwei Monate nach Ende der Sanierung. Auch kaputte Servicepunkte seien ärgerlich, trotz Paten. Hutt fordert keinen 24-Stunden-Service, aber wenigstens eine Reparatur innerhalb von vier Wochen.

Das ist keine Zeit im Vergleich zu einem anderen Punkt: „Große Maßnahmen schlummern seit 20 Jahren im C-Teil des Radverkehrsplans.“ Eine davon ist der Gaiserplatz. Günter Riemer kennt das Problem und kündigt an, mit dem neuen Radverkehrsplan noch in diesem Jahr dafür eine überraschende Lösung zu präsentieren. Er denkt an eine Umfahrung ohne großen Umweg. Anfang 2020 sei ein Fachforum Fuß- und Radverkehr geplant, ergänzt er, das die Wünsche der Bürger aufnehme. Derzeit beschaffe die Stadt ein E-Lastenrad, das Firmen für einen Zustellservice nutzen sollen. Der Bikepark hinter dem Schlossgymnasium werde saniert, eine erste Kirchheimer Schule wolle „fahrradfreundliche Schule“ werden.

An der Kreuzung zwischen Alleenstraße und Herdfeldstraße, berichten die beiden Radaktiven, wolle die Stadt die zwei getrennten Richtungen der Alleenstraße auf der unteren Straße zusammenführen. Beide fordern eine sichere Lösung für Radler in beide Richtungen. An der Querung des Alleenrings für die Radler, die zur Plochinger Straße wollen, müsste es zudem eine zweite Ampel geben.

Ein gutes Vorbild ist für beide Karlsruhe: 2005 wurde dort ein 20-Punkte-Programm verabschiedet mit klaren Zielen. Dieter Hutt: „Karlsruhe wollte süddeutsche Fahrradhauptstadt werden. Seitdem ist es jedes Jahr besser geworden, der Radfahranteil stieg von 16 auf 25 Prozent, jetzt will Karlsruhe auf 30 Prozent.“

Die Kirchheimer Stadtverwaltung, sagen die beiden, denke manchmal fortschrittlicher als manche konservative Gemeinderatsfraktion. Sie sehen noch viel Luft nach oben: Es gebe in der Innenstadt über 2 000 Parkplätze, doch die treuesten Einkäufer seien die Radfahrer.

Viele erledigen ihre Einkäufe mit dem Rad.Foto: Markus Brändli
Viele erledigen ihre Einkäufe mit dem Rad.Foto: Markus Brändli

20 Meilen pro Stunde

Günther Riemer fordert als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen (AGFK) in Deutschland „20 Miles an Hour“. So schnell dürften Pedelecs in den USA fahren, das wären bei uns rund 32 Kilometer pro Stunde. Dann könnten sie in der Tempo-30-Zone mit dem Autoverkehr mitfließen.

Für die schnellen S-Pedelecs würde Günter Riemer das Limit von 45 auf 50 Kilometer anheben, auch das helfe beim Mitfließen.

Eine Steigerung von derzeit Tempo 25, bei dem der Motor beim „normalen“ Pedelec die Unterstützung einstellt, auf Tempo 30 beziehungsweise 32 sei lediglich eine Frage der elektronischen Steuerung und somit einfach, sagt Riemer. pd

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