Kirchheim

Wirte klagen über steigende Preise

Gastronomie Die Stadt Kirchheim hat ihre Gebühren für die Außenbewirtung zur neuen Freiluftsaison in einem ersten Schritt um zehn Prozent angehoben. Von Andreas Volz

Außenbewirtung macht die Stadt Kirchheim während der Sommersaison attraktiv.Foto: Jean-Luc Jacques
Außenbewirtung macht die Stadt Kirchheim während der Sommersaison attraktiv.Foto: Jean-Luc Jacques

Einen Anflug lauen Wetters gab es vor Ostern bereits. Für den Rest des Monats sehen die Aussichten allerdings trübe aus: Erst Anfang Mai dürften die Temperaturen in Kirchheim wieder auf über 15 Grad klettern. Womit die Kunden auf den voll besetzten Bierbänken dann allerdings hadern könnten, das wären die gestiegenen Preise fürs Bier. Noch ist zwar kein großer Anstieg in Sicht. Aber das dürfte sich spätestens nächstes Jahr ändern: Die Gastronomen klagen über steigende Preise - bei Nebenkosten wie Energiekosten. Personal ist durch den Mindestlohn und die Fixierung auf Arbeitsstunden teurer geworden. Und jetzt hält auch noch die Stadt Kirchheim den Beutel auf: In einem ersten Schritt hat sie die Gebühren für die Außenbewirtung um zehn Prozent angehoben.

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Michael Holz, der derzeit keine Gastronomie mit Außenbewirtung in Kirchheim betreibt, sagt dazu: „Der Gastronomie schmeckt diese Erhöhung nicht so richtig.“ Er kennt Fälle, in denen Kollegen bis zu 700 Euro pro Saison zusätzlich zahlen müssen. Fällig sei die Gebühr am Anfang der Saison, wenn durch die Außenbewirtung noch kein Umsatz gemacht ist. „Wir denken, dass wir mit der Außengastronomie zur Attraktivität Kirchheims beitragen. Wenn die Stadt jetzt damit noch mehr Geld verdienen will, tut uns das weh.“

Zum Bierpreis sagt Michael Holz, dass die Gastronomen schon im Einkauf mehr Geld für den Liter Fassbier zahlen als die Kunden im Getränkemarkt: „Die Leute denken immer, als Großabnehmer kriegen wir das Bier viel günstiger. Das ist aber nicht so.“ Die Sonderangebote in den Märkten seien das Ergebnis von Preisschlachten. In Österreich koste der halbe Liter Bier in der Gastwirtschaft ungefähr 4,60 Euro. Für Michael Holz wäre das auch in Deutschland eigentlich ein angemessener Preis.

Linh Dimoski, als Geschäftsführerin des Bären seine Nachfolgerin, blickt in ein weiteres Nachbarland, in die Schweiz: „Dort ist Essengehen der reinste Luxus. Wir wollen nicht, dass es in Deutschland auch so kommt.“ Kirchheim sei eine schöne Stadt, die viele Touristen anzieht. Trotzdem sieht sie einen Strukturwandel: „Es kommen zu wenig junge Leute nach Kirchheim.“

Eleftherios Dagdalenoglou (Dreikönig) sieht ebenfalls die belebende Wirkung der Außenbewirtung: „Es gibt Städte, die das bewusst fördern.“ Er selbst zahlt die Gebühr sogar für das ganze Jahr, aus zwei Gründen: „Auch im Winter ist es oft warm genug, dass Leute draußen sitzen wollen. Außerdem fahren immer wieder Autos in die Innenstadt. Die bremse ich mit meinen Tischen ein bisschen aus.“ Er bringt noch ein weiteres Thema ins Gespräch: „Die Dehoga verhandelt gerade mit der Politik, um die Mehrwertsteuer zu senken.“

Im Gegensatz zur Lebensmittelbranche, die bei sieben Prozent liegt, müssen Gaststätten bislang 19 Prozent Mehrwertsteuer abführen, da sie die Lebensmittel nicht verpackt anbieten, sondern angerichtet. Zum Einkaufspreis fürs Bier sagt er, dass der Liter auf 2,20 Euro komme. Selbst mit Rabatten falle er nicht unter 1,80 Euro. Das ist also kein Vergleich zum üblichen Bierkastenpreis.

An diesen Preisen zweifelt auch Michael Attinger. Der Stiftsscheuerwirt braut sein Bier selbst. Auch das werde ständig teurer: durch steigende Energie- und Rohstoffpreise. „Keine Brauerei kann einen Kasten Bier für acht bis zehn Euro produzieren.“ Diese Kampfpreise im Laden seien an anderer Stelle wieder hereinzuholen, eben über die Bierlieferverträge mit den brauereigebundenen Wirtschaften. Steigende Kosten verursache auch die zunehmende Bürokratie: „Wir müssen alles dokumentieren, sogar noch, wie wir unseren Biomüll entsorgen.“ Den Treber, der beim Brauen anfällt, gibt Michael Attinger an einen Landwirt ab, für dessen Kühe: „Deshalb muss ich mich demnächst als Futtermittelproduzent registrieren lassen.“

Bleibt noch die Gebühr für die Außenbewirtung. Auch da pflichtet Michael Attinger seinen Kollegen bei: „Es gibt Kommunen, die diese Gebühren komplett abgeschafft haben - weil nichts mehr ging. Ich hoffe, dass es in Kirchheim nicht so weit kommt.“ Angesichts vieler leer stehender Läden fürchtet nicht nur er um die Attraktivität der Stadt.

Kommentar: Nur nicht so „angepasst“

Die Stadt Kirchheim hat das legitime Interesse, ihre Einnahmen zu erhöhen. Bei Gebühren hört es sich viel besser an, wenn man nicht „Erhöhen“ sagt, sondern „Anpassen“. Das klingt nach purer Notwendigkeit, nach schlichtem Nachholen von Versäumtem. Versäumt hat die Stadt ihre „Anpassungen“ tatsächlich seit 1998, sofern man das Schritthalten mit dem Verbraucherpreisindex überhaupt als eine Art Naturgesetz gelten lassen möchte.

Um satte 20,7 Prozent in nur zwei Jahren aufzuschlagen, ist aber mehr als heftig. Vielleicht würde es ohnehin genügen, dem zugrunde gelegten Index nur zur Hälfte zu folgen. Das wäre zumindest ein Kompromiss, der für die Stadt wie für die Gastronomen tragbar sein könnte.

Es ist völlig richtig, wenn die Gastwirte darauf hinweisen, dass eine Stadt dann als attraktiv wahrgenommen wird, wenn sie belebt ist. Und nichts belebt eine Innenstadt so sehr wie Menschen, die im Freien essen, trinken, ein Eis oder einen Kaffee genießen. Aber auch für diese Menschen muss der Preis stimmen. An der Preisschraube lässt sich nicht unendlich drehen.

Wie bei allen Gebühren, geht es auch hier darum, sie weiterzugeben. Wenn Kirchheims Wirte also spätestens nächstes Jahr die gestiegenen Kosten an ihre Kunden „abwälzen“, ist auch das ihr legitimes Interesse.

Wer zahlt also? Wieder einmal der Endverbraucher. Dessen einziges Mittel, sich dagegen zu wehren, wäre der Boykott. Sollten viele Café- und Biergartengäste zu diesem Mittel greifen, blieben zuerst die Gastronomen auf der Strecke und schließlich die ganze Stadt. Dann hätten Stadtverwaltung und Gemeinderat ein klassisches Eigentor geschossen. Noch ließe sich gegensteuern - und zumindest auf den zweiten Teil der Gebührenerhöhung in zwei Jahren verzichten. Andreas Volz