Kirchheim

Zeitreise der besonderen Art

Eröffnung Wenn Wolle auf Kupfer trifft, entsteht eine Ideen-Schmiede. Das Ergebnis dieses Bündnisses können Kunden in Kirchheim erleben. Von Iris Häfner

Die Zeit scheint stillgestanden zu sein: im Laden mit der original Jugendstil-Ausstattung, im Keller mit den vielen Kupfergegenständen und vor allem in der angrenzenden Werkstatt mit ihren mechanischen Maschinen, die über eine Transmission immer noch zum Laufen gebracht werden können. „Ich will Leben in die Bude bringen“, sagt Dr. Fritz Rainer Götz und strahlt dabei, da dieser Wunsch in Erfüllung geht.

Sonia Zauner ist mit ihrer Wolle-Menagerie in die Dettinger Straße 17 in Kirchheim eingezogen. Dort war einst die Kupferschmiede der Familie Götz beheimatet mit Ladengeschäft vorne und Produktionsstätte im Hinterhof. Viele Kirchheimer erinnern sich gerne an die einstige Auslage, die stets mit D-Mark gekennzeichnet war. „Preise in D-Mark, in Euro die Hälfte“, klärte ein Schild die Schaufensterbummler auf, denn der einstige Ladeninhaber Fritz Götz - weit in den Achtzigern - ersparte sich die umständlichen Umnotierungen.

„So einen Kaufladen hatte ich auch einmal“, diesen Satz hört Sonia Zauner öfters, wenn sie hinter der Ladentheke steht. Große Kupferkessel, in denen Miraculix seinen berühmten Zaubertrank brauen könnte, und andere Schmiedeprodukte gibt es zwar weiterhin in der Auslage, doch das Hauptaugenmerk liegt auf weicher Wolle, genauer gesagt: Filzgegenständen in nahezu jedweder Form. Die Fantasie der begeisterten Handwerkerin scheint keine Grenzen zu kennen: Es gibt Lampen, Taschen, Kissen, Babyschuhe, Püppchen, Dekoartikel, sämtliche Tierarten vom kleinen Küken über Friedenstauben und Falken bis hin zum Elefanten und rosaroten Panther - und speziell für den Frühlingsmarkt natürlich Ostereier und -hasen, Schneeglöckchen und andere bunte Blumen.

Der Laden bietet sich für eine Zeitreise an und deshalb verwundert es nicht, dass drei Generationen an dem Projekt beteiligt sind. Fritz Rainer Götz ist ganz in seinem Element, wenn er durch den Laden, das Lager und vor allem durch die mechanische Werkstatt seines Vaters führt. Beim Frühlingsmarkt heute und am morgigen Samstag stellt er das alte Handwerk des Kupferschmiedens vor. Längst in Vergessenheit geratene Gegenstände erzählen Geschichten aus einer Zeit ohne Elektrizität und Wasserleitung, die gar nicht mal so lange her ist. Mit der Wasserstütz holten die Frauen einst das kühle Nass aus dem Brunnen zum Kochen und Waschen nach Hause, das sie auf dem Kopf transportierten. Deshalb gehört auch das „Beischdle“ dazu, der gepolsterte Ring, der zwischen Kopf und Last den Frauen als Schutz und Federung diente. Und die Werkstatt hat ihren ganz eigenen Sound, wenn die Riemen der Transmission laufen und so Bohrer, Hammer und Schneidwerkzeug in Gang setzen.

Die alten Backformen dienen nicht nur Dekozwecken, in ihnen wird Kuchen für die Kunden gebacken. Mit von der Partie sind auch die Zauner-Söhne. Während Aaron für Nachschub auf der Kuchentheke sorgt, ist Orell in seinem Element, wenn er mit Großvater Rolf Idler und Fritz Rainer Götz die Spielzeug-Dampfmaschinen in Betrieb nimmt. Außerdem werden weitere Familienmitglieder eingespannt: Fridolin und Bodo. Die beiden Meerschweinchen stehen Modell bei den Kinder-Filzkursen, die samstags zur Marktzeit geplant sind.

Beim Frühlingsmarkt wird auch die Ideen-Schmiede eröffnet, denn der Laden öffnet bis Ende Mai seine Türen. „Wir wollen gegen den Trend arbeiten. Immer mehr Geschäfte schließen, und irgendwann haben wir dann nur noch Handyläden und Wettbüros“, sagt Sonia Zauner. Das ganze Jahr über kann sie jedoch nicht öffnen. „Das ist der Nachteil der Handwerker: irgendwann müssen sie produzieren und brauchen ihre Werkstatt“, begründet sie die Verkaufsintervalle im Frühjahr und Herbst.

Frühlingsmarkt

Heute und morgen, jeweils von 9.30 bis 18 Uhr, findet der Frühlingsmarkt in der Ideen-Schmiede statt. Mit von der Partei sind auch Elke Maisch, Ostereier, Isabell Kiefhaber, Schmuck aus Gießharz, Silke Schach, aufgehübschte Kinder-Shirts, Nicole Fritz, Papier, Gudrun Hekler, Säfte und andere heimische Leckereien, sowie Thip Helmle, gehäkelte Tiere.

Der Laden hat bis 20. Mai geöffnet: donnerstags bis freitags von 9.30 bis 12.30 Uhr und von 14.30 bis 18 Uhr sowie samstags von 9.30 bis 13 Uhr. ih

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