Kirchheimer Umland

„Co-Working“ im alten Klassenzimmer

Arbeitswelt In der Grundschule Jesingen gründet der Kirchheimer Unternehmer Steffen Kernstock eine offene Bürogemeinschaft und setzt auf Zusammenarbeit. Von Thomas Zapp

Steffen Kernstock (rechts) ist selbst Teil des von ihm gegründeten „Co-Working-Space“ in der ehemaligen Grundschule. Foto: Carst
Steffen Kernstock (rechts) ist selbst Teil des von ihm gegründeten „Co-Working-Space“ in der ehemaligen Grundschule. Foto: Carsten Riedl

Die hohen Decken und Fenster im Altbau der ehemaligen Grundschule Jesingen verströmen noch die Atmosphäre des Frontalunterrichts im altbackenen Klassenzimmer. Aber PCs auf den Schreibtischen, ein Kaffeevollautomat und vor allem Steffen Kernstock persönlich stehen für die moderne Arbeitswelt. Wo früher Kinder auf Tafeln starrten, wird am 16. November ein neuer „Co-Working-Space“ eingeweiht, mit „Fix Desks“, „Flex Desks“ und vor allem viel „Community“. Nach Auskunft des Machers Steffen Kernstock wird es der erste „Co-Working-Space“ dieser Art in Kirchheim sein. Deshalb will ihm zur Eröffnung auch Kirchheims Bürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker einen Besuch abstatten.

Was das alles genau bedeutet, erklärt der selbstständige Herausgeber von Wissenschaftsliteratur gerne. Kernstock ist überzeugt von der Idee des gemeinschaftlichen Arbeitens in flexiblen Strukturen. In seinem „Comeet“ genannten Büro können sich Interessierte tage-, wochen- oder monatsweise einmieten. Mit einem „Fix Desk“ mieten sie einen ganz bestimmten Schreibtisch an, in dem sie auch ihre Sachen einschließen können. Beim günstigeren „Flex Desk“ „wandern“ sie je nach Platzangebot zu einem freien Schreibtisch. Ob jemand eine „Kaffee- und Getränke-Flatrate“ oder eher das Sekretariat in Anspruch nimmt, liegt an jedem selbst.

Die Psychotherapeutin Stephania Laih nutzt den „Co-Working-Raum“ bereits, um Broschüren für ihre Seminare zu erstellen. „Für mich ist das optimal, ich muss nicht die ganze Technik haben oder mir die Programme besorgen, ich kann meine Ideen hier sofort umsetzen“, sagt sie. Laih sitzt an einem Mac-Computer, der zum „Co-Working-Space“ gehört. Sie gehört zu denjenigen, die den Schreibtischarbeitsplatz immer nur eine begrenzte Zeit benötigt. Bei Fragen kann sie zudem ihre Nachbarin Claudia Reisert fragen. Die Künstlerin und Grafikerin kennt sich mit den entsprechenden Programmen aus. „Niederschwelligen Austausch“ nennt Steffen Kornstock das und setzt dabei auf den Gemeinsinn der „Co-Working-Partner“. Ab einem gewissen Maß an Hilfe werden auch „Co- Worker“ am benachbarten Schreibtisch bezahlt.

Der studierte Diplom-Ingenieur Kernstock hat investiert: Es gibt einen Leuchttisch, einen 3-D-Drucker, eine moderne Telefonanlage und sogar einen eigenen Server für die „Cloud“. „Ich habe mir viele Gedanken gemacht, was mögliche Mitglieder eines ‘Co-Working-Spaces‘ brauchen könnten“, sagt er. Daneben wird es einen Konferenzraum geben, mit Flipcharts, Beamer und Rednerpult.

Grundsätzlich gibt es mehr oder weniger geeignete Berufsbilder. Wer viel telefonieren muss, ist sicher in einem geschlossenen Büro besser aufgehoben. Auch das hat Kernstock im Angebot. Beim „Co-worken“ kommt es nicht nur auf die äußeren Bedingungen an, die Teilnehmer müssen auch eine bestimmte Haltung mitbringen. Die fünf Grundprinzipien lauten Offenheit, Kollaboration, Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und Zugänglichkeit.

Wer all das mitbringt, ist bei Steffen Kernstock richtig. Insgesamt 20 Plätze will der Unternehmer schaffen. Therapeuten, Handwerker, Start-ups, Gründer oder Firmen, die kurzfristig mehr Büroarbeitsplätze brauchen: An all die hat er gedacht und setzt dabei wieder auf den Gemeinschaftssinn. „Wenn ein großer Betrieb freiwillig mehr zahlt, kommt das Geld auf ein Konto und kann jungen Start-ups zugute kommen“, sagt er.

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