Kirchheimer Umland

Die Pop-Messias-Show

Händels Messias als Pop-Variante in der Martinskirche – Gottesdienst mit Show-Charakter

Kirchheim. Um es gleich vorwegzunehmen: Meilensteine der klassischen Musikgeschichte in ein Pop-Gewand zu kleiden, nehmen dem Original seine eigentliche Identität.

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Was daraus wird, ist vor allem Pop. Das muss nicht schlecht sein. Und war es auch bei Weitem nicht, als „musikplus“, der LAKI-Popchor und ein Projektchor unter der Leitung von Hans-Martin Sauter die bereits zur Tradition gewordene Version des Pop-Messias in der Martinskirche aufführten. Ganz im Gegenteil: Die Musikdarbietung war ein Musterbeispiel einer hoch professionellen und durchdachten Aufführung von A bis Z, bei der keine Regung, kein Handgriff dem Zufall überlassen wurde. Das beeindruckt. Die im besten Sinne des Wortes gebotene Show reichte von der höllisch flackernden Lichtuntermalung der „Flammen“-Arie über die im Schatten gesenkten Chorhäupter beim „Seht an das Gotteslamm“ bis hin zu den wohl gesetzten Zwischenlesungen von Jugend-Pfarrer Gottfried Heinzmann. Auch die mit dem Publikum gemeinsam gesungenen Lieder waren beneidenswert durchinszeniert.

Apropos: War es nun ein Konzert? Ein Gottesdienst? Wohl eher Letzteres, wenn auch durchaus bei stolzem Eintritt. Der Messias ist auch ein Werk mit theologischen Ausrufungszeichen, und wenn man ihn popularmusikalisch aufbereitet, dann bitte genauso, wie Hans-Joachim Eißler dies auf der Grundlage der Vorarbeiten von Helmut Jost und anderen getan hat: Ohne allzu hemmenden Respekt vor den seit Jahrhunderten zum Allgemeingut gewordenen Klängen des „I know that my Redeemer liveth“ oder dem „Hallelujah“ – dessen Tonfolge bekanntlich mittlerweile sogar als Werbe-Jingle herhalten muss – und ohne Alibi-Zitate, mit denen sich gelegentlich Pop-Arrangeure für ihr Handeln zu rechtfertigen glauben. Ja, warum dann überhaupt eine Bearbeitung? Die Antwort lag in den Zwischentexten Gottfried Heinzmanns: Händels „Messiah“ ist klanggewordenes Evangelium und keinesfalls nur für klassisch geübte Ohren interessant. Insofern ist jeder Vergleich mit dem Vorbild müßig. Es sei denn, es drängen sich tatsächlich inhaltliche Fragen auf. Wie etwa beim harmlosen Glockenspiel-Geklingel des „Volks, das im Finstern wandelt“, mit dem Händels ursprüngliche Wechselton-Ödnis ins Groteske verwandelt wird. Absicht? So wie der sich daran anschließende, peitschende Funk-Beat als stampfendes Sinnbild der Finsternis?

Auch die Tatsache, dass der für Händels „Messiah“ so sinnstiftende Schlussteil in der Pop-Version wegfällt und stattdessen mit einem „Hallelujah“ endet, dem dann doch die Scheu vor einer allzu großen Entfernung vom Folklore-Original anzumerken ist, wäre eine sicher fruchtbare Diskussionsgrundlage.

Popmusik ist Show, muss es sein. Mezzo Katja Zimmermann zeigte in treffsicherer Weise, wie faszinierendes Können mit einer angemessenen Darstellung kombiniert werden kann. Ihre natürliche Ausstrahlung ließ niemanden unbeteiligt und bewegte sich stets in einer miterlebenden Rolle, die man ihr unbedingt abnahm, vor allem und besonders während musikalisch sehr zurückgenommener Momente. Dagegen wirkte Viktor Derksens betont weinerliches „Er ist dahin aus dem Lande des Lebens“ ein wenig zu viel des Unguten. Zumal gerade diese Nummer als musikalischer Stillstand in einem durch und durch bewegenden Ablauf von aktionsreichen Betrachtungen des Lebens Jesu konstruiert ist.

Dreh- und Angelpunkt der landeskirchlichen Popszene ist sicherlich Hans-Martin Sauter, der mit unermüdlicher Leidenschaft der Kirchenmusik in Württemberg ein frisches, lächelndes Gepränge verliehen hat. Unglaublich, wie traumwandlerisch er zwischen den Rollen als konzentrierter Chorleiter, sensibler Oboist und einladender Publikumsanimateur wechselte, was sicher auch Bandleader Hans-Joachim Eißler geschuldet war, der hinten unbemerkt, aber umso wirkungsvoller, die Abwehrreihen zusammenhielt.

Fruchtbar auch die originelle Idee, dem professionellen Kernteam von Ort zu Ort immer auch ein Projektchor von Popbegeisterten zur Seite zu stellen, was der Motivation, Popularmusik im Ländle zu qualifizieren, sicher mehr als förderlich ist. Hier wäre vielleicht nur etwas dafür Sorge zu tragen, dass die lediglich mit zwei Mikrofonen verstärkte Projektchor-Flanke nicht in die Gefahr der bloßen Statisten-Funktion einer vom blitzblanken LAKI-Popchor dominierten Aufführung hineinrutscht.

Über den Pop-Messias wird kontrovers diskutiert. Allein deshalb brauchen wir ihn. Und viele andere unkonventionelle Umgangsweisen mit „Alten Zöpfen.“