Kirchheimer Umland

Eine kleine Nacht-Kritik

Mit der Abenddämmerung beginnt sie, und zwar genau heute, am 30. Dezember – auch wenn sich dessen kaum einer bewusst ist, der ihren Namen im Jahr 2016 so häufig falsch benutzt hat. Wer beginnt? Die „Silvesternacht“. Richtig gelesen.

Die Nacht des Jahreswechsels fängt zwar erst morgen an – an dem Tag, den wir „Silvester“ nennen. Aber dann ist längst nicht mehr Silvesternacht, sondern bereits Neujahrsnacht.

Was früher gang und gäbe war, ist heute leider in sprachliche Vergessenheit geraten: Es gibt kaum noch Tage, die im allgemeinen Sprachgebrauch nach dem Heiligen benannt werden, dem sie zugeordnet sind. Der wichtigste und bekannteste dieser Tage, der sich in unsere Zeit hinübergerettet hat, ist mit Sicherheit „Silvester“. Allerdings denkt bei diesem Namen kaum noch jemand an den dazugehörigen Heiligen, Papst Silvester I., der am 31. Dezember 335 gestorben ist. „Silvester“ ist längst zum Synonym geworden für Jahresende, Feuerwerk, Sekt, Festessen und Glückssymbole aller Art.

Ein anderer bekannter Tag, der nach einem Heiligen benannt ist, ist der Nikolaustag am 6. Dezember. Den kennt wirklich jedes Kind. Aber das liegt wohl eher an der Kommerzialisierung – am Gabensack und an den gefüllten Stiefeln vor der Tür.

Und was ist mit den Nächten? Da fällt den meisten die Walpurgisnacht ein, die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai. Von vielen wird diese Nacht falsch verstanden – als eine Nacht, in der man scheinbar ungestraft Schabernack treiben darf. Aber das ist ein anderes Problem. Entscheidend ist hier das Datum. Es ist die Nacht auf den 1. Mai. Und der 1. Mai ist der Tag der Walpurgis. Die Nacht geht also dem Tag voraus, nach alttestamentarischer Tradition, die sich bis heute im Judentum bewahrt findet.

Gleiches gilt für die unrühmliche „Bartholomäusnacht“: In der Nacht vom 23. auf den 24. August 1572 wurden in Paris Tausende Hugenotten niedergemetzelt. Es war – richtig geraten – die Nacht vor dem Bartholomäustag, der am 24. August begangen wird.

Zwar sind die Ereignisse, die sich vergangenes Jahr in Köln und andernorts zugetragen haben, auch nicht unbedingt rühmlich zu nennen. Aber es bleibt festzuhalten: Weil es die Nacht des Jahreswechsels war, hat es sich mitnichten um die Silvesternacht gehandelt, sondern um die Neujahrsnacht – die Nacht von Silvester auf Neujahr eben.

Trotzdem wird es sich sprachlich kaum mehr ändern lassen: Die Ereignisse von Köln bleiben wohl mit der „Silvesternacht“ verbunden. Schade für die wirkliche Silvesternacht, denn die war noch friedlich verlaufen.

Randnotiz Andreas Volz zum Begriff „Silvesternacht“