Kirchheimer Umland

Es fehlt am Quartier im Quartier

Sorgen und Nöte der Kirchheimer Nachbarschaftsinitiativen

In Kirchheim gibt es in verschiedenen Quartieren erfolgreiche Nachbarschaftsnetzwerke. Das Institut für angewandte Sozialwissenschaften Stuttgart (IfaS) an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg hat nun eine Evaluation der Kirchheimer Nachbarschaftsinitiativen vorgelegt. Ergebnis: Es besteht der Wunsch nach hauptamtlicher Hilfe, vor allem aber nach eigenen Räumlichkeiten im Quartier.

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Andreas Volz

Kirchheim. Nachdem Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker die Kirchheimer Nachbarschaftsnetzwerke als „Juwele in unserer Stadt“ bezeichnet hatte, ging Iren Steiner vom IfaS im Finanz- und Verwaltungsausschuss auf einzelne Ergebnisse der Evaluation ein. Demnach sei es keinesfalls selbstverständlich, „dass es so etwas länger als zehn Jahre gibt“. So gesehen sind die Netzwerke „Klosterviertel“ und „Dettinger Weg“ bereits jetzt ein außergewöhnlicher Erfolg, weil sie beide 2004 gegründet wurden und somit tatsächlich schon seit über zehn Jahren aktiv sind. Fünf Jahre später, 2009, entstanden die Initiativen „Paradiesle“ und „Obere Vorstadt“, gefolgt vom Schafhof im Jahr 2011 und von „wir-Rauner“ 2012.

Als Besonderheit im Dettinger Weg sowie im Rauner nannte Iren Steiner die Tatsache, dass es sich dort um einen „Mix aus Hauptamtlichkeit und Freiwilligkeit“ handelt. Trotzdem gelte für diese beiden Initiativen wie für alle anderen auch, dass es nur einen relativ kleinen Kreis von aktiv Handelnden gibt, der aus maximal zehn Personen besteht. Fünf der sechs Netzwerke seien bis heute „stabile Organisationen“, von der „Oberen Vorstadt“ als Ausnahme abgesehen. Das Quartiersprojekt im Rauner stellt ebenfalls eine Ausnahme dar – aber eine, deren Beteiligte sich glücklich schätzen können: Sie verfügen in der Eichendorffstraße 73 über ihren eigenen, festen Treffpunkt. Bei den anderen Initiativen sprach Iren Steiner deutlich und als „Problematik“ an, dass sie „angewiesen sind auf die Nutzung öffentlicher Räume“. Es fehlt den Netzwerken also überwiegend am Quartier im Quartier.

Die Ziele der Netzwerke bestehen darin, Angebote zur Begegnung und Kommunikation zu schaffen, die Infrastruktur zu entwickeln und feste Gruppen zu etablieren, für Kinder und Jugendliche ebenso wie für Senioren. Das alles soll dazu beitragen, die Lebensqualität im Quartier zu erhalten oder gar zu erhöhen. Und in diesem Zusammenhang setzen sich die Initiativen häufig auch für Themen wie die Verkehrsberuhigung ein.

„Lebendige Nachbarschaft“ – darunter verstehen die Befragten ein „allgemeines, herzliches Miteinander“. Das bedeutet, dass man sich grüßt, dass man kurz miteinander spricht, sich gegenseitig hilft und jeweils mit anpackt, wo es nötig ist. Diese Art der Nachbarschaft müsse man regelmäßig pflegen, wobei trotzdem immer die Devise gelte: „Man sollte sich für die Nachbarn interessieren, ohne aufdringlich zu sein.“

Schwierigkeiten sehen die „Motoren“ der Netzwerke bei der Weiterentwicklung, dass sich die Initiative „am Leben erhält“. Sie wünschen sich eine bessere Außenwirkung und erkennen zudem, dass es nicht nur darum geht, Bewährtes fortzusetzen, sondern auch darum, immer wieder Neues zu entwickeln. Beklagt wird außer dem fehlenden Nachwuchs das häufige „Einzelkämpfertum“, womit eine Überforderung einhergehen kann: „Zu viele Aufgaben lasten auf zu wenigen Schultern.“

Unter anderem deshalb lautet eine Empfehlung des IfaS, sich bei Projekten wie Hausaufgabenhilfe, Einkaufshilfen oder Grabpflegediensten auch besser untereinander zu vernetzen – nicht dass jede Initiative hier immer wieder das Rad neu erfindet und für sich allein vor sich hin „wurschtelt“. Ein konkreter Ratschlag ist somit die Schaffung einer Koordinierungsstelle bei der Stadt.

Angesichts der aktuellen Finanzlage der Stadt Kirchheim zeigten sich die Ausschussmitglieder aber sehr skeptisch, ob dafür genügend Geld vorhanden ist. Mehr Verständnis als für die neue Stelle zeigten sie noch für Räumlichkeiten, aber auch die seien kaum zu finanzieren. Wie es weitergeht, wird sich noch zeigen. Zunächst einmal hat der Ausschuss nur Kenntnis von den Empfehlungen genommen – auch von möglichen Zuschüssen für eine Koordinierungsstelle.