Kirchheimer Umland

Für die „kurze Auszeit“ kommt das Aus

Neustart Nach elf Jahren schließt Nalan Tasci-Feldhoff Anfang April das „Streetsmocca“ in Kirchheim, um sich voll und ganz ihrem zweiten Standbein widmen zu können: der „Mobilen Kaffeebar“. Von Andreas Volz

Ein Bild, wie man es bald nicht mehr zu sehen bekommt: Nalan Tasci-Feldhoff als Herrin des „Streetsmocca“ in Kirchheim. Foto: Ca
Ein Bild, wie man es bald nicht mehr zu sehen bekommt: Nalan Tasci-Feldhoff als Herrin des „Streetsmocca“ in Kirchheim. Foto: Carsten Riedl

Für viele ist es die Katastrophe schlechthin: „Nalan hört auf!“ Der Satz zeigt, worum es geht: um Persönliches, um Vertrautheit, um ein Stück Heimat. Und dabei stimmt es noch nicht einmal: Nalan Tasci-Feldhoff hört überhaupt nicht auf, sie macht nur etwas anderes. Sie schließt das „Streetsmocca“ in der Lammstraße, um ihren „Mokka“ in ganz anderer Weise auf die „Straße“ zu bringen, nicht nur in Kirchheim. Sie will sich auf ihre „Mobile Kaffeebar“ konzentrieren - im umgebauten Wohnwagen.

Schon seit elf Jahren ist das „Streetsmocca“ eine Anlaufstelle für Menschen, die sich eine „kurze Auszeit“ vom Alltag nehmen - beim namengebenden Kaffee, aber auch bei „more than coffee“, also bei Kuchen oder bei den mittäglichen Nudeln. Das alles wird fehlen, wenn ab 2. April die Eingangstür geschlossen bleibt.

Im „Streetsmocca“ trifft sich alles: Jung und Alt. Schüler finden sich genauso ein wie ihre Lehrer. Und alle sind gleichermaßen getroffen von Nalans Plänen, die Sesshaftigkeit aufzugeben und künftig auf das Kaffee-Nomadentum zu setzen. „Ein älterer Kunde hat schon gesagt, das kann ich ihm nicht antun“, erzählt Nalan Tasci-Feldhoff. Auch die Schüler hätten gefragt, ob sie nicht warten könne, bis sie mit der Schule fertig sind.

„Ich denke, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um was Neues zu machen“, sagt die „Kaffeetante“, und man nimmt es ihr ab, dass sie sich auf die neue Aufgabe freut. „Den Wohnwagen habe ich ja extra umgebaut, nicht nur fürs Sommernachtskino, sondern auch für viele andere Veranstaltungen.“ Ihr Einsatzgebiet ist groß: Bei Streetfood-Festivals ist ihr Wagen ebenso gefragt wie bei Hochzeiten.

Letzteres ist vielleicht das richtige Stichwort, denn auf zwei Hochzeiten gleichzeitig lässt sich nicht tanzen. Das gilt auch für die Arbeit rund um den Kaffee: Tagsüber „Streetsmocca“ und abends oder an Wochenenden auf Festivals unterwegs - beides zusammen geht nicht. „Ich musste mich entscheiden. Irgendwie brauche ich alle paar Jahre was Neues, und es macht mir richtig Spaß, mit dem Wohnwagen unterwegs zu sein.“

Bei aller Vorfreude auf das Neue gibt es neben dem lachenden Au­ge auch das weinende: „Es fällt mir natürlich schwer, hier aufzuhören. Das ,Streetsmocca‘ ist mein Baby, das ich hier aufgebaut habe.“ Nalan Tasci-Feldhoff weiß aber auch, dass das Café mit ihrer Person verbunden ist: „Natürlich könnte ich jemanden anstellen, aber dann ist es nicht mehr dasselbe.“ Zwischen ihr und ihren Stammgästen sind ja über die ­Jahre hinweg auch enge Freundschaften entstanden. Das reicht von Einladungen zur Hochzeit bis zum gemeinsamen Urlaub. Noch so ein Stichwort: Vom neuen Geschäftsmodell erhofft sich die „Kaffeetante“, dass es zwischendurch auch ruhigere Phasen gibt - im Januar oder im Februar. Dann sind die Weihnachtsmärkte vorbei, und die neue Saison beginnt erst wieder im Frühling. Das wäre also die ideale Zeit, um selbst einmal Urlaub zu machen.

Über Weihnachten hat sich Nalan Tasci-Feldhoff jetzt schon mal ein bisschen zurückgezogen und in ihrem Gästebuch geblättert, für das sie ihre Stammgäste um „Abschiedsgrüße“ bittet. Die Einträge sind rundweg positiv: „Eine Stunde Erholung am Tag“, heißt es da, aber auch „Dein Café bedeutet die Welt“. Ein anderer Eintrag verweist auf das „Extra“, für das die „Wirtin“ in der Lammstraße steht: „Wo können wir in Zukunft ganz ungeniert unsere kleineren und größeren Probleme besprechen? Es wird schwierig werden!“ Manche Gäste bemühen gar die Philosophie und zitieren Heraklit: „Die einzige Konstante ist die Veränderung.“

Nalan Tasci-Feldhoff selbst meint dazu redensartlich: „Wenn‘s am schönsten ist, soll man aufhören.“ Ans letzte Abschließen möchte sie aber lieber nicht denken. Stattdessen übt sie sich in Zweckoptimismus: „Ich habe ja noch zwei Monate vor mir.“ Als Konstante bleibt sie den Kirchheimern aber immerhin samt Wohnwagen beim Sommernachtskino erhalten - mit „Kaffee und mehr“.

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