Kirchheimer Umland

Harsche Kritik am Waldhorn-Abriss

Baugeschichte Das historische Fachwerkensemble am Marktplatz ist für den ehemaligen Museumsleiter Rainer Laskowski unwiederbringlich zerstört. Möglicherweise wurde hier „geschludert“. Von Andrea Barner

Mit dem Abriss des Waldhorns wurde eine Wunde in das stadtbildprägende Ensemble gerissen.Foto: Jörg Bächle
Mit dem Abriss des Waldhorns wurde eine Wunde in das stadtbildprägende Ensemble gerissen. Foto: Jörg Bächle

Rainer Laskowski ist irgendwie sauer. Die Sache mit dem Waldhorn passt ihm gar nicht. Das Gebäude am westlichen Ende des Marktplatzes wurde vor allem aus Gründen der Statik für baufällig erklärt. „Da kann man ja gleich ganz Kirchheim abreißen“, regt sich der 69-Jährige auf und fürchtet um das Gesamtbild der Stadt: „Kirchheim verliert allmählich sein Alleinstellungsmerkmal, das historische Fachwerkensemble, es weicht der Moderne.“

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Der Kirchheimer Spitalkeller ist bei Laskows­kis Vortrag fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Den Menschen, die seinen Ausführungen gebannt lauschen, liegt ihr Kirchheim am Herzen. Es ist schon eine lieb gewonnene Tradition: Jedes Jahr im Januar blickt der langjährige Leiter der Archäologie-AG auf die letzten zwölf Monate zurück und erläutert lebhaft, was beim Graben und Erforschen historischer Stätten auf und unter der Kirchheimer Erde zutage kam.

Rainer Laskowski ist viel mehr als ein Hobby-Archäologe. Er ist ehrenamtlich Beauftragter des Landesdenkmalamts. In dieser Eigenschaft darf er hochoffiziell Ruinen durchstöbern und unter altem Gemäuer graben. Auch das in der Öffentlichkeit viel diskutierte Waldhorn hat er mit seinen Mitstreitern inspiziert, fotografiert und im Keller aufgebuddelt. „Also ich kann wirklich verstehen, dass der Investor modernisieren und ein wirtschaftlich funktionierendes Raumkonzept haben will“, bemerkt der Historiker verständnisvoll. Aber gleich bis auf die Grundmauern abreißen?

Das war ursprünglich auch nicht im Sinn des Investors Robert Ruthenberg. Aus dem angedachten Finanzierungsmodell mit neuen Räumen hinter alter Fassade zog sich das Landesdenkmalamt zurück, weil das Haus als baufällig begutachtet wurde. „Dabei sehen die Hölzer gar nicht so marode aus“, kritisiert Laskowski die Denkmalschützer und ihren Rückzieher bei möglichen Zuschüssen. Auch die Haltung der Stadtverwaltung erscheint ihm unverständlich: „Die Oberbürgermeisterin sprach sich ganz klar gegen ein reines Zierfachwerk aus.“

Das mittlerweile komplett abgerissene Waldhorn-Gebäude war eines der ältesten in der Kirchheimer Innenstadt. Es entstand ungefähr um 1692, also nach dem großen Stadtbrand. An gleicher Stelle stand sogar schon ein früheres Haus, worauf der von der Archäologie-AG dokumentierte Gewölbekeller eindeutig hinweist. Dessen besondere Machart aus Angulatensandstein deutet auf das 14. Jahrhundert hin, und die Überreste zeigen gut sichtbare Spuren von gewaltiger Hitze, die wahrscheinlich vom Stadtbrand herrühren.

Wie schon in 25 weiteren Kellern in Kirchheim haben die Forscher auch eingegrabene Töpfe entdeckt, was auf eine Zeit nach der Reformation verweist. Damals pflegten die Leute Nachgeburten in Keramikgefäßen im Keller zu vergraben. Der Waldhorn-Keller bestand aus mehreren Teilen. Das ganz große Gewölbe diente vermutlich der Aufbewahrung von Weinfässern, ein kleinerer Raum war wohl für Vorräte der Hausfrau. Es gab einen Treppenaufgang zum Marktplatz hin, der später verschlossen wurde. Das Gebäude war ursprünglich ein Handwerkerhaus - vermutlich hatte dort ein Glaser oder ein Schuster seine Werkstatt. Erst ab 1895 gab es dort eine Gastwirtschaft.

„Blutige Anfänger“ tituliert Rainer Laskowski die Statiker, die das Gebäude als so instabil eingestuft haben, dass es zum Abriss freigegeben wurde. Und nicht nur das: Erst beim Ausbaggern kam die Baufirma auf die glorreiche Erkenntnis, dass das eng danebenliegende Gebäude wegrutschen könnte, wenn erst mal Keller und Fundamente des Waldhorn entfernt sind. Zur Sicherung des Hotels wurde der Bauschutt erst mal wieder in die Grube reingeschüttet, als Erste-Hilfe-Maßnahme sozusagen. Laskowski nennt das „Dilettantismus“.

Die Archäologie-AG Kirchheim hat auf dem Waldhorn-Areal jeden Stein umgedreht, um das Gebäude für die Nachwelt zu dokumentieren. Fest steht: Die radikale Beseitigung hat ins stadtbildprägende Fachwerkensemble eine gewaltige Wunde gerissen. Rainer Laskowski befürchtet, dass weitere „Paukenschläge“ folgen werden: Wohnblocks gegenüber vom Schloss auf den Lauterterrassen, Wohnbebauung auf dem „Linde“-Areal. Auch dieses Gebäude, so Laskowski, wurde für baufällig erklärt. Der Archäologe fordert auf: „Fragen Sie als Bürger mal nach den Plänen!“