Kirchheimer Umland

Hobby-Winzer mit Hang zum Wandern

Jubiläum Ruth und Walter Haller aus Schlierbach feiern morgen das Fest der diamantenen Hochzeit.

Walter und Ruth Haller sind seit 60 Jahren verheiratet. Foto: Jean-Luc Jacques
Walter und Ruth Haller sind seit 60 Jahren verheiratet. Foto: Jean-Luc Jacques

Schlierbach. Die Liste für die nächste Veranstaltung der Schlierbacher Albvereinssenioren ist gerade weggeräumt. Zwei Tage vor der Wanderung in den Löwen nach Ohmden gibt es An- und Abmeldungen, und die wollen in der Liste eingetragen sein, schließlich muss das Ehepaar Haller wissen, wieviel Plätze in Bus und Wirtschaft reserviert werden sollen. „Es gibt Langläufer, Kurzläufer und Wirtschaftsläufer“, verrät Ruth Haller, denn Letztere sind nicht mehr so gut zu Fuß und genießen die Geselligkeit im Wirtshaus. Auch das Jahresprogramm haben die beiden Organisatoren schon lange zusammengestellt, die Gaststätten müssen schließlich langfristig gebucht werden. Fast 70 Jahre ist Walter Haller Mitglied im Albverein, seine Frau Ruth noch nicht so lange, sie war im Sportverein aktiv. 20 Jahre hat sie das Kinderturnen geleitet, dann 20 Jahre die Senioren in Schwung gehalten.

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Morgen feiert das Paar das Fest der diamantenen Hochzeit. Geboren wurde Ruth 1935 direkt neben dem Widerholtplatz in Kirchheim. „Heute ist dort der Anbau des Rathauses“, verrät die Jubilarin, deren Schwester Lore Maier lange Jahre Stadträtin in Kirchheim war. Nach der Heirat vor 60 Jahren zog Ruth Haller in ein denkmalgeschütztes Gebäude. „Es ist eines der ältesten Häuser in Schlierbach. Man geht von 1536 aus - dank eines angebohrten Balkens. Fachleute vermuten, dass es ein Beginenhaus war“, erzählt Walter Haller, der dort 1930 geboren wurde.

Der Krieg hat die Kindheit und Jugend der Eheleute geprägt. Bei Bombenangriffen suchte Ruth Hallers Familie Schutz im Keller des benachbarten Dekanats. Walter Hallers Volksschulzeit hat sich um ein halbes Jahr verkürzt. Die ganze Klasse wurde im Herbst 1944 in den Kriegseinsatz geschickt. „Ich war bei einem Bauern in Schlierbach, andere arbeiteten in der Fabrik oder im Haushalt“, erinnert sich der rüstige Jubilar. Seine Erlebnisse beim Einmarsch der Amerikaner am 20. April 1945 in Schlierbach sind im Buch „Das Kriegsende im Landkreis Göppingen“ nachzulesen. Am 1. April 1946 sollte eine große Konstante ihren Lauf nehmen: Walter Haller begann eine Schriftsetzerlehre beim Teckboten. Bis zu seiner Rente 1993 blieb er dem Verlag treu, ab 1978 arbeitete er in der Korrektur - und als Rentner weiterhin regelmäßig sonntags in der Sportredaktion.

Ruth Haller half bis zu ihrer Heirat im elterlichen Betrieb. „Wir hatten eine Heißmangel und Wäscherei“, erzählt sie. Zu ihren Aufgaben gehörte auch, das „Leiterwägele“ die steile Plochinger Steige hinaufzuziehen, denn die Lungenheilanstalt im Hohenreisach gehörte zur Kundschaft.

Kennengelernt haben sich die beiden bei einem Fest des Teckboten im Ochsen in Jesingen. „Ich war als Tänzerin vom Trachtenverein dort“, verrät Ruth Haller. Geheiratet haben sie in der Kirchheimer Martinskirche. Drei Söhne und eine Tochter hat das Paar.

Nicht nur beim Albverein war und ist Walter Haller aktiv. „Zehn Jahre habe ich Klarinette beim Musikverein gespielt. 20 Jahre war ich Schriftführer beim TSV - und 20 Jahre Gemeinderat bei der FUW“, erzählt der Jubilar. Bis vor wenigen Jahren standen regelmäßig Radtouren auf dem Programm. So radelte das Ehepaar beispielsweise zwei Mal von Passau nach Wien. Im Winter wurden die Langlaufski ausgepackt. Und dann hat Walter Haller noch eine besondere Freizeitbeschäftigung: Er ist Hobby-Winzer. Mehrere Rebstöcke zieren das Haus auf der Gartenseite. Die Ur-Rebe stammt aus Vorkriegszeiten, immer wieder hat er Pflanzen nachgezogen. Dieses Jahr wurde die Mühe mit 60 Liter dunkelrotem, vollmundigem Wein belohnt. „Zwei Tage sind wir dagesessen und haben die Beerle abgezupft - aber wir sind Rentner, wir haben ja Zeit“, sagt Ruth Haller mit Augenzwinkern. Die Trauben wurden ein paar Tage im Fässle angesetzt, dann gepresst und wieder ins Fässle zum Reifen gegeben.

Morgen Abend kommen die Kinder zum Vesper, ebenso die sechs Enkel und das zweijährige Urenkele. In der wärmeren Jahreszeit soll es dann mit dem Bus und der Familie ins Blaue gehen, möglicherweise ins Tannheimer Tal, dem langjährigen Urlaubsort der Hallers. Iris Häfner