Kirchheimer Umland

Indien, Ägypten . . . Erinnerungen bleiben wach

Kreativität Im dritten Teil von Iris Lemanczyks Schreibwerkstatt dreht sich alles um das Reise-Tagebuch

Foto: Iris Lemanczyk
Foto: Iris Lemanczyk

„Drum o Mensch, sei weise, pack die Koffer und verreise“, sagte einst der Dichter Wilhelm Busch. Er sagte allerdings nicht: Schreibe dabei ein Reisetagebuch. Aber ich plädiere trotzdem dafür. Ein Reisetagebuch hat Vorteile: Man kann es überall mitnehmen und fast überall schreiben. Ich erinnere mich an den Busbahnhof im indischen Udaipur. Der Bus sollte in zwei Stunden fahren. Also nutzte ich die Gelegenheit, setzte mich auf eine Bank und begann die Erlebnisse, Eindrücke und Peinlichkeiten der letzten beiden Tage aufzuschreiben. Tauchte in die Erinnerungen ab - und als ich wieder auftauchte, blickte ich in viele Gesichter. Eine Traube Interessierter hatte sich um mich gebildet, die mir beim Schreiben zusah. Als ich mit Schreiben fertig war, kam ich mit Zweien in ein interessantes Gespräch übers Schreiben. Wie viele Fotos machen Sie von Gebäuden und Orten, über die Sie nachher nichts mehr wissen? Im Reisetagebuch können Sie interessante Informationen dazu festhalten. Und Sie können ein Reisetagebuch gestalten: Eintrittskarten, Zugtickets, Wörter aus der fremden Sprache, Blüten. Apropos Blüten: In Ägypten, in Assuan wollten wir im Old Cataract Hotel absteigen. Ein altehrwürdiges Hotel direkt am Nil. Agatha Christie hat dort ihren Krimi „Tod auf dem Nil“ geschrieben. Vielleicht lag es daran, dass wir ziemlich abgerissen aussahen, vielleicht war der alte Teil des Hotels wirklich ausgebucht (der moderne interessierte uns nicht) - jedenfalls bekamen wir kein Zimmer, wurden aber auf die Terrasse zum Tee eingeladen. Der Herr, der uns den Tee servierte, sah meine Enttäuschung und schenkte mir eine rote Bougainvillea-Blüte. Diese erinnert mich heute noch an den wundervollen Nachmittag auf der Terrasse des Old Cataract mit Blick auf die Stromschnellen des Nils. Meine Reisetagebücher werden mich ins hohe Alter begleiten. Falls ich als betagte Seniorin nicht mehr reisen kann, dann lese ich meine Reisetagebücher mit all den Abenteuern, Begegnungen, Fettnäpfchen, Essens- und Landschaftsschilderungen, schaue mir dazu meine Fotos an - und gehe wieder auf Reisen. „Reisen - es lässt dich sprachlos, dann verwandelt es dich in einen Geschichtenerzähler“, schrieb Ibn Battuta, marokkanischer Gelehrter und Verfasser von Reiseberichten im 14. Jahrhundert. il


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