Kirchheimer Umland

Mamas Rezepte - Die Frauen der Catering-Gruppe Awafi kochen Köstlichkeiten aus der Heimat

Geschichte über Catering-Firma Awafi, bei der Flüchtlingsfrauen eine Beschäftigung finden in Küche der KW-Schule  kochen

Easwary Esri aus Sri Lanka. Foto: Carsten Riedl

Kirchheim. Ein Catering-Service ohne Räder ist ein bisschen wie ein Läufer ohne Beine: Scheint schwierig, funktioniert aber. Inmitten duftender Dampfschwaden ist bei den

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drei Frauen vom autolosen Caterer Awafi dafür einiges am Brodeln. „Ich mach‘ sie extra ein bisschen weniger scharf“, bemerkt Easwary Esri schmunzelnd, als sie ihre kleinen Bällchen aus Linsenmasse in die Pfanne legt. „Deutsche vertragen nicht so viel scharf.“

In der Heimat der Tamilin sind pikante Gerichte an der Tagesordnung, die meisten Deutschen müssten sich laut Esri einfach noch an den Geschmack Sri Lankas gewöhnen. „Meine deutsche Schwägerin isst jetzt auch gerne scharf“, sagt sie und legt noch ein Quarkbällchen der milderen Sorte ins spritzende Öl. Noch bis vor Kurzem sind die Köchinnen wie Nomaden durch die Küchen der Stadt gezogen. Das hat endlich ein Ende. Fortan dürfen sie fest in der Konrad-Widerholt-Schule kochen, ein großer Schritt in Richtung Normalität. Jetzt fehlt nur noch das besagte Auto.

In der Schulküche riecht es schon nach kurzer Zeit wie in einer Frittenbude, doch von Fast Food ist weit und breit keine Spur. Stattdessen brutzeln in Fritteusen an allen Ecken Köstlichkeiten aus dreierlei Ländern Afrikas und Asiens. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen aus Kamerun und dem Irak bereitet Easwary Esri einen Festschmaus vor, jede kocht etwas aus ihrem Land – irgendetwas Besonderes. Wo in der Welt sich die Speisekarte abspielt, hängt ganz davon ab, aus welchen Nationen die Frauen kommen. Nicht alle haben immer Zeit. Stück für Stück stapelt die Irakerin Walaa Shamoon Weinblätter in eine Schüssel, „Beignets de pain“ füllen das Backblech von Savannah Neyou aus Kamerun.

Alltäglich ist das in dem westafrikanischen Land nicht. Beignets de pain bestehen aus Brot, Milch und Käse. In ihrer Heimat sei das teuer, sagt Savannah Neyou. „So was machen wir nur für besondere Anlässe, für Partys und Hochzeiten.“ Auf den Teller bei ihrer Familie landeten normalerweise eher gewöhnliche Dinge: Fleisch und Tomatensoße zum Beispiel. Dinge, die es in Deutschland auch gibt. Inmitten der heimischen Gerüche bekommt die 34-Jährige ein bisschen Heimweh. „Zu Hause bleibt immer zu Hause“, sagt sie zögernd. Auch noch nach Jahren.

Alle drei Frauen sind schon lange hier. Easwary Esri lebt seit beinahe drei Jahrzehnten im Land. Als junge Tamilin hat sie Sri Lanka direkt nach ihrem Schulabschluss verlassen. „Eigentlich sollten alle Menschen gleich sein“, sagt sie. In Sri Lanka sei das nicht so. Als sie vor dreißig Jahren ging, herrschte ein Bürgerkrieg, der erst 2009 sein Ende fand. Als Teil der tamilischen Minderheit im Inselstaat sei ihre Chance auf einen guten Job gleich null, selbst mit einem Einserzeugnis hätte sie es nur schwerlich auf eine Universität geschafft.

„Meine Mutter hat immer gesagt, ich soll nicht kochen, ich soll lernen“, sagt die Tamilin. Sie hat keinerlei Erfahrung mit professioneller Küche. Walaa Shamoon und Savannah Neyou ebenso wenig. Wenn sie jetzt Gerichte für Hochzeiten und Betriebsfeste zaubern, bedienen sie sich am Erfahrungsschatz ihrer Mütter.

Das Resultat ist ein Mahl, wie es in der Heimat wirklich auf den Tisch kommt. Diese Authentizität macht, dass ihr Essen weit über die Stadtgrenzen Kirchheims hinaus gefragt ist. Die Anfragen kommen sogar aus der Landeshauptstadt. Für Renate Hirsch von der Bruderhausdiakonie, der „Mutter“ Awafis, läuft es bestens mit dem Catering-Service. Ein „Aushängeschild“ oder „Lobbyarbeit der leckersten Art“ nennt sie das Projekt. „Flüchtlinge sind halt nicht nur mitleidens- und unterstützenswert. Sie haben auch was zu bieten“, sagt Hirsch.

Von den Anfängen des Kochtrupps in einer Frauengruppe vor eineinhalb Jahren bis zum heutigen Tag in ihrer ersten, festen Küche hat sich viel getan. Doch die Ideen gehen nicht aus. Auf der To-do-Liste stehen: Ein Food-Truck mit mobiler Küche, ein Auto, und – wenn‘s ganz gut läuft – eine bessere Bezahlung für die Frauen. Im Moment bekommen sie nur den Einkauf rückerstattet und eine Aufwandsentschädigung. „Das klingt ein bisschen schäbig“, findet selbst Renate Hirsch. Unter dem Dach einer sozialen Einrichtung kann das Kochen bei Awafi keine Haupttätigkeit werden. Doch Hirsch will Awafi keinen Klotz ans Bein hängen: Falls sich das Projekt mal wirtschaftlich trägt, könne es auch auf eigenen Beinen stehen – und rollen lernen.

Geschichte über Catering-Firma Awafi, bei der Flüchtlingsfrauen eine Beschäftigung finden in Küche der KW-Schule kochen

Walaa Sharmoon aus dem Irak. Foto: Carsten Riedl

Geschichte über Catering-Firma Awafi, bei der Flüchtlingsfrauen eine Beschäftigung finden in Küche der KW-Schule

Geschichte über Catering-Firma Awafi, bei der Flüchtlingsfrauen eine Beschäftigung finden in Küche der KW-Schule.

Geschichte über Catering-Firma Awafi, bei der Flüchtlingsfrauen eine Beschäftigung finden in Küche der KW-Schule kochen
Geschichte über Catering-Firma Awafi, bei der Flüchtlingsfrauen eine Beschäftigung finden in Küche der KW-Schule kochen

Wie funktioniert der Catering-Dienst Awafi?

Der Träger:

Der Catering-Service Awafi gehört zur Kirchheimer Beratungsstelle für Flüchtlinge Chai, einem EU-Projekt, das unter dem Dach der Bruderhausdiakonie steht. Betreut wird die Frauengruppe von Tina Blum von der Bruderhausdiakonie. Sie koordiniert ehrenamtlich auch die Aufträge der Gruppe.

Die Küche:

Die Schulleiterin der Konrad-Widerholt-Förderschule hat Awafi die Schulküche frei zur Verfügung gestellt: "Es wäre schade, wenn sie nachmittags leer steht", sagt Susanne Schöllkopf. Wie oft der Catering-Service sie nutzt, hängt von der Auftragslage ab: manchmal mehrmals die Woche, manchmal nur einmal im Monat.

Die Frauen:

Walaa Shamoon, Easwary Esri und Savannah Neyou sind nicht die einzigen Frauen, die bei Awafi kochen. Trotzdem sind sie im Moment die „Stammgäste“. Weil es langfristig schwer planbar ist, wer tatsächlich kochen wird, gibt es im Moment noch keine Speisekarte. Der Auftrag wird mit Tina Blum abgesprochen. Die Kunden. Gekocht wird für alle möglichen feierlichen Anlässe: Hochzeiten, Geburtstage, Firmenfeiern – ganz egal.

Menschen, die selbst Interesse an dem Catering haben, können sich bei Tina Blum unter der Nummer 01 76/34 56 31 67 oder bei Renate Hirsch unter renate.hirsch@bruderhausdiakonie.de melden.

 

mona