Kirchheimer Umland

Schüler lassen sich nicht „lenken“

Die erste Kirchheimer Gemeinschaftsschule im Rauner startet wohl mit vier neuen Klassen

Die Raunerschule wird im kommenden Schuljahr Kirchheims erste Gemeinschaftsschule, und sie hat dafür schon einen gehörigen Vertrauensvorschuss erhalten: 91 Kinder sind für die neue fünfte Klasse im Rauner angemeldet. Das sind weitaus mehr als erwartet. Jetzt geht es darum, wie die Schule diesen Ansturm bewältigen kann.

Großen Zulauf hat die Raunerschule im kommenden Schuljahr als erste Kirchheimer Gemeinschaftsschule. Rektor Gerhard Klinger (das
Großen Zulauf hat die Raunerschule im kommenden Schuljahr als erste Kirchheimer Gemeinschaftsschule. Rektor Gerhard Klinger (das Bild zeigt ihn mitten im Unterricht) rechnet mit vier neuen fünften Klassen, mit jeweils 22 Schülern.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Es ist eigentlich ein einfaches Zahlenspiel. Aber die richtige Lösung zu finden, ist trotzdem nicht ganz leicht: An der Raunerschule stehen für die neuen Eingangsklassen der Gemeinschaftsschule vier Klassenzimmer zur Verfügung. Nach dem pädagogischen Konzept sollten drei davon als „richtige“ Klassenzimmer genutzt werden, für drei fünfte Klassen. Das vierte Zimmer wird dagegen zur Differenzierung benötigt, zum Ausweichen – für kleinere Gruppen, die zeitweise aus ihrem Klassenverband ausscheren.

Deshalb sollte es an der Raunerschule eigentlich auch nur drei neue fünfte Klassen geben. Weil aber die Höchstzahl bei 28 Schülern pro Klasse liegt, hätten nicht mehr als 84 Schüler angemeldet werden dürfen. Nun sind es aber 91 Anmeldungen. Es gibt also sieben Schüler „zu viel“.

Was tun? Eine Möglichkeit bestünde darin, sieben Schüler „wegzuschicken“ oder an eine andere Schule zu „lenken“. Das wäre kommunalpolitisch alles andere als optimal: Erst wird kräftig die Werbetrommel für die neue Gemeinschaftsschule im Rau­ner gerührt, und hinterher heißt es: „Tut uns leid, wir sind überbelegt. Sucht euch doch eine andere Schule.“

Es kommt aber noch ein zweiter Aspekt hinzu, warum die „Schülerlenkung“ hier nicht funktioniert: Es gibt in zumutbarer Entfernung keine andere Gemeinschaftsschule. Und wenn es doch eine gibt – beispielsweise in Wendlingen –, dann ist die auch bereits überbelegt. Lediglich „Geschwisterkinder“ von Ötlinger Schülern, die jetzt bereits an der Wendlinger Gemeinschaftsschule sind, werden dort noch aufgenommen.

Die andere Lösung für die Raunerschule heißt also: „Augen zu und durch! Probieren wir‘s eben trotz allem mit vier Eingangsklassen.“ Dann fällt eben der zusätzliche vierte Raum als „Freiraum“ weg, weil er als Klassenzimmer benötigt wird. Für Schulleiter Gerhard Klinger ist auch das ein Rechenexempel: „Es ist ein Unterschied, ob wir drei große Klassen haben, die mit 28 Schülern ganz voll sind, oder ob wir vier kleinere Klassen mit jeweils 22 Schülern haben.“ Im ersten Fall werde der zusätzliche vierte Raum auf jeden Fall benötigt, im zweiten Fall könnten sich zur Differenzierung auch andere Möglichkeiten finden lassen.

Bei vier Klassen gibt es an der Raunerschule tatsächlich in jeder Klasse 22 Schüler, auch rein rechnerisch. Das hat aber einen anderen Grund: Drei neu angemeldete Schüler kann die Raunerschule zum neuen Schuljahr ziemlich sicher nicht aufnehmen: Es sind Kinder der Bodelschwingh-Schule, die in diesem Fall mit der Raunerschule kooperieren würde. Für diese Kinder wäre aber ein eigener Raum unabdingbar, und diesen Raum gibt es derzeit an der Raunerschule nicht.

Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker spricht aber von Verhandlungen, die gerade mit einer anderen Kirchheimer Schule geführt werden, wo diese drei Schüler durchaus aufgenommen werden könnten. Für die Raunerschule ist die Oberbürgermeisterin davon überzeugt, dass der vierzügige Start der Gemeinschaftsschule die richtige Lösung ist. Zur Raumproblematik sagt sie: „Wir schaffen das, wir kriegen das hin.“ Langfristig sei am Rauner-Campus eine Fünfzügigkeit geplant. Wie sich diese Züge dann zunächst auf Raunerschule und Teck-Realschule verteilen, müsse sich zeigen. Auf jeden Fall müssten beide Schulen so zusammenarbeiten, dass es für jedes Schuljahr eine geeignete Lösung gibt. Die Idee der zwei getrennten Lernhäuser lasse sich wohl nicht aufrechterhalten. Aber bei ersten Gesprächen mit Fachlehrern für Technik und Kochen habe sich bereits gezeigt, dass beide Schulen gemeinsam gute Lösungen finden können.

Karin Bogen-Dittrich, die kommissarische Leiterin des Staatlichen Schulamts Nürtingen, bestätigt die Zahlen für die Raunerschule wie auch die Suche nach Lösungen. Derzeit werde das Thema in den unterschiedlichsten Gremien diskutiert. Auch eine Abstimmung mit dem Regierungspräsidium stehe noch an. Deshalb lasse sich nur eines mit Sicherheit sagen: „Wir sind mitten im Prozess.“ Bei aller Vorsicht bezieht sie dann aber doch Stellung: „Wir wünschen uns und raten dazu, dass die Raunerschule zum kommenden Schuljahr vier Eingangsklassen bildet.“

Erfolge fordern auch „Opfer“

Die Raunerschule ist ein „Opfer“ ihres eigenen Erfolgs – nach dem Motto: „Stell‘ dir vor, es gibt eine Gemeinschaftsschule und alle wollen hin.“ Natürlich sind längst nicht „alle“ neuen Fünftklässler in Kirchheim an der Raunerschule angemeldet, aber eben doch wesentlich mehr, als man sich selbst in den kühnsten Träumen erhofft hätte. Statt drei neuen Klassen müssen jetzt vier eingerichtet werden.

Die Betonung liegt auf „müssen“. Aber nicht im Sinne einer lästigen Pflicht, sondern in einem ganz anderen Sinn: Es ist richtig, trotz gewisser räumlicher Engpässe, mit vier neuen Klassen an den Start zu gehen und keinen der neuen Schüler einfach wegzuschicken – von den Kindern der Bodelschwingh-Schule einmal abgesehen, für die das Raumangebot an der Raunerschule momentan leider nicht ausreicht.

Wenn es im September 2015 vier neue Eingangsklassen im Rauner gibt, heißt das nämlich noch lange nicht, dass es künftig in jedem September so weitergeht. Erstens ist davon auszugehen, dass die Schülerzahlen grundsätzlich nicht mehr nach oben schnellen, und zweitens dürften in Kirchheim und Umgebung in absehbarer Zeit noch weitere Gemeinschaftsschulen entstehen.

Unter diesem Aspekt wären die aktuellen Anmeldezahlen der Rau­nerschule auch mit Vorsicht zu genießen: Wer aus diesem Erfolg den Rückschluss zieht, dass es jetzt möglichst viele neue Gemeinschaftsschulen geben muss, weil das Modell so gut ankommt, der verrechnet sich möglicherweise. Wenn sich zu viele Gemeinschaftsschulen plötzlich untereinander Konkurrenz machen, dann wird die Gemeinschaftsschule als Schulart vielleicht auf eine ganz andere Art wieder zum „Opfer des eigenen Erfolgs“.ANDREAS VOLZ

Anzeige