Lenninger Tal

Der rettende Grashalm?

Innovation Die Papierfabrik Scheufelen kämpft überaus motiviert mit einem innovativen Produkt ums Überleben. Mit Graspapier will sie auf dem Verpackungsmarkt Fuß fassen. Von Iris Häfner

Aufgeben? Kommt überhaupt nicht infrage. „Jetzt erst recht!“ - unter diesem Motto kämpfen Dr. Ulrich Scheufelen, Geschäftsführer Stefan Radlmayr und Dr.  Matthias Franz, Professor an der Hochschule der Medien mit Lehrstuhl Verpackungsdesign, für den Erhalt der traditionsreichen Papierfabrik in Oberlenningen. Das hat nichts mit Trotz zu tun, sondern mit der vollen Überzeugung, das Produkt der Zukunft entwickelt zu haben. Im Moment ruht jedoch die Papierproduktion wegen der Insolvenzeröffnung am 1. April, Vertrieb und Versand laufen allerdings normal weiter. Und im „Packaging Campus“, dem neuen Herz der Entwicklungsabteilung, wird auf Hochtouren an neuen, innovativen Produkten und Ideen gearbeitet.

Papierfabrik Scheufelen - Stefan Radlmayr GeschäftsführerGraspapier - Packaging Campus - Verpackungspapier aus Gras in Oberlenni
Foto: Jean-Luc Jacques

Für Schlagzeilen hat das Graspapier schon im vergangenen Sommer gesorgt. Die Entwicklung dazu fand in beachtlichem Tempo statt. Im Dezember 2016 ging die Probe- beziehungsweise Vorproduktion los, bereits im April 2017 war Scheufelen damit auf dem Markt. Das Konzept stieß prompt auf große Resonanz bei Discountern, Handelsketten und globalen Lebensmittelkonzernen. Den Durchbruch dafür schaffte Matthias Franz: Gemeinsam mit seinen Studenten hat er das Kunststück fertiggebracht, Kartonagen bedruckbar zu machen. Vorher war das unmöglich.

Zellstoffpreis stieg enorm

Die Idee zum Graspapier hatte Stefan Radlmayr. Angesichts des schrumpfenden Markts für grafisches Papier und der hohen Rohstoffpreise wurde ihm klar, dass die Firma neue Wege beschreiten muss. „Bei holzfrei gestrichenem Papier hatten wir wegen der Digitalisierung ein Minus von 25 Prozent in den vergangenen fünf Jahren“, erklärt Ulrich Scheufelen. Dazu kommt, dass innerhalb von zwölf Monaten der Preis für Zellstoff um 26 Prozent gestiegen ist. „Dadurch wurden wir finanziell in die Ecke getrieben“, zeigt Ulrich Scheufelen das Dilemma auf, denn bei der Papierherstellung schlagen die Zellstoffkosten mit 40 Prozent zu Buche. Diesen Rohstoff muss das Unternehmen auf dem Weltmarkt zukaufen, und wegen der gestiegenen chinesischen Nachfrage kletterten auch die Preise nach oben. Der Grund ist außerordentlich menschlicher Natur: In China wird mehr Toilettenpapier verbraucht.

Papierfabrik ScheufelenKaffeebecher MachineGraspapier - Packaging Campus - Verpackungspapier aus Gras in Oberlenningen
Foto: Jean-Luc Jacques

Während das Interesse an hochwertigem Papier schrumpft, nimmt die Bedeutung für Verpackungen zu. Plastik gerät wegen der Vermüllung der Meere und der Landschaft immer mehr in Verruf, was das große Interesse der Konzerne an ökologischen Verpackungen beweist. „Wir sind hier im Biosphärengebiet. Um eine ökologisch wertvolle Wiese zu erhalten, darf sie zwei-, maximal dreimal gemäht werden“, erklärt Ulrich Scheufelen. Verwendung findet dieses stabile und langstielige Heu als Pferdefutter und in Biogasanlagen. Für Kühe ist es weniger geeignet, es enthält wenig Protein. Es gibt deshalb einen Überschuss an diesem „alten Gras“. Das führte Stefan Radlmayr zu der Überlegung, es sinnvoll in die Verwertungskette aufzunehmen.

Papierfabrik ScheufelenGraspapier - Packaging Campus - Verpackungspapier aus Gras in Oberlenningen
Foto: Jean-Luc Jacques

 

Heuballen sucht man auf dem Werksgelände vergebens. Der Rohstoff kommt in Form von Pellets in großen Säcken an - es ist schlicht Pferdefutter. Ziel der Papiertechniker ist es, aus dem gepressten Heu die Proteine herauszuholen, die dann wiederum der Futtermittelindustrie zufließen können. Wasser und Energie braucht es für diesen Vorgang, mehr nicht. Es ist sogar weniger Wasser nötig, als bei der üblichen Papierherstellung. Der rein mechanische Vorgang ist zudem mit erheblicher Kosteneinsparung verbunden. „Wir können Einjahrespflanzen einsetzen. Das macht den Grundstoff wesentlich günstiger. Dazu kommt noch der Umweltaspekt: Wir produzieren nachhaltig“, nennt Matthias Franz die Vorteile. Aus Festigkeitsgründen hat das Graspapier noch einen Zelluloseanteil von 50 Prozent, der üblicherweise von Holz stammt. „Unser Ziel ist es jedoch, schrittweise Papier aus 70 Prozent Gras herzustellen“, so der Professor.

Feuer und Flamme

Seine Studenten sind Feuer und Flamme für das neue Produkt. Vor allem der ökologische Aspekt hat es ihnen angetan. Zwei Doktoranden aus Kuba arbeiten ebenfalls in dem Projekt mit, denn Matthias Franz lehrt auch auf der Karibikinsel. Der Packaging Campus ist Teil des Steinbeis Transferzentrums. Dort wird mit dem Kunden an Lösungen für sein Wunschprodukt gearbeitet. Es entstehen echte Prototypen mit Logo und Farben, denn es gibt Druck- und Stanzmaschinen, ebenso eine Bechermaschine. „Wenn es schwierig wird, holen wir Dritte dazu“, erklärt Matthias Franz. Das ist dann beispielsweise die Uni Hohenheim oder das Fraunhofer Institut.

Julia Knobloch und Felipe Ruiz sind Verpackungsentwickler. Sie testen und forschen am Graspapier mit. Die beiden sind für die Gestaltung des Stands für die Messe Branchentreff Verpackung in Zürich vom 11. bis 12. April zuständig und mit dem Drucken eines fünf Meter langen Banners beschäftigt. „Verpackung ist extrem wichtig, vor allem, wenn es darum geht, möglichst keinen Müll zu produzieren“, erklärt Julia Knob­loch, warum ihr der Job so viel Spaß macht.

Papierfabrik ScheufelenGraspapier - Packaging Campus - Verpackungspapier aus Gras in Oberlenningen
Foto: Jean-Luc Jacques

Bunte Bilder auf dem grünen Papier

Papierfabrik ScheufelenProf. Dr. Mathias FranzGraspapier - Packaging Campus - Verpackungspapier aus Gras in Oberlenningen
Prof. Dr. Mathias Franz. Foto: Jean-Luc Jacques

Die Herausforderung für die Entwickler war, das Graspapier bedruckbar zu machen. Ohne Beschichtung geht es nicht. „Beim Offset-Drucken reißt die Maschine das Graspapier aus“, sagt Professor Dr. Matthias Franz. Dazu kam der Wunsch der Kunden, dass dieses besondere Papier seine grüne Farbe behält. Die Lösung: eine sehr dünne, durchsichtige Schicht auf dem Karton. Der grüne Charakter des Graspapiers bleibt erhalten und somit die Natürlichkeit des Produkts. „Damit hat die Verpackung auch eine Werbewirksamkeit“, erklärt der Professor. Dank dem neu entwickelten Verfahren lassen sich nun in die Obst- und Gemüseschalen je nach Verwendung Erdbeeren und Birnen, Karotten und Tomaten aufdrucken. „Der erste große Einsatz war in Österreich mit Obstschalen für Äpfel. Der Konsument findet so gute Äpfel in einer umweltfreundlichen Verpackung“, sagt Matthias Franz.

Heiß- und Kaltgetränke hieß die nächste Stufe für die Entwickler, denn Firmen aus dem Fast Food-Bereich waren ebenfalls auf das neue Segment der Firma Scheufelen aufmerksam geworden und äußerten ihre Wünsche. Hier mussten gleich mehrere Aufgaben gelösten werden. Zum einen müssen die Gefäße total dicht und zum andern sowohl für kalte als auch heiße Getränke geeignet sein. Ebenfalls nicht zu vergessen: Der direkte Kontakt von heißem Fett, wie es gern bei einer Portion Pommes der Fall ist, sollte weder dem Essen noch der Schale schaden. „Das ist eine empfindliche Sache. Dafür braucht es Zertifikate von Instituten und dafür sind die Hürden ziemlich hoch“, erklärt Matthias Franz. Um die Lösung finden zu können, kam der Professor auf die Idee, eine Labormaschine zur Becher-Herstellung anzuschaffen. Die Investition hat sich gelohnt. 50 dichte Becher pro Minute kann der Apparat herstellen. „Große Maschinen schaffen zwar 350 bis 500 pro Minute. Die Bäcker in der Region könnten wir aber alle glücklich mit unserem Produkt machen“, so der Professor.

Die Ideen für ihre Verpackungen gehen den Entwicklern so schnell nicht aus. Kräuterbonbons haben sie ebenfalls schon erfolgreich eingetütet. Hier mussten sie etwa daran tüfteln, die Feuchtigkeit von dem Lutschwerk fernzuhalten, damit sie nicht miteinander verkleben. Auch Kosmetik- und Brühwürfelhersteller haben bereits ihr Interesse an der neuen Verpackungsart angemeldet. ih